Abstimmung in Hamburg Sechs Wahrheiten über die Wahl im Norden

Die SPD gewinnt die Wahl in Hamburg souverän - vor allem in sozial schwächeren Wahlkreisen. Die CDU erlebt bittere Zeiten, sie wird in einem Stadtteil sogar zur Vier-Prozent-Partei. Die Datenanalyse zur Abstimmung an der Elbe.

Von , , und (Grafiken)


1. Scholz hat sich in der Mitte breit gemacht

Die Hansestadt bleibt fest in SPD-Hand. Laut vorläufigem Ergebnis gewinnt sie in allen 17 Wahlkreisen. Die Sozialdemokraten haben ihren Triumph vor allem der Popularität von Bürgermeister Olaf Scholz zu verdanken. Mit der Arbeit seines Senats sind zwei Drittel der Befragten den Meinungsforschern von Infratest dimap zufolge zufrieden, mit seiner persönlichen Tätigkeit sogar mehr als drei Viertel.

Allerdings kann der erfolgreichste SPD-Ministerpräsident nun nicht mehr alleine regieren. Er ist nach dem Verlust der absoluten Mehrheit auf einen Koalitionspartner angewiesen. Scholz will mit den Grünen reden - ein großer Teil der Hamburger (41 Prozent) befürworten ein rot-grünes Modell.

Der Bürgermeister und seine SPD haben die politische Mitte in Hamburg mittlerweile so breit besetzt, dass sie der CDU den politischen Spielraum genommen haben, wie die Ergebnisse der beiden Parteien in den vergangenen Jahren zeigen. War die CDU mit dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust 2004 noch oben auf, kehrte sich das Verhältnis vor vier Jahren zugunsten von Scholz um.

Bei einem genaueren Blick auf die SPD-Verhältnisse zeigt sich zudem, dass die Sozialdemokraten in den Wahlkreisen stark sind, in denen die Arbeitslosigkeit hoch, die Anzahl der Migranten groß und der Bildungsgrad niedrig ist. Klicken Sie hier, um die genauen Zahlen zu vergleichen:

In sozial schwächeren Gebieten wie Billstedt, Horn und Rothenburgsort trauen die Wähler Scholz, der sich besonders auf das Feld Wirtschaftspolitik konzentriert hatte, offenbar größere Kompetenzen bei der Lösung ihrer Probleme zu als Vertretern anderer Parteien. Allerdings holt die Linke beim Thema Soziale Gerechtigkeit auf (siehe hierzu Punkt 4).

2. Die CDU fällt in die Fünfzigerjahre zurück

15,9 Prozent - ein niederschmetterndes Ergebnis für die Christdemokraten in Hamburg. Im größten Hamburger Wahlbezirk Mitte ist die CDU mit 12,1 Prozent* zwar zweite Kraft nach der SPD (46,4 Prozent), liegt aber nur hauchdünn vor Linken (12,0 Prozent) und Grünen (11,9 Prozent). Besonders bitter: Im Stadtteil St. Pauli erhält die CDU mit 4,7 Prozent* nur wenige Stimmen mehr als die Satirepartei "Die Partei" (4,1 Prozent) und die Piraten (4,6 Prozent).

Zuletzt erlitt die CDU nur bei Landtagswahlen in der Adenauer-Ära noch schlechtere Resultate. Bei der Abstimmung zur Bremer Bürgerschaft erreichten die Christdemokraten 1951 lediglich neun Prozent der Stimmen. Damals feierte aber nicht nur die SPD große Wahlerfolge, sondern auch mehrere rechtskonservative und rechtsradikale Parteien machten der CDU an der Weser die Stimmen streitig. Das jetzige Debakel mit nur 15,9 Prozent der Stimmen erscheint vor diesem Hintergrund besonders niederschmetternd.

