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24. Februar 2008, 21:54 Uhr

Hamburg-Wahl

Schwarz-Grün olé

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Ole von Beust wird Hamburgs Regierungschef bleiben - und sein Wunschpartner sind ganz offensichtlich die Grünen. Auch die CDU-Spitze um Kanzlerin Merkel ist dafür. Denn eine Große Koalition will erst recht keiner.

Hamburg - Als die letzten Sekunden bis zur ersten Prognose heruntergezählt werden, schiebt sich vor den Fenstern der Fischauktionshalle im Hamburger Hafen ein großer Frachter über die Elbe.

Der Rumpf des langsam dahingleitenden Schiffs strahlt in hellem Grün.

Vielleicht ist es das Menetekel dieses Abends. Aber auf der CDU-Wahlparty sind in diesem Moment fast alle Augen auf die Bildschirme und Leinwände gerichtet. Dann kommen die ersten Zahlen: "Jaaah." "Oooh." "Pfuiiiiii." Man jubelt über das CDU-Ergebnis, amüsiert sich ein bisschen hochmütig über die schwache SPD, ist über den klaren Einzug der Linken empört. Ein paar Freudenschreie sind zu hören, als für die FDP fünf Prozent angezeigt werden - ein Irrtum, am Ende werden es nur 4,7, die Liberalen schaffen es wieder nicht ins Parlament.

Aber den meisten in der CDU ist ohnehin am Anfang schon klar, dass es für eine bürgerliche Mehrheit nicht reichen wird. Und die absolute Mehrheit von 2004 ist ohnehin Geschichte. Auf 42,6 Prozent kommt die CDU, sie braucht einen Partner, und das bedeutet aus ihrer Sicht: entweder mit der SPD (34,1 Prozent) oder den Grünen (9,6 Prozent).

Rein rechnerisch würde auch Rot-Rot-Grün klappen, denn die Linke zieht erstmals mit 6,4 Prozent in das Stadtparlament ein - aber dazu hat SPD-Herausforderer Naumann schon "Njet" gesagt. Wörtlich.

Das wirklich Interessante für die CDU sind die 9,6 Prozent der Grünen. Damit hätte man eine komfortable Mehrheit. Und ein neues Bündnis, das es auf Länderebene noch nie gab.

Natürlich wäre auch eine Große Koalition möglich - doch die will eigentlich niemand. Nicht in der CDU, nicht in der SPD.

Aber traut sich die CDU wirklich Schwarz-Grün zu?

"Nee", sagt ein mittelalter Herr mit schütterem rot-blonden Haar. Von einer Koalition mit den Grünen halte er wenig. Aber ein Bündnis mit der SPD, "hm, das will ich genausowenig". Also? "Die Grünen müssten sich schon deutlich umorientieren." So sehen es viele klassische CDU-Wähler in Hamburg.

Ole von Beust, der urbanste aller CDU-Spitzenpolitiker, hat in den vergangenen knapp sieben Jahren auch viele für sich gewonnen, die anders ticken. So wie der junge Mann in Ringelpullover und Turnschuhen.

"Ich könnte mir Schwarz-Grün gut vorstellen", sagt er. "Das wäre ein cooles Experiment." Seine Freundin nickt zustimmend. Wenn einer in der CDU ein Bündnis mit den Grünen eingehen könnte, dann Ole von Beust. Man muss sich nur die CDU-Wahlparty vor Augen führen: in einer der angesagtesten Locations der Hansestadt, weiße Ikea-Sofas stehen in einer Ecke, der DJ spielt seine Musik von einem Apple-Laptop ab.

"Für die CDU ist das ein hervorragendes Ergebnis"

"In guten Händen - CDU", ist überall zu lesen. Beust ist ein fast unpolitischer Regierungschef. Er will den Menschen seiner Stadt ein guter Bürgermeister sein, Programme und Inhalte sind ihm dabei ziemlich gleich.

"Für die CDU in Hamburg ist das ein hervorragenden Ergebnis", sagt von Beust, als er vor dem Kongresszentrum CCH aus der Limousine steigt. Ein bisschen erschöpft sieht der Bürgermeister aus, aber auch sehr glücklich. Seinem Büroleiter haut er fröhlich auf die Schulter. Die SPD sagt zwar, er sei der Wahlverlierer des Abends. Dabei wissen auch die Sozialdemokraten: Die 47 Prozent der CDU vor vier Jahren waren ein Ausrutscher nach oben - Ergebnis der Bändigung des Richters Ronald Schill. Von Beust hatte ihn des Regierens willen erst in den Senat geholt und dann gefeuert. Ohne den "Drachentötereffekt", wie es von Beust nennt, sind die knapp 43 Prozent in der ehemaligen SPD-Stadt Hamburg ein erstaunlich gutes Ergebnis.

"Ole, Ole, Ole" rufen die Claqeure von der Jungen Union in ihren orangenen Westen, während von Beust sich einen Weg durch den Riesenpulk von Kamerateams und Fotografen bahnen lässt. Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende höchstselbst hatte ihm vor einigen Wochen freie Bahn für eine Koalition mit den Grünen gegeben. Auch Angela Merkel kann sich keinen Besseren für ein solches Bündnis vorstellen, das der Union eine ganz neue Machtoption bereiten würde. "Das wäre eine schöne Variante", sagt CDU-Generalsekretär Roland Pofalla kurz nach der ersten Hochrechnung über Schwarz-Grün. Und bestätigt damit, dass die CDU-Zentrale ein Interesse an der neuen Konstellation hat.

Und von Beust? Der beantwortet die Frage, ob er Lust auf ein solches Bündnis habe, erstmal mit einem schallenden Lachen. Dann sagt er: "Ich habe Lust auf eine vernünftige Regierung." Kurze Pause. "Mit wem, das wird man sehen." Dann ist von Beust auch schon im ARD-Studio.

Er würde gerne mit den Grünen. Aber an diesem Abend muss von Beust zurückhaltend sein, schon aus taktischen Gründen. Eine kategorische Absage würde allerdings anders klingen.

Grüne und CDU müssen sich bewegen

Selbst bei Michael Freytag ist das zu beobachten, dem Finanzsenator und Hamburger CDU-Chef. Freytag steht in der Hansestadt eher für den klassischen christdemokratischen Flügel, gerade hat er vor den CDU-Anhängern im CCH ein paar Siegersätze losgelassen. Angesprochen auf Schwarz-Grün, sondert Freytag ein paar Wahlabend-Floskeln ab, wie "Inhalte sondieren" oder "das wissen wir nach den Gesprächen". Doch dann sagt er folgenden Satz: "Ich bin nicht hemmungslos begeistert von Großen Koalitionen."

Allerdings sagt Freytag auch, ein Bündnis mit den Grünen "wäre keine Einbahnstraße". Was heißen soll, der potentielle Koalitionspartner habe sich gefälligst zu bewegen.

Genau das ist das Dilemma der CDU: Sie wird sich genauso zu bewegen haben. Was ist mit der geplanten Elbvertiefung? Der Widerstand der Hamburger Grünen dagegen hat beinahe religiöse Formen angenommen. Auch in der Schul- oder Verkehrspolitik liegt man weit auseinander.

"Eigentlich müssten wir uns doch richtig freuen über unser Ergebnis", sagt ein Christdemokrat auf den Fluren des CCH. Aber die ganz große Euphorie, das merkt man dem CDU-Lager an, ist es eben doch nicht.

Weil sie es ahnen: Die kommende Legislaturperiode wird sehr viel anstrengender als die vergangenen vier Jahre. Egal mit welchem Koalitionspartner.

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