Politik-Aussteiger Harald Christ: "Dieses ständige Taktieren lähmt alles"

Im vorigen Bundestagswahlkampf war Unternehmer Harald Christ noch Wirtschaftsminister im Schattenkabinett der SPD - nun hat er der aktiven Politik den Rücken gekehrt. Im Interview spricht er über ermüdendes Taktieren, den Zustand der Sozialdemokratie und seinen Wunsch-Kanzlerkandidaten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Christ, im vergangenen Bundestagswahlkampf waren Sie im Schattenkabinett von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier noch als Wirtschaftsminister vorgesehen. Jetzt kehren Sie der Politik den Rücken. Was ist passiert?

Christ: Politik in Deutschland beschränkt sich immer mehr auf das Verwalten von Prozessen und beschäftigt sich immer weniger mit dem Erarbeiten von Lösungen. Meine Erfahrungen aus 25 Jahren aktiven politischen Engagements haben die Hoffnung zerstört, dass sich der Politikbetrieb nachhaltig ändert. Um in politische Verantwortung zu kommen, müsste ich so vieles an Überzeugung aufgeben, dass mir der Preis dafür zu hoch erscheint. Ich kann das System nicht verändern, bin aber auch nicht bereit zu akzeptieren, dass das System mich