SPIEGEL ONLINE: Herr Christ, im vergangenen Bundestagswahlkampf waren Sie im Schattenkabinett von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier noch als Wirtschaftsminister vorgesehen. Jetzt kehren Sie der Politik den Rücken. Was ist passiert?
Christ: Politik in Deutschland beschränkt sich immer mehr auf das Verwalten von Prozessen und beschäftigt sich immer weniger mit dem Erarbeiten von Lösungen. Meine Erfahrungen aus 25 Jahren aktiven politischen Engagements haben die Hoffnung zerstört, dass sich der Politikbetrieb nachhaltig ändert. Um in politische Verantwortung zu kommen, müsste ich so vieles an Überzeugung aufgeben, dass mir der Preis dafür zu hoch erscheint. Ich kann das System nicht verändern, bin aber auch nicht bereit zu akzeptieren, dass das System mich verändert, nur um einer politischen Karriere zu dienen.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Resignation.
Christ: Nein, Resignation ist das nicht, aber ich will gestalten und mich nicht permanent damit beschäftigen, wie bestimmte Ideen und Vorstellungen in der Partei ankommen, wer was worüber denkt. Dieses ständige Taktieren lähmt alles und bringt in der aktuellen Krise nichts mehr weiter. Ich appelliere an die Politik, endlich ein System zu schaffen, das den Wechsel fördert. Wir brauchen einen Austausch der besten Köpfe in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft. Das geschieht leider viel zu wenig.
SPIEGEL ONLINE: Die SPD ist in desolater Verfassung. Ist das der Grund für Ihre Resignation?
Christ: Die SPD befindet sich in keinem desolaten Zustand, auch wenn die Medien das immer wieder gerne beschreiben. Es findet eine personelle und inhaltliche Neupositionierung statt. In einer großen Volkspartei läuft so etwas eben selten geräuschlos.
SPIEGEL ONLINE: Fakt ist, dass die SPD seit Monaten mit drei potentiellen Kanzlerkandidaten, Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, auftritt, anstatt sich auf einen festzulegen. Halten Sie das für richtig?
Christ: Nein, ich halte das für falsch. Ich würde mir wünschen, dass der SPD-Kanzlerkandidat schon im Herbst 2012, also ein Jahr vor der Bundestagswahl, gekürt würde. Dann bliebe genügend Zeit, sich als Alternative zur Kanzlerin zu positionieren. Es geht darum, in dieser schwierigen Krise bessere Konzepte und Lösungen zu präsentieren als Frau Merkel das seit Monaten tut.
SPIEGEL ONLINE: Wen schlagen Sie vor?
Christ: Das ist nicht sehr schwer: Mein Kandidat und meine Empfehlung heißt Frank-Walter Steinmeier. Er bringt alle Eigenschaften und Erfahrungen mit, um Deutschland in schwierigen Zeiten erfolgreich zu regieren. Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel ergänzen das perfekt. Daher sollte die Troika Kernmannschaft des SPD-Kompetenzteams für die Bundestagswahl 2013 sein.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie wollen zurück in die Wirtschaft. Gibt es schon eine konkrete Adresse?
Christ: Es gab eine Reihe von Angeboten, aber es ist noch nichts final entschieden. Die letzten Wochen war ich allerdings häufig in München. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mehr dazu noch nicht sagen möchte.
Das Interview führte Frank Dohmen
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