Hamburger und der Gipfel Wenn Trumps Hubschrauber vor der Kita landet

Polizisten in Sturmhauben stehen vor der Haustür, ganze Areale werden abgeriegelt: Die Hamburger bereiten sich auf den G20-Gipfel vor. Manche wollen protestieren, andere flüchten. Sechs Menschen berichten.

Der G20-Gipfel: Was kommt da auf Hamburg zu?
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Der G20-Gipfel: Was kommt da auf Hamburg zu?


Zwei Meter hoch, zehn Meter breit ist das Banner, das an der Fassade des Elisabeth Alten- und Pflegeheims prangt: "Wir wünschen allen ein friedliches Zusammentreffen! Das Elisabeth Seniorenheim" steht dort auf Englisch. Die Gründerzeitvilla liegt direkt am Hamburger Schanzenpark, gegenüber der S-Bahnstation Sternschanze, unmittelbar am Demonstrationsgebiet der linken Szene.

Alten- und Pflegeheimleiter Hans-Jürgen Wilhelm
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Alten- und Pflegeheimleiter Hans-Jürgen Wilhelm

Hans-Jürgen Wilhelm, Leiter des Seniorenheims, ist sich bewusst, dass das Haus zum G20-Wochenende besonderen Schutz benötigt. Viele wüssten nicht, dass sich hier ein Seniorenheim befindet, sagt Wilhelm. Würde das gepflegte Backsteinhaus von linken Protestlern als städtisches Gebäude wahrgenommen und so zum Angriffsziel werden, wäre das problematisch. Deswegen die Banner - auch auf Englisch, für Demonstranten aus dem Ausland. "Wir wollten das Haus kennzeichnen und es so aus Krawallen heraushalten", erklärt der 49-Jährige. Eigentlich gehe er aber von friedlichen Protesten aus. Dennoch wird das Sicherheitsteam zum Schutz der 174 Bewohner am G20-Wochenende verstärkt.

Irmgard Litzki lebt seit acht Jahren im Elisabeth Alten- und Pflegeheim. Die 95-Jährige bewegt sich nur mit dem Rollator durch die Gänge des Hauses. Während viele G20-Anwohner ihre Wohnungen in der Innenstadt an dem Wochenende verlassen, bleibt Litzki hinter den Wänden des Heims. "Ich kann hier nicht weg, ich bin immer hier", sagt sie. Vom Fenster aus hat sie bereits viele Mai-Demos im Schanzenviertel beobachtet, wo sich linke Demonstranten und Polizeihundertschaften mit Wasserwerfern jährlich gegenüberstehen.

Seniorin Irmgard Litzki
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Seniorin Irmgard Litzki

Eigentlich sei sie gelassen, sagt die Rentnerin. "Den Krieg habe ich immerhin auch überlebt", aber: "Ein bisschen Angst hat man dieses Mal schon. Zumal die Gegner nicht gerade zimperlich sind."

Das Seniorenheim bereitet sich auf den G20-Gipfel vor
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Das Seniorenheim bereitet sich auf den G20-Gipfel vor

Karolinenviertel: Zwischen Sturmhauben und Gewehren

Das Karolinenviertel an den Messehallen - hier werden die Staats-und Regierungschefs praktisch zu Nachbarn, wenn sie nur wenige Gehminuten entfernt tagen. Einer, der bei den Anti-G20-Demos vorne mit dabei sein wird, ist Christian Vogt. Der 34-jährige Politologe lebt seit drei Jahren in der Karolinenpassage. Seit fast zehn Jahren ist er politisch aktiv.

Im Video: Das sind die Brennpunkte in Hamburg

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Bei der zentralen Demo am 8. Juli, bei der mehr als 60.000 Protestierende erwartet werden, geht auch Vogt auf die Straße. "G20 ist eine Zumutung für die Menschen dieser Stadt", sagt er. "Ich finde es schon problematisch, dass die Hamburger nicht gefragt wurden, ob der Gipfel hier stattfinden soll. Mit der Demonstrationsverbotszone hat man ihnen außerdem ein Grundrecht zum Protest genommen." (Lesen Sie hier alles zu den Sperrzonen rund um den Gipfel.)