Wähler der AfD: Aus allen Lagern dazugewonnen

Wähler der AfD: Aus allen Lagern dazugewonnen

3. AfD sammelt Protestwähler

Im größten Wahlbezirk Hamburg-Mitte liegt die AfD mit 6,9 Prozent sogar vor der FDP (4,8 Prozent*), der sie insgesamt 4000 Wähler abgenommen hat. (Lesen Sie hier die ausführliche Auswertung der Wählerströme; alle Grafiken finden Sie hier im Wahlanalyse-Tool).

Selbst aus dem Linken- und Grünen-Lager kann die rechtskonservative AfD Wähler hinzugewinnen. Enttäuschte Ex-Wähler der SPD oder der CDU wenden sich der Partei zu. Dabei sagen die meisten Anhänger der AfD, dass ihnen bewusst sei, dass die Partei zwar keine Probleme löse, aber die Dinge zumindest beim Namen nenne, vor allem beim Thema Zuwanderung und Ausländer. Zumindest schafft es die AfD mit ihrem Wahlkampf 8000 Menschen wieder an die Urnen zu bringen, die vor vier Jahren nicht abstimmten.

4. Ein Hamburger Hoch für die Liberalen

Für die FDP ist die Hansestadt alles andere als eine sichere Bank - bei den vergangenen Wahlen hat sie ein Auf und Ab erlebt. Seit 2004, als sie gerade einmal 2,8 Prozent schaffte, geht es nun bergauf. Allerdings sind die liberalen Zuwächse nur möglich, weil die CDU, die vielen Wählern profillos erscheint, herbe Niederlagen einstecken muss. Die Wählerwanderungsanalyse zeigt, dass die FDP von der Schwäche der Christdemokraten profitiert. Dieses Mal verbucht sie ein Plus von 9000 Wählern aus dem Unionslager.

5. Der kaum beachtete Triumph der Linken

Sie bleibt in der Opposition und ist trotzdem einer der Sieger der Hamburg-Wahl: die Linke. In der Hansestadt erhielt die Partei 8,5 Prozent der Stimmen, das entspricht einem Zuwachs von mehr als zwei Prozentpunkten gegenüber 2011. Die Linke feiert dieses Ergebnis. Lässt man die Wahlerfolge im Saarland außen vor - dort hat die Partei mit Oskar Lafontaine eine ihrer Hochburgen - hat die Linke in Hamburg ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland erzielt. Seit 2011 schaffte sie es bei Landtagswahlen in den alten Bundesländern nur zweimal in die Parlamente: 2011 in Bremen (5,6 Prozent) und 2013 in Hessen (5,2 Prozent).

In Hamburg profitiert die Linke von einer Schwäche der SPD: Sie hat sich zwar als wirtschaftskundig profiliert, fällt aber beim Thema Soziale Gerechtigkeit laut Infratest dimap um sieben Prozentpunkte auf 45 Prozent. Rund 4000 Wähler wanderten von den Sozialdemokraten zur Linkspartei.

6. Es ist Wahl in Hamburg - und immer weniger gehen hin

Lag es an Olaf Scholz, dass das Interesse an der Hamburg-Wahl auf ein historisches Tief gefallen ist? So erklären jedenfalls einige Politologen das Sinken der Wahlbeteiligung auf 56,6 Prozent: Da sich der SPD-Sieg lange abgezeichnet hatte, gaben weniger Hamburger ihre Stimme ab als noch vor vier Jahren, so eine Erklärung der Experten.

Oder lag es doch am enorm komplizierten Wahlrecht in der Hansestadt, wo die Wähler insgesamt bis zu zehn Stimmen auf zwei Listen verteilen können? Mit beiden Theorien allein lässt sich der Trend aber kaum erklären: Seit der Bürgerschaftswahl 2001 ist die Wahlbeteiligung in Hamburg kontinuierlich zurückgegangen - um nahezu 15 Prozentpunkte binnen anderthalb Jahrzehnten. Das derzeit geltende Wahlrecht war allerdings erst 2007 eingeführt und 2009 modifiziert worden. Hinzu kommt: Erstmals konnten in Hamburg dieses Mal auch die 16- und 17-Jährigen abstimmen.

