Hamburgs öffentliches Gelöbnis Müde Massen am militärischen Sperrgebiet

Ausnahmezustand in der Hamburger Innenstadt. Die CDU/Schill/FDP-Regierung hat auf dem Rathausplatz das erste öffentliche Gelöbnis von Bundeswehrrekruten seit 26 Jahren zelebrieren lassen. Doch so richtig berührt wurden in der Hansestadt von dieser militärischen Zeremonie weder Gäste noch Demonstranten.

Von Lars Langenau


Vortreten in Hamburg: Gelöbnis auf dem Rathausmarkt
DDP

Vortreten in Hamburg: Gelöbnis auf dem Rathausmarkt

Irgendwie symptomatisch: Ein volltrunkener Penner provoziert vor dem Hamburger Hauptbahnhof eine Gruppe von Friedensfreunden mit Kleinkunstqualitäten. Erst ignorieren sie ihn, karikieren ungerührt im Rollenspiel Befehl und Gehorsam ("Ich gelobe, der Deutschen Bank zu dienen"). Doch als seine Provokationen immer ausfallender werden, schlägt einer der Pazifisten zu. Auch eine Form von Peace keeping.

24 Hundertschaften der Polizisten aus ganz Norddeutschland sicherten am Montag die Straßen der Hansestadt für ein öffentliches Gelöbnis samt Großem Zapfenstreich. Zum ersten Mal seit dem 1. Dezember 1977 - damals noch unter Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD) - salutierte die Bundeswehr am Abend auf dem Rathausmarkt. 598 Rekruten gelobten feierlich "der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen".

Und nach Einbruch der Dunkelheit wurde mit großem Zapfenstreich, 72 Fackelträgern und viel Bufftata und Tättärätä die Panzergrenadierbrigade 7 aus der Kaserne Fischbek verabschiedet - der letzte in Hamburg stationierte Kampfverband verlässt im Zuge der Umstrukturierung der Bundeswehr im November die Stadt.

Nur 600 VIPs gelangten in den innersten Zirkel

Auf dem Rathausmarkt herrschte Grabesruhe, Sicherheitskräfte riegelten die Straßen wie bei mittelalterlichen Belagerungen durch drei Verteidigungsringe ab. In den innersten Zirkel kamen nur etwa 600 VIPs.

Gelöbnisse wieder außerhalb der Kasernen zu praktizieren, hatte die CDU/Schill/FDP-Regierung der Hansestadt im vergangenen Jahr beschlossen. Doch von Öffentlichkeit war vor dem Rathaus wenig zu spüren. In dem militärischen Sperrgebiet blieb es bis auf ein paar getragene Reden der Kommandeure, von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) sowie zackige Marschmusik ruhig. Von Beust lobte den Einsatz der in Hamburg stationierten Soldaten für ihren Einsatz gegen Sturmfluten, Feuerkatastrophen und Überschwemmungen.

Auch Struck hob die Bedeutung der Wehrpflicht zur Katastrophenbekämpfung hervor, als wäre hier eine Abordnung des Technischen Hilfswerkes zu begrüßen. Dann verwies er aber doch noch auf den Kampf der Bundeswehr gegen den internationalen Terrorismus. Doch selbst da brandete bei den vielleicht 1000 Zuschauern im zweiten Verteidigungsring keine richtige Stimmung auf. Vielleicht verdarb das antiquierte Schauspiel selbst den Familienangehörigen, Feldjägern und den paar Anwohnern der City die Laune. Selbst der Marsch "Anker gelichtet" vermochte die Zuschauer nicht anzuregen.

Schon am Morgen wurde die Innenstadt wegen möglicher Krawalle - Polizei und Boulevardpresse erwarteten "500 Autonome" - weiträumig abgesperrt. Ein Verkehrschaos war die Folge. Tatsächlich kamen etwa 600 Demonstranten - Schüler, Jusos, Alt- und Jungkommunisten, in Ehren ergraute Pazifisten und tatsächlich eine Handvoll halbwüchsiger Schwarzvermummter. Doch die gelangten mit ihren Pfeifkonzerten oder antiimperialistische Parolen noch nicht mal in Hörweite des dritten Verteidigungsringes.

Auf dem Weg vom Versammlungsort am Hauptbahnhof bis zum Gänsemarkt entlud sich ihr Frust zeitweise in kleinen Rangeleien. Wasserbomben-, Eier- und Bierdosen-Würfe beantworteten die Beamten umgehend mit Schlagstockeinsatz.

Irgendwie symptomatisch - und wohl auch eine Form von Peace keeping.



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