Die von der Stadt verhängte Verbotszone zieht sich durch die ganze Innenstadt, von der Willy-Brandt-Straße im Süden bis zum Flughafen im Norden.

Christian Vogt wohnt seit drei Jahren im Karoviertel
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Christian Vogt wohnt seit drei Jahren im Karoviertel

Allein die Aufwendungen für die wochenlangen Sicherheitsmaßnahmen seien unverhältnismäßig. Rund 50 Millionen Euro soll der Gipfel kosten.

Nachts das Geknatter der Helikopter, tagsüber Einsatzkolonnen

Nur wenige Hundert Meter entfernt von der Karopassage wohnt Janna. Während viele Karoviertel-Anwohner in der gelbmarkierten, zweiten Sicherheitszone leben, liegt Jannas Wohnhaus sogar in der rotmarkierten, ersten Sicherheitszone - im sogenannten "Gefahrengebiet". Hier wohnen viele Familien mit Kindern. In diesen Tagen ist der G20-Gipfel für Janna und ihre Familie allgegenwärtig.

Nachts hören sie das Geknatter der Helikopter, die über den Dächern kreisen. Tagsüber fahren Polizeikolonnen durch das Viertel. Man übt für den ganz großen Einsatz. Um in ihre Wohnung zu gelangen, muss Janna mit ihrer vierjährigen Tochter manchmal durch ein Spalier von Polizisten mit Sturmhauben und Gewehren. "Ich finde es martialisch. Für die Kinder ist es unheimlich", sagt Janna. Bald könne man nur noch mit Ausweis an den Polizisten vorbei.

Wie erklärt man Kindern diesen Ausnahmezustand? "Ich sage immer, da treffen sich mächtige Menschen und deswegen ist die Polizei da. Aber die Politik der mächtigen Menschen finden wir nicht gut." Für Janna repräsentieren viele der anreisenden Politiker Krieg und Vertreibung. Deswegen geht sie mit ihrer Tochter zur Kinderdemo im Karoviertel. Mit bunter Kreide malen die Kinder ihren Protest gegen Putin, Erdogan, Trump und Co. auf die Straße.

Und am G20-Wochenende selbst? Während einige St.-Pauli-Anwohner ihre Fenster vorsichtshalber mit Brettern verbarrikadieren, fahren Janna und ihre Tochter zum Opa aufs Land. Aber erst wenn die selbst gemalten Anti-G20-Transparente am Balkon hängen.

HafenCity: Abendprogramm für die Mächtigen

Protestcamp vor der Elbphilharmonie in der HafenCity
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Protestcamp vor der Elbphilharmonie in der HafenCity

Neben den Messehallen im Karoviertel wird auch die HafenCity im südlichen Teil der Innenstadt zum G20-Gebiet. Das Areal um die Elbphilharmonie gerät dabei zur Sperrzone.

Am Abend des 7. Juli besuchen die Gäste des Gipfels dort ein Sonderkonzert. In der Zone befinden sich viele Museen, Kultureinrichtungen und Touristenattraktionen wie das Miniaturwunderland. Bereits im Vorfeld ist das Modelleisenbahn-Museum durch die angekündigten Demonstrationen von Stornierungen betroffen. Dennoch ist Gründer und Betreiber Frederik Braun positiv gestimmt: "Das sind unsere Volksvertreter, die bei G20 miteinander sprechen und wichtige Entscheidungen treffen", sagt Braun. "Ich finde es sogar besser, dass sie es mitten in unserer Stadt tun und nicht irgendwo hinter Mauern versteckt." Hamburger sollten den Gipfel eher als Chance für ein lautstarkes, gewaltfreies Eintreten gegen Ausgrenzung, Autokratie und Protektionismus nutzen.

Planten un Blomen: Landeplatz für Trumps Helikopter

Direkt im Herzen von Hamburg befindet sich der Kindergarten am Sievekingplatz, Kinder toben hier ausgelassen auf dem Spielplatz. Ihr Garten mündet direkt in den Park Planten un Blomen - ein bei Hamburgern beliebter Erholungsort. Am G20-Wochenende wird man hier keine Kinder spielen hören, sondern Helikopter und Martinshörner. Kindergartenleiterin Evelin Hoop muss die Kita wegen des Gipfels am Freitag schließen. Eventuell auch am Donnerstag. 76 Kinder müssen dann anderweitig betreut werden. Vor allem für die Eltern sei das nervig, erklärt Hoop. "Die Kinder müssen zu den Großeltern, oder die Eltern müssen sich frei nehmen. Ich verstehe nicht, warum der Gipfel mitten in der Stadt stattfinden muss", sagt Hoop - und dann auch noch in den linksgeprägten Vierteln. Da sei Ärger programmiert. "Die Politiker könnten sich doch überall treffen, meinetwegen auch auf einem Berg oder in einem U-Boot."

Evelin Hoop leitet den Kindergarten am Sievekingplatz
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Evelin Hoop leitet den Kindergarten am Sievekingplatz

Stattdessen kommen sie direkt vor die Tür des Kindergartens. Glaubt man den am Park stationierten Einsatzkräften, wird US-Präsident Donald Trump in Planten un Blomen auf der Wiese mit dem Helikopter landen. Eben deshalb werde ja auch der ganze Park zur Sicherheitszone.


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insgesamt 112 Beiträge
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darthmax 26.06.2017
1. Flucht
Praxis wird geschlossen, wir flüchten. Wenn ausser den Hoteliers und den Radikalinskis diesen Gipfel als willkommen erachtet, bitte im Bundeskanzleramt melden. Die Hamburger in Geiselhaft, wer hätte das gedacht.-
equigen 26.06.2017
2. Steuerverschwendung
Statt die Städte oder ganze Landstriche (vor 3 Jahren in Bayern) in den Ausnahmezustand zu versetzen und zu Hochsicherheitsburgen zu machen sollten sich die Damen und Herren auf Militärstützpunkten treffen. Kostenersparnins im 2 bis 3-stelligen Millionenbereich! Damit könnte man unmittelbar was vernünftiges anfangen. Aber darum geht's ja nicht, sondern um Machtdemonstration.
valmel 26.06.2017
3.
So schnell wird aus einem angeblichen Rechtsstaat ein Polizeistaat - zumindest in dieser Großstadt. Unfassbar, was die Politik sich herausnehmen kann. Wenn sie so viel Angst vor dem Volk hat, sollten sie sich auf einem Schiff treffen.
Lebonk 26.06.2017
4.
1962 kam Charles de Gaulle nach Hamburg , 1965 Queen Elisabeth, Ich habe beide Male an der Straße bzw. vor dem Rathaus in der Menge gestanden. Die Gäste kamen in offenen Wagen. Heute geht das nicht mehr, weil es zuviele verrohte, gewaltbereite Menschen gibt, die nicht nur demonstrieren, sondern verhindern - notfalls mit Gewalt - wollen. Es ist also erforderlich, die Gäste zu schützen. Wer sich über die Kosten aufregt, sollte sich an die wenden, die durch ihre Drohungen und Hasstiraden diese teuren Sicherheitsmaßnahmn erforderlich machen.
thomas.kistler 26.06.2017
5. Einfach ....
... ne alte Kaserne umbauen, kann ruhig schick sein. Selbst wenn die ansonsten leer rumsteht, dürfte das im Endeffekt billiger und problemloser sein. Ansonsten stehe ich diesen Gifpeln und der persönlichen Kontaktaufnahme zwischne den Politikern schon positiv gegenüber.
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