Hamburger Taiba-Moschee geschlossen: Hassprediger ohne Heimat

Von und Christoph Scheuermann

Die Dschihadisten-Szene verliert einen wichtigen Treffpunkt: Nach einer Razzia in der Taiba-Moschee hat Hamburgs Innenbehörde das Gebetshaus geschlossen und den Trägerverein verboten. Vor dem 11. September 2001 ging Terror-Pilot Atta hier ein und aus.

Hamburg - Schon der Name dieser Moschee ist eine große Übertreibung: Masdschid Taiba bedeutet "schöne Moschee". Dabei ist das Gebetshaus alles andere als schön. Es befindet sich in einem schmucklosen Gebäude am Hamburger Steindamm, der Eingang liegt neben einem Fitnessstudio. Um zu den Gebetsräumen zu gelangen, muss man hinein in ein schlecht beleuchtetes Treppenhaus und eine Steintreppe hochsteigen. Der Teppich auf dem Fußboden des Gebetsraums ist abgewetzt, im Winter läuft Kondenswasser die Scheiben hinunter, weil die Fenster schlecht isoliert sind.

Trotzdem strömten zum Freitagsgebet jede Woche bis zu 250 Muslime in die Moschee, Marokkaner, Bosnier, Russen, auch viele Deutsche. Unter ihnen waren auch ältere Besucher, die meisten aber waren junge Männer. Viele von ihnen waren zum Islam konvertiert oder hatten sich nach jahrelanger Abwendung der Religion neu zugewandt - und zwar oft in radikaler Form.

Am frühen Montagmorgen schritt die Hamburger Polizei ein: Gegen 6 Uhr durchsuchten Beamte und Zivilfahnder nach Angaben der Innenbehörde die Räume der Taiba-Moschee, den dazugehörigen arabisch-deutschen Trägerverein sowie Wohnungen von Vereinsmitgliedern. Die Moschee im Stadtteil St. Georg wurde mit sofortiger Wirkung geschlossen, der Verein verboten, Vermögen und Unterlagen des Vereins beschlagnahmt.

"Dem Spuk ein Ende bereitet"

Bis zuletzt sei die Moschee ein "Hauptanziehungspunkt der dschihadistischen Szene" gewesen, jetzt habe man "dem Spuk endlich ein Ende" gesetzt, begründete Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) am Montag die Aktion.

Dem Taiba-Verein wird vorgeworfen, gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung sowie gegen den Gedanken der Völkerverständigung verstoßen zu haben. In Predigten, Schulungen, Seminaren und im Internet habe die Organisation über Jahre "eine demokratiefeindliche Ideologie verbreitet", sagte Ahlhaus.

In der Tat nahm die Moschee für sich in Anspruch, den ursprünglichen und damit einzig wahren Islam zu vertreten, unverfälscht von den Verführungen der Moderne. Deshalb hatten viele Besucher auch gar nichts dagegen, als Islamisten und Fundamentalisten beschimpft zu werden. Schließlich würden hier doch die Fundamente des Islam gelehrt, machten sie stets geltend.

Terror-Sympathisanten unter den regelmäßigen Besuchern

Viele von ihnen sind der Überzeugung, dass die meisten islamischen Länder von Tyrannen beherrscht werden. Einzig ein Kalifat, wie es auch die Taliban vor dem Krieg in Afghanistan errichtet hatten, sei die wahre islamische Form der Regierung. Der "islamische Widerstand" in Afghanistan - auch gegen deutsche Soldaten - wurde von nicht wenigen Besuchern gutgeheißen.

Unter Muslimen in ganz Deutschland ist die Moschee bekannt und auch berüchtigt. Schon seit Monaten ermittelt auch die Bundesanwaltschaft gegen eine Gruppe junger Männer in der Moschee wegen der Bildung und der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland.

Jedem Muslim musste klar sein, dass er von den Behörden genau beobachtet würde, sobald er die Moschee betrat. Für den Hamburger Verfassungsschutz war die Moschee deshalb gar nicht so unpraktisch: Hier hatte man praktisch alle Islamisten der Stadt auf einem Fleck versammelt. Auch deshalb war Manfred Murck, Vizechef des Hamburger Verfassungsschutzes am Montag bei der Pressekonferenz nicht restlos begeistert vom Verbot des Moscheevereins.

Eine Moschee mit düsterer Vorgeschichte

Die Moschee stand schon unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter besonderer Beobachtung der Verfassungsschützer, weil einige der Todespiloten, unter anderem Mohammed Atta, hier zu Gast waren.

Im vergangenen Jahr erhöhte sich die Aufmerksamkeit der Ermittler: Ihren Erkenntnissen zufolge reiste von dort aus eine Gruppe von zehn Hamburger Dschihadisten ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet - offenbar um sich in Trainingscamps von Extremisten ausbilden zu lassen. Einer von ihnen, der Iraner Shahab D., schloss sich dort der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) an und rief unter dem Namen Abu Askar in einem Video deutsche Muslime zu bewaffnetem Kampf auf.

Das Verbotsverfahren gegen den Taiba-Verein zog sich über Monate hin. Am 30. Juli erteilte das Hamburger Oberverwaltungsgericht einen entsprechenden Bescheid, er wurde der Innenbehörde am 3. August zugestellt. Die Moschee sei nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein "symbolischer Ort für Dschihadisten" gewesen, sagte Manfred Murck am Montag. Sie habe zudem bis zuletzt "immer wieder als Radikalisierungszentrum gedient".

Gut vernetzte Dschihadisten-Szene

Dem Verfassungsschutz zufolge gibt es in Hamburg rund 45 Dschihadisten. Die Szene sei gut vernetzt und pflege unter anderem Kontakte zu Glaubensbrüdern in Frankfurt, Berlin, Bonn und Bielefeld. Bei den radikalen Islamisten in der Hansestadt sei ein deutlicher Wille zu spüren, einen Beitrag zum bewaffneten Dschihad zu leisten. "Man möchte schon Held werden", sagte Murck. Es gebe derzeit aber keine konkreten Hinweise für Anschlagspläne.

Der Taiba-Verein hat den Behördenangaben zufolge zwischen 20 und 30 Mitglieder, zu den Freitagsgebeten der Moschee kamen demnach zwischen 200 und 250 Gläubige. Die Freitagsgebete wurden zumindest gelegentlich von Mamoun Darkazanli gesprochen. Er ist schon lange im Visier von Verfassungsschützern. Der deutsch-syrische Kaufmann wird dem Dunstkreis der Todespiloten vom 11. September 2001 zugerechnet. Gegen ihn wurde nach den Anschlägen in New York und Washington ermittelt. Es ergab sich aber kein ausreichender Tatverdacht dafür, dass er in Deutschland Unterstützung für das Terrornetzwerk al-Qaida geleistet hatte. Die EU führt Darkazanli auf ihrer Terrorliste. Er darf kein Konto eröffnen und keine Firma betreiben. Lothar Bergmann, Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit in der Hamburger Innenbehörde, nannte Darkazanli am Montag "einen Hassprediger".

Gegen den Deutsch-Syrer liegt ein spanischer Haftbefehl vor, aber Deutschland liefert den Mann nicht aus. Er lebt den Behördenangaben zufolge von staatlichen Transferleistungen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wow
shokaku 09.08.2010
Na das nen' ich mal eine prompte Reaktion. Hat ja nicht mal neun Jahre gedauert den Laden dicht zu machen. Respekt.
2. Na toll
RogerT 09.08.2010
Na toll, nicht nur, dass wir den nicht einfach rausschmeissen - so Richtung Spanien wäre nicht schlecht - wir füttern diese Leute auch noch mit Steuergeldern durch... diesem Land ist nicht mehr zu helfen.
3. ....
pietro-del-cesare 09.08.2010
Zitat von sysopDie Dschihadisten-Szene verliert einen wichtigen Treffpunkt: Nach einer Razzia in der Taiba-Moschee hat Hamburgs Innenbehörde das Gebetshaus und den Trägerverein verboten. Vor dem 11. September 2001 ging Terror-Pilot Atta hier ein und aus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710898,00.html
Bleibt zu wünschen, dass Durchsuchungen dieser Art auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden.
4. Leider
aschu0959 09.08.2010
ist die Moschee nicht so sehr das Problem, das sind eher die Köpfe der Islamisten. Die Ratte findet immer einen Kanal um sich zu verkriechen!
5. ---
taiga 09.08.2010
Zitat von sysopDie Dschihadisten-Szene verliert einen wichtigen Treffpunkt: Nach einer Razzia in der Taiba-Moschee hat Hamburgs Innenbehörde das Gebetshaus und den Trägerverein verboten. Vor dem 11. September 2001 ging Terror-Pilot Atta hier ein und aus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710898,00.html
Zitat: »Gegen den Deutsch-Syrer liegt ein spanischer Haftbefehl vor, aber Deutschland liefert den Mann nicht aus. Er lebt den Behördenangaben zufolge von staatlichen Transferleistungen.« Ohne Kommentar.
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Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.