* Ergebnisse des Wahlbezirks Hamburg-Mitte und des Wahlgebiets St. Pauli - Auszählungsstand 15.30 Uhr


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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
nibelung 16.02.2015
1. Linke CDU
Am Ende wird auch Merkel begreifen müssen, dass die CDU-Stammwähler keine linke CDU wollen. Deshalb neigen sie jetzt zu Alternativen in anderen Lagern, die ihnen authentischer erscheinen. Nachdem die CDU ihren Charakter verspielt hat wird am Ende wird auch der Kanzler-Bonus nichts mehr nützen. Die nächste BT-Wahl wird das wirkliche Trauma.
saiid 16.02.2015
2. wahlsystem
als Wähler in HH muss ich auch dem Wahlsystem eine Mitschuld geben. 2x jeweils 5 Kreuze in zwei heften zu machen wirkt einfach nur abschreckend und ist unsinnig. außerdem würde mich mal die Quote der ungültigen Wahlzettel interessieren.
hanfiey 16.02.2015
3. Linke CDU?
Eher rechte SPD.
Emil Peisker 16.02.2015
4. Als Wahlanalyst...
Zitat von nibelungAm Ende wird auch Merkel begreifen müssen, dass die CDU-Stammwähler keine linke CDU wollen. Deshalb neigen sie jetzt zu Alternativen in anderen Lagern, die ihnen authentischer erscheinen. Nachdem die CDU ihren Charakter verspielt hat wird am Ende wird auch der Kanzler-Bonus nichts mehr nützen. Die nächste BT-Wahl wird das wirkliche Trauma.
Als Wahlanalyst gewinnen Sie keinen Blumentopf. Die Situation in Hamburg auf den Bund zu übertragen, ist unterirdisch inkompetent, Alles das, was Scholz in Hamburg geholfen hat, ist im Bund bei Merkel angesiedelt. Verlässlichkeit, Wirtschaftsfreundlichkeit, Rücksicht auf soziale Belange. Eher ist es so, dass das Modell Scholz im Bund das Modell Gabriel alt aussehen lässt. 2017 oder spätestens 2021 wird die SPD per Mitgliederbefragung das Potential von Olaf Scholz nach Berlin holen. Dann erst wird die Republik sich wirklich einen aussuchen dürfen. Bis dahin ist Merkel die unangefochtene Herrin im Hause Deutschland..:-)
rumsi 16.02.2015
5. Beschämend...
die Wahlbeteiligung.Zeigt dies doch die Politik-verdrossenheit... Hamburg war schon immer ein spezielles "Wahl"-Völkchen.Kann mich erinnern, dass Scholz vor Jahren aus HH herausgeekelt wurde und in die Bundespolitik ging.Dort scheiterte er erbärmlich.Jetzt plötzlich der Retter in HH. Ob von Beust oder Scholz (quasi Politiker aller Parteien!) schmeißen mit dem nichtvorhandenen Geld in HH nur so um sich. Die Elbphilharmonie kostet mittlerweile das ZEHNFACHE. Ein Wahnsinn. Und Scholz lächelt mit. Jetzt wird auch noch die Frage in den Raum gestellt:"Kann Scholz Kanzler?" Der sollte besser in Hamburg bleiben, sonst fährt die SPD mit Gabriel und Konsorten in Deutschland noch weiter in den Keller.Es kommen doch tatsächlich Leute auf den schlauen Trichter, das Scholz Kanzler kann, weil ihn ein paar Männekes in HH gewählt haben.Was für Traumtänzer. Gut die Bemerkung der CDU-Verantwortlichen, dass sie froh ist, die FDP wieder "Stärke" zeigt. Hören Sie es klingeln? Frau Merkel wäre dankbar, die FDP bei der nächsten Bundestagswahl wieder als Koalitionspartei im Boot zu haben, anstatt diese erbärmlichen roten Socken.
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