Hamburger CDU-Abgeordneter Wankum "Arglistige Täuschung über Religionszugehörigkeit"

Wirbel in der Jüdischen Gemeinde Hamburg: Der entlassene Ex-Vorsitzende und CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas C. Wankum soll ausschließlich christliche Vorfahren haben. Dokumente aus dem Staatsarchiv der Hansestadt stützen den Vorwurf.

Von Sebastian Knauer


Hamburg - Juden in aller Welt gedenken diese Woche mit dem Pessach-Fest des Auszugs aus Ägypten. Auf den Tisch kommen traditionelle Speisen, wie ungesäuertes Brot und Bitterkraut.

Auch im Haushalt der Familie Andreas C. Wankum an der Hamburger Bellevue werden die jüdischen Traditionen hoch gehalten. Als früherer Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg hat Wankum stets auf die Einhaltung der Religionsregeln und des arbeitsfreien Schabbats geachtet.

Andreas C. Wankum (Archivbild): Karriere in Gefahr
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Andreas C. Wankum (Archivbild): Karriere in Gefahr

Vergangene Woche wurde dem Immobilienkaufmann und CDU-Bürgerschaftsabgeordneten am Freitagabend vor Beginn des Schabbats ein Schriftstück zugestellt, das seine Karriere als Gemeinde- und Beiratsmitglied vorläufig beendete.

In dem Schreiben des amtierenden Vorstands der Jüdischen Gemeinde Hamburg wurde Wankum erklärt, dass "mangels Vorliegen der konstitutiven Voraussetzungen der Religionszugehörigkeit zum Judentum ihre Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg nicht besteht".

Der Rauswurf des Ex-Vorsitzenden an der Elbe ist ein bundesweiter Höhepunkt zahlreicher interner Auseinandersetzungen in den streitbaren jüdischen Gemeinschaften. "Hamburger Top-Politiker ein Hochstapler?", titelte die "Hamburger Morgenpost am Sonntag". Wankum erklärte der Deutschen Presseagentur, dass "religiöse Fragen auf unzulässige Weise mit gemeindepolitischen Fragen vermischt werden, um sich kritischer Personen zu entledigen".

Geht es im Fall Wankum also nicht um Religion, sondern um Politik? Neu wäre das nicht. Immer wieder gibt es unter den mehr als 100.000 orthodoxen und liberalen Juden in Deutschland, die zu einem großen Teil aus Osteuropa stammen, Auseinandersetzungen um Posten und Finanzen.

Der Zentralrat der Juden, dem auch die JGH angehört, will sich normalerweise in die Querelen der einzelnen Gemeinden nicht einmischen. Obgleich Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch vorab über den Rauswurf des Hamburger Ex-Vorsitzenden informiert war, stellt sich ihr Generalsekretär Stephan J. Kramer jetzt auf Wankums Seite und sprach von einer "persönlichen Vendetta", einem Rachefeldzug. Der Beirat und die Kultuskommission der JGH stellten sich dagegen hinter ihren Vorstand.

"Das müssen die Hamburger selbst klären"

Der als orthodox geltende Wankum saß für die JGH von 2003 bis 2007 in dem Direktorium des Zentralrats. Als es bereits vor einigen Jahren ersten Zweifel an der religiösen Herkunft des Vorsitzenden Wankums gab, kommentierte Generalsekretär Kramer noch dem SPIEGEL: "Das müssen die Hamburger selbst klären."

Das haben sie jetzt getan, und zwar gründlich. Eine zentrale Rolle spielt dabei der bereits im September von dem neuen JGH-Vorstand und seinem Vorsitzenden, dem Gymnasialschuldirektor Ruben Herzberg wegen einer unechten Ernennungsurkunde gekündigte Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay. Er hatte bei seiner Anstellung im Jahre 1993 in Hamburg ein angeblich 1986 in Israel ausgestelltes Rabbiner-Diplom vorgelegt. Auf Nachfrage bei der zuständigen Institution stellten sich die Angaben von Barsilay als unwahr heraus. Der ehemalige Landesrabbiner klagt vor dem Arbeitsgericht Hamburg gegen seine Kündigung.

Die Unterschrift des bärtigen Rabbiners steht auch auf dem Aufnahmeantrag Wankums aus dem Jahre 2000. Darin bescheinigt er, alle notwendigen Dokumente für die jüdische Herkunft des Mitglieds 10.322 eingesehen und geprüft zu haben.

Für die heiklen Fragen der Abstammung eines Juden im Land der Täter und des Holocaust verweigerte Barsilay dem SPIEGEL unter Berufung auf die "2000 Jahre alte jüdische Tradition" jegliche Auskünfte zu den Details dieser Dokumente. Wankum war unangreifbar geworden.

Ruppiger Führungsstil

Im Jahre 2003 ließ sich Wankum auch mit den Stimmen der aus Osteuropa zugewanderten Mitglieder zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Hamburg und Schleswig-Holstein wählen, die mehr als 5000 Mitglieder verfügte. Aus Landes- und Bundeszuschüsse flossen mehrere Millionen Euro in den jährlichen Etat zum "Wiederaufbau jüdischen Lebens". Protokollarisch rangierte Wankum, der zuvor als Immobilieninvestor der Hamburger Fußball-Arena für die betroffenen Firmen Insolvenz anmelden musste, fortan im Hamburger Rathaus als Vertreter einer der wichtigen Religionsgemeinschaften wieder weit oben. Auch dass er sich wegen der Verwendung einer Blanko-Spendenquittung zuvor als CDU-Schatzmeister rechtfertigen musste, schadete seiner Karriere nicht. Noch im vergangenen Jahr setzte ihn die Hamburger CDU auf einen sicheren Listenplatz für die Bürgerschaftswahl.

Mit einem ruppigen Führungsstil und nach Auffassung langjähriger Gemeindemitglieder desaströsen Geschäftsgebaren verärgerte der Vorsitzende Wankum bald viele Gemeindemitglieder. So verließ auch Max Warburg aus der traditionsreichen Hamburger Bankiersfamilie die JGH.

Zweifel an Wankums jüdischer Herkunft und Kritik an der Gemeindeführung wurden von ihm mit dem Vorwurf des "Rassismus" oder gar "Antisemitismus" beantwortet. Alleine dieses Jahr wurde er von dem Vorstand fünfmal schriftlich aufgefordert, die notwendigen Nachweise zu erbringen - ohne Ergebnis. Wankum behauptet dagegen, die Unterlagen seien aus der Gemeinde gestohlen worden.

Dabei ist im Prinzip ganz einfach, eine jüdische Herkunft nachzuweisen. Denn nach den Religionsregeln gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder durch Übertritt aus einer anderen Religion nach einem umfangreichen Aufnahmeprocedere oder mittels Abstammung von einer jüdischen Mutter, da die weibliche Linie entscheidend ist.

Beides ist bei Wankum offenbar nicht gegeben. In einer Mitteilung seines damaligen Hamburger Rechtsanwalts Michael Nesselhauf an den SPIEGEL vom Februar 2008 erklärt er für seinen Mandanten, dass der nicht zum Judentum "übergetreten" sei. Damit bleibt nur noch die Abstammung.



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