Zum Tod von Hans Koschnick Volkstribun und Friedensstifter

Fast 20 Jahre war er Bürgermeister von Bremen, später auf lebensgefährlicher EU-Mission in Bosnien. Der SPD-Politiker Hans Koschnick ist jetzt mit 87 Jahren in der Hansestadt gestorben.

AP

Am Tag seines Todes überboten sich wichtige Politiker Bremens bei der Würdigung von Hans Koschnick : "Wir trauern um einen großen Bremer", sagte Bürgermeister Carsten Sieling über seinen Amtsvorgänger. Als letzten "Bremer Politiker von staatsmännischem Format und mit internationaler Ausstrahlung" ehrte Christian Weber, der Präsident der Bürgerschaft, den bedeutenden SPD -Politiker. Er sei ein Vorbild und auch eine Art Volkstribun gewesen.

Koschnick war in den frühen Morgenstunden des Donnerstags im Alter von 87 Jahren gestorben . Von 1967 bis 1985 war der gebürtige Bremer Bürgermeister und damit Regierungschef des kleinsten deutschen Bundeslandes.

Schon 1955 hatte er sich bei der mächtigen SPD um ein Mandat in der Bürgerschaft beworben - mit Erfolg. Damals war er Bezirkssekretär der Gewerkschaft ÖTV. Die Sozialdemokraten hätten nach "jugendlichen Helden" Ausschau gehalten, die eine politische Perspektive haben könnten, wird er im "Weser-Kurier" zitiert . "Von denen, die antraten", erzählte Koschnick später, "war ich der Einzige, der in kurzen Hosen kam - damit wirkte ich wohl am jugendlichsten."

In seine Amtszeit fielen dramatische Ereignisse für die Hanse- und Hafenstadt - so die Ende 1983 beschlossene Schließung der zum Krupp-Konzern gehörenden Werft AG Weser in seinem Heimatstadtteil Gröpelingen. Damals hatte ihm der Betriebsratschef des Unternehmens vor den Kameras und Fotoapparaten der versammelten Presse sein SPD-Parteibuch auf den Tisch geknallt. Koschnick weinte. Bei der unmittelbar folgenden Bürgerschaftswahl siegte er mit der SPD aber dennoch klar.

"Jagt den Deutschen davon"

Vier Jahre lang - von 1975 bis 1979 - war Koschnick zudem Vizechef der Bundes-SPD und damit ein Stellvertreter von Willy Brandt . 1985 trat er dann auf eigenen Wunsch als Bürgermeister zurück. Doch neun Jahre später kehrte Koschnick auf die große politische Bühne zurück - diesmal sogar international: Im Juli 1994 ging er für 20 Monate als EU-Administrator und als Bosnien -Beauftragter der Bundesregierung in die vom jugoslawischen Bürgerkrieg zerstörte Stadt Mostar.

Es war eine Mission mit gefährlichen Momenten: Als der gepanzerte Dienst-Mercedes des Deutschen 1996 zum Beispiel bei einem Termin in Mostar vorfährt, hat ihn die Menge unter Führung des Bürgermeisters Brajkovic rasch eingekeilt, berichtet der SPIEGEL damals. Die Leibwächter werden abgedrängt. Knapp eine Stunde muss Koschnick die Belagerung aushalten, während ein lynchlustiger Mob mit Latten und mit Krücken auf den Wagen einschlägt.

"Jagt den Deutschen davon", schrien die Kroaten. Verzweifelt ruft der Chauffeur per Mobiltelefon um Hilfe. Sieben Schüsse treffen das Auto in Kopfhöhe, Koschnick wäre nicht mit dem Leben davongekommen, hätte er sich der Menge gestellt.

"Sein Engagement für Frieden, Stabilität und eine gerechtere Welt bleibt unvergessen", würdigte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag seinen Parteikollegen. Bundespräsident Joachim Gauck nannte Koschnick in seinem Kondolenzschreiben "einen leidenschaftlichen Kämpfer für die Demokratie".

Zuletzt lebte Koschnick mit seiner Frau Christine zurückgezogen in Bremen.

als/dpa

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