Messerattacke in Hamburg Kampf der Kulturen

Willkürliche Attentate wie der Messerangriff von Hamburg zielen auf die Spaltung der Gesellschaft. Wollte der Angreifer tatsächlich einen Religionskrieg in Deutschland befeuern, dann ist er spektakulär gescheitert.

Eine Frau legt in Hamburg Blumen vor dem Supermarkt-Tatort ab
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Eine Frau legt in Hamburg Blumen vor dem Supermarkt-Tatort ab

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Die Messerattacke von Hamburg ist die abscheuliche Tat eines fehlgeleiteten Mannes. Ob er im Namen oder gar Auftrag des IS gehandelt hat oder aufgrund einer anders gearteten Geisteskrankheit, das müssen die Ermittler klären. Unzweifelhaft ist: Der Palästinenser Ahmad A., nach Deutschland gekommen als Schutzsuchender, hat ein schreckliches Verbrechen begangen.

Ein Mann starb an seinen Messerstichen, sieben Menschen hat er teils schwer verletzt. Zum Glück sind die Verletzten außer Lebensgefahr, hoffentlich werden sich alle, die diesen schrecklichen Angriff erleiden und miterleben mussten, wieder vollständig erholen, und hoffentlich bekommen sie dabei alle Unterstützung des Staates, die auch dann nicht aufhören darf, wenn die äußeren Wunden verheilt sind.

Noch wissen wir recht wenig über die Motivation des Attentäters. Sein Asylbegehren war abgelehnt worden, seine Ausreise nur durch fehlende Papiere verzögert. Es gab Hinweise darauf, dass sich der Mann in letzter Zeit radikalisiert und fanatisch-islamistische Tendenzen entwickelt habe, zudem scheint es sich bei Ahmad A. um eine labile Persönlichkeit zu handeln. Die Behörden sehen allerdings zurzeit "keine belastbaren Hinweise" auf eine verminderte Schuldfähigkeit.

Man darf also annehmen, dass seine Messerattacke als islamistischer Terrorangriff gemeint war. Derartige kaum vorhersehbare und daher kaum zu verhindernde Angriffe mit Alltagswaffen wie Messern oder Autos, die in Menschenmengen gesteuert werden, zielen auf Verunsicherung und letztlich die Spaltung der Gesellschaft. Aus der Verunsicherung soll Hass werden, und so soll es zu dem vom IS sehnlichst herbeigewünschten Religionskrieg kommen.

Friedliche gegen die Friedensstörer

Durch den islamistischen Terror soll die christliche Mehrheitsgesellschaft gegen die Muslime insgesamt aufgehetzt werden, die sich dann wiederum, frustriert von der kollektiven gesellschaftlichen Feindseligkeit, allesamt gegen die sogenannten Ungläubigen erheben sollen - zum großen Endkampf, an dessen Ende ein globales Kalifat errichtet werden soll.

Sollte dieser Irrsinn der Hintergrund des Angriffs in Hamburg gewesen sein, dann ist die Terrortat spektakulär gescheitert. Ja, die Messerattacke spaltet die Gesellschaft - aber in einer ganz anderen Weise, als es sich der IS wünschen kann.

Es tobt längst ein ganz anderer Kampf der Kulturen, als der von fanatischen Kalifatskämpfern und womöglich auch manchem selbsternannten Abendlandsretter angestrebte. In diesem Kampf stehen sich nicht etwa Islam und Christentum gegenüber, es stehen nicht Einwanderer gegen Biodeutsche. Tatsächlich ist es ein Kampf all jener Bürgerinnen und Bürger, die ganz unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe und Religion in Deutschland friedlich zusammenleben wollen, gegen jene, die diesen Frieden zerstören möchten. Es ist der Kampf der Vernünftigen gegen die Irren.

Der Terror schweißt zusammen

Das ist trotz allen Entsetzens über den Anschlag eine gute Nachricht. Es ist eine gute Nachricht, dass ein Bekannter des Attentäters frühzeitig zur Polizei gegangen ist, als er feststellte, dass sich Ahmad A. von einem sehr weltlichen Partytypen zu einem radikalen Islamisten wandelte. Es ist eine gute Nachricht, dass eine gemischte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund und solchen ohne sich am Freitag spontan in einem Akt der Zivilcourage zusammengefunden hat. Gemeinsam haben sie den Messerattentäter aufgehalten, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte.

Die schreckliche Tat von Hamburg taugt nicht als Teil der Horrorvision vom Vormarsch eines eroberungswütigen Islams, der uns unser schönes Deutschland kaputt machen möchte. Wie die heldenhaften Hamburger Bürger gegen den Täter aufgestanden sind, erzählt vielmehr von der Gemeinsamkeit in dieser Gesellschaft, zumindest vom gemeinsamen Wert, dass man zusammenstehen muss, wenn jemand das Leben von Mitmenschen bedroht.

Freilich muss jetzt gestritten werden: Darüber, wie es sein kann, dass ein ausreisepflichtiger, den Behörden bekannter Islamist überhaupt zu so einer Tat kommen konnte. Warum er nicht abgeschoben werden konnte. Ob die Einschätzung des Hamburger Verfassungsschutzes, von Ahmad A. gehe keine Gefahr aus, nicht nur im Nachhinein verheerend, sondern schon vor der Tat erkennbar falsch war. Und ob es nicht eine Form des positiven Rassismus ist, jetzt den kulturellen Hintergrund derer zum Thema zu machen, die sich dem Täter in den Weg gestellt haben.

Das muss sein, genauso wie die Trauer um den Ermordeten und das Mitgefühl für die Verletzten. Und dennoch kann man das, was in Hamburg geschehen ist, auch zum Anlass nehmen, sich zu vergegenwärtigen: Es gibt leider einige Irre, es gibt leider gewalttätige Fanatiker. Aber es gibt viel mehr Mutige, viel mehr Vernünftige, viel mehr ganz normale Leute, die sich keine Angst machen und die sich nicht aufhetzen lassen. Wir sind mehr, und gemeinsam werden wir diesen Kampf gewinnen.

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Seite 1
hinschauen 30.07.2017
1.
Nein, Herr Kuzmany. Es muss nicht nur darüber debattiert werden, wieso der Mann nicht als gefährlich erkannt wurde, oder warum er nicht abgeschoben wurde. Es muss darüber debattiert werden, warum er überhaupt in dieses Land einreisen konnte.
hatem1 30.07.2017
2. "Wir sind mehr" - na dann...
"Wir sind mehr, und gemeinsam werden wir diesen Kampf gewinnen." - Das ist das buchstäbliche laute Pfeifen im Wald. Seit wann braucht es zahlenmäßige Überlegenheit der Terroristen, um ein Land durch Terror in Angst und Schrecken zu versetzen? In Deutschland leben Tausende "polizeibekannte" Islamisten und Dschihadisten und Gefährder. Das reicht. Wir werden diesen Kampf vielleicht nicht verlieren, aber es wird weiter Opfer geben. Wer etwas anderes behauptet, ist naiv oder lügt.
MarkusRiedhaus 30.07.2017
3. Diesem Artikel kann man absolut unterschreiben nur...
...sollte man nie vergessen dass reiche und militärisch mächtige Regime (Monarchien, Diktaturen) und Terroristen die Deutungshoheit über die Religion des Islams in vielen Ländern der Welt inne haben. Man verengt seinen Fokus auf die hier in Demokratie "lebenden" und damit "freien" Muslime. Aber Ehrgefühl und ein Pfiff aus Ländern wie der Türkei und dann steht man vor einem Loyalitätsdilemma. Spaltung ist deswegen wohin man sieht. Ich glaube auch viele wollen diese Dinge nicht beim Namen nennen, weil Konzepte noch nicht erfunden wurden (oder eventuell unmöglich sind) und nur Apelle wie der Artikel existieren können. Reicht dies wirklich?
caty24 30.07.2017
4. Eines hat man dabei gelehrt
Manchmal kann man Gefährder auch nur mit Stühlen besiegen. Diese Helden haben einen Orden verdient.
nadennmallos 30.07.2017
5. Freilich muss jetzt gestritten werden ...???
Nein, Herr Kuzmany, es muss gehandelt werden. Was sich momentan abzeichnet ist eine langsam um sich greifende Verunsicherung, mit Reden allein kommen Sie nicht weiter, denn: Reden tun wir doch schon seit vielen, vielen Monaten. Mit ihren lockeren Sprüchen à la: "Wir sind mehr und wir werden gewinnen" helfen Sie niemandem, weder den Flüchtlingen noch den Bürgern. (Aber hört sich dolle an, lol!!) Die politisch Verantwortlichen drücken sich bis heute um die Lösung des Problems. Meines Erachtens brauchen wir die Zuwanderung (ja auch Flüchtlinge), wenn nicht in allen Fällen, so doch da, wo eine Eingliederung machbar scheint. Daran müssen wir verstärkt arbeiten. Schau' ich allerdings in die Vergangenheit, wie die Eingliederung der türkischen Bevölkerung geklappt hat, würde ich sagen: Nicht so prall in vielen Fällen. Und der anhaltende Flüchtlingsstrom stellt uns vor sehr große Probleme, noch dazu in einer EU, die man nicht unbedingt solidarisch nenen möchte. Generell gilt: Flüchtlinge muss man aufnehmen, wenn sie in Not sind und das sind leider sehr viele!!! Aber man muss ihnen auch Perspektiven geben, keine hohlen Phrasen und es muss klar sein: Fördern und Fordern bei den Flüchtlingen ebenso, wie bei den Bürgern.
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