Hamburg-Wahlkämpfer Grass Ein Nobelpreisträger für Naumann

Ende Februar will Michael Naumann Erster Bürgermeister in Hamburg werden - dafür muss der Sozialdemokrat CDU-Amtsinhaber von Beust schlagen. Nun bekommt der Herausforderer prominente Hilfe: Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass will die SPD im Wahlkampf unterstützen.

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Hamburg - Es muss ein wilder Abend gewesen sein, damals in München. Im Löwenbräu-Keller, irgendwann um die Mitte der sechziger Jahre, die beiden Protagonisten können sich da nicht so recht einigen: Am Rednerpult ein Autor namens Günter Grass, der gegen die 1964 gegründete und zunächst rasch wachsende NPD politisiert. Er ist auf einer Deutschlandtour gegen die neuen Rechten. Auch an diesem Abend erzählt Grass den zwei- bis dreitausend Zuhörern von seiner Jugend im Dritten Reich, von dem Wahnsinn, er warnt sie. Und dann ist da der Student Michael Naumann, offenbar ein so mutiger wie gewandter Mittzwanziger: "Seit wann haben Sie Angst vor einem Schnurrbart?", fragt Naumann während der lauten Debatte einen Mann, den er als Münchner NPD-Vorsitzenden ausgemacht hat.

Wahlkämpfer Grass, SPD-Kandidat Naumann: "Ich glaube schon, dass ich ihm helfen kann"
DPA

Wahlkämpfer Grass, SPD-Kandidat Naumann: "Ich glaube schon, dass ich ihm helfen kann"

"So haben wir uns kennengelernt", sagt Michael Naumann heute, und Günther Grass nickt. Inzwischen trifft man sich nicht mehr in rauchigen Kellern, sondern in einem edlen Lokal am Hamburger Fischmarkt, mit Blick auf die Elbe, dahinter die Docks.

Der eine, im grauen Anzug mit leuchtend roter Krawatte, war seitdem Journalist, Verleger, Bundeskulturminister, Chefredakteur, Herausgeber. Nun zieht er in den ersten Wahlkampf seines Lebens - und da soll ihm der andere helfen. Der ist gerade 80 Jahre alt geworden, der einzige lebende deutsche Literatur-Nobelpreisträger. Manche nennen den Mann im dunkelbraunen Cordanzug das moralische Gewissen dieser Republik.

"Günter Grass unterstützt Naumann", steht in der Pressemitteilung, die der Wahlkampfstab des Hamburger SPD-Spitzenkandidaten noch während der Veranstaltung an die Journalisten verteilen lässt.

Die CDU scheint Grass nicht zu fürchten

Es ist wohl nicht so, dass Ole von Beust und die Hamburger CDU deshalb direkt das Schlottern begonnen hätten. Der Senatssprecher hat schon am Nachmittag in vornehmer Zurückhaltung verkündet, man werde sich dazu nicht äußern. CDU-Landeschef Michael Freytag lässt SPIEGEL ONLINE später zwei Sätze übermitteln: Dass Grass SPD-Kandidaten unterstütze, sei "nichts Neues und nichts Beunruhigendes". Und: "Mit Hamburgs SPD bleibt Naumann auch weiterhin auf verlorenem Posten." In der jüngsten Umfrage für die Wahlen am 24. Februar kommenden Jahres kam die CDU auf 42, die SPD auf 32 Prozent.

Dass die Unterstützung von Günter Grass eine Ehre für den Wahlkämpfer Naumann ist - das steht dennoch außer Frage. Denn Grass ist in der Zuwendung politischer Sympathie sehr wählerisch: Willy Brandt hat er unterstützt, im Bundestags-Wahlkampf 1969, das war überhaupt der Beginn seines parteipolitischen Engagements. Aber für Helmut Schmidt, ebenfalls Hamburger, hat er nicht geworben. 1992 trat Grass sogar aus der SPD aus, wegen deren damaliger Asylpolitik. Erst 1998 entdeckte er seine sozialdemokratische Liebe wieder und engagierte sich für Gerhard Schröder.

Nur, was hat der Wahlkämpfer Naumann tatsächlich vom Wahlkampfhelfer Grass? Denn das Problem des SPD-Kandidaten scheint vor allem darin zu liegen, bei der Masse der Wähler noch nicht hinreichend bekannt zu sein. Was Ole von Beust im Hamburger Rathaus tatsächlich tut, wissen wohl die wenigstens Bürger der Hansestadt. Aber sie wissen, dass von Beust ihre Stadt seit ein paar Jahren regiert - ohne dass der Hafen ausgelaufen, der Michel umgefallen oder der Fischmarkt geschlossen worden wäre.



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