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Deutschland nach den Terroranschlägen: Die Angst kriecht

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Polizisten auf der Tribüne der HDI-Arena: Verlorenes Vertrauen

Der Terror zielt nicht auf die Toten, sondern die Verunsicherung der Lebenden. Trotz ist eine Antwort, aber er allein schafft kein Vertrauen.

Die Nationalmannschaft sollte es richten, die Verantwortung für die große Geste, das große Symbol, lastete auf ihr. Die Spieler sollten in der HDI-Arena auflaufen, als personifizierter Trotz auf dem Rasen, eine Botschaft adressiert an die Menschen im Land und die Terroristen, wo auch immer sie sich verbargen. Die Elf als Speerspitze der Demokratie.

Man hatte die Spieler - mit besten Absichten - instrumentalisiert und zu Botschaftern der viel strapazierten westlichen Werte gemacht. Und das nur wenige Tage, nachdem sie eine Nacht in den Katakomben des Stade de France verbringen mussten, weil die Gefahr so greifbar war. Erst als am Dienstagabend klar war, dass die Nationalmannschaft nicht im Trikot auf dem Rasen stehen würde, äußerten Reporter, wie sehr die Spieler zuvor mit der symbolträchtigen Entscheidung des DFB gehadert hatten.

Das Ziel, das Länderspiel zwischen den Niederlanden und Deutschland austragen zu lassen, war hehr. Die Absage war richtig. Sie zeigt aber zugleich, wie Terrorismus wirkt. Wie er Menschen und Sicherheitsverantwortliche verunsichert, wie die Angst, die er sät, allen Beteuerungen zum Trotz in die Ritzen des Alltags kriecht.

Nach allem, was bekannt ist, wies der französische Geheimdienst die deutschen Sicherheitsbehörden auf einen möglichen Anschlag in Hannover hin. Was folgte, war eine unendlich schwierige und komplexe Abwägung: Dem Terror trotzen, das Spiel trotzdem austragen - oder aber es absagen, trotz der verheerenden Symbolik.

Das Spiel war da längst überfrachtet. Es sollte für so viel stehen, vielleicht für zu viel. Die Bedeutung der Symbole wächst mit der Angst. Zeichen gewinnen an Bedeutung, wenn die Ohnmacht größer wird. Wirklich tun kann man wenig, aber wenigstens so tun als ob. Den Männern mit der Kalaschnikow kann der Einzelne im Café wenig entgegensetzen; das kollektive Unterhaken aber funktioniert. Die Symbole selbst sind weder gut noch schlecht, allenfalls erfüllen sie eine Funktion.

Die Botschaft von Dienstagabend lautet: Die Sicherheit war den Verantwortlichen das Wichtigste. Doch die Botschaft lautet zugleich auch: Die Sicherheit der Menschen in Hannover war gefährdet.

Innenminister Thomas de Maizière bat bei der Pressekonferenz am Dienstagabend um einen "Vertrauensvorschuss". Es ist das, worum es bei Gefahren geht: Sie erschüttern das Vertrauen. Und es ist das, worauf es die Terroristen abgesehen haben. Die Unbedarftheit, mit der die Menschen ihren Alltag bestreiten: Bahn fahren, ins Bundesligastadion gehen oder ins Restaurant. Intuitiv navigieren wir uns durch Routinen. Ohne das Vertrauen in die Unumstößlichkeit dieser Routinen ist Alltag nicht möglich.

Da setzt der Terrorismus an: Das Erratische seiner Taten erschüttert all das, was zuvor nicht hinterfragt werden musste. Die Sicherheitsbehörden baten die Menschen in Hannover, ihre Häuser nicht zu verlassen. Im Bahnhof von Hannover, einem der wichtigsten Drehkreuze Deutschlands, wurde ein IC evakuiert, nachdem Passagiere auf ein verdächtiges Paket aufmerksam geworden waren. Eine Bombenattrappe, "gut gemacht", sagte die Sprecherin der Bundespolizei. "Gut gemacht" bedeutet: Es hat jemand viel Akribie darauf verwendet, andere Menschen in Angst zu versetzen. Der "Vertrauensvorschuss" wird mit jedem Tag wahrscheinlicher, an dem nichts passiert.

Die Unsicherheit spiegelt sich bei den Verantwortlichen. Absagen? Austragen? "Trotzdem" war das Motto des Spiels. "Trotzdem" bedeutet auch: Das Spiel am Dienstagabend war nicht zu denken ohne die Anschläge von Paris. Die Reaktion denkt die Aktion mit, die Antithese bezieht sich auf die These.

"Trotzdem" ist vor allem Abwehr, Ablehnung, ein erster, wichtiger Reflex. Es ist ein Symbol, aber keines, das an sich Vertrauen stiftet. Die Angst, die die Terroristen gesät haben, macht uns verletzbar und ambivalent. Den Bahnfahrer wie den Besucher des Freundschaftsspiels. Einsteigen? Ins Stadion gehen?

Wahrscheinlichkeiten werden kolportiert. Es sterben mehr Menschen im Straßenverkehr als bei Terrorangriffen. Das ist richtig, und es ist rational. Aber die Angst ist es nicht. Statistiken lassen selten ruhig schlafen, wenn die Routine durcheinander geraten ist. Der "Vertrauensvorschuss" wird mit jedem Tag wahrscheinlicher, an dem nichts passiert.

Das Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird, ist erschüttert worden. Bei den Verantwortlichen wie bei all denen, die die Ereignisse in Hannover beobachtet haben, vor dem Stadion oder vor dem Fernseher. Das zu kommunizieren - die Hilflosigkeit, die keine Ratlosigkeit ist; die Ohnmacht, die nicht zu Tatenlosigkeit führt; die Verwundbarkeit, die nicht durch Gesetze und Überwachung überwunden werden kann - schafft Vertrauen.

Zur Autorin
Barbara Hans ist stellvertretende Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Barbara.Hans@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
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1. Die Erinnerung ist immer noch wach -
hugahuga 18.11.2015
wenn ich an die 70er Jahre denke, wo nach den div. Flugzeugentführungen und Attentaten Panzerwagen auf dem Flugvorfeld fuhren und Beamte mit MP Streife liefen. Am lästigsten waren die aufwendigen Kofferraumdurchsuchungen in den Autoschlangen. Aber man hatte sich irgendwann daran gewöhnt. Sicherheit ist das oberste Gebot. Das galt damals und sollte auch heute seine Gültigkeit haben. Man muss eben mehr Zeit einplanen - man weiß ja weshalb und wofür. Die Gewohnheit tut ein übriges.
2. Angst
knumue 18.11.2015
beschleicht mich vor allem deshalb, weil der Mann, der für die Sicherheit in Deutschland verantwortlich ist, selbst das größte Sicherheitsrisisko ist. LdM hat in den letzten Monaten keine Panne ausgelassen und erwartet jetzt einen Vertrauensvorschuss. Er selbst traut seinem Volk aber nicht zu, dass es seine Antworten verkraften könnte.
3. Aus meiner Sicht, ...
Sangit raju 18.11.2015
... ein sehr stimmiger und durch die Wortwahl ausgezeichneter Beitrag.., den leider nur 0,01% der bundesdeutschen Bevölkerung zur Kenntnis nehmen wird... Danke...
4. Vertrauen? -Nein Danke!
windpillow 18.11.2015
Wenn der eigene Innenminister das Volk nicht für Voll nimmt, es behandelt wie kleine Kinder und nicht sagt was Sache ist -dann bekommt man Angst.
5. Reaktion zählt
Harry Callahan 18.11.2015
Die Terroristen können die Art, wie wir leben, nicht ändern. Sie können Menschen töten - das ist richtig. Aber ändert das unsere Gesellschaft? Es ist tragisch, dass in Paris nun fast 140 unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind. Aber pro Jahr sterben wahrscheinlich 100.000 Menschen an den Folgen des Rauchens und Tausende werden von besoffenen Autofahrern getötet. Was sind im Vergleich dazu denn 140 Tote? Was unsere Gesellschaft ändert ist nicht der Terror, sondern die restriktiven Gesetze, die nun wieder gefordert werden, um den Terror zu bekämpfen.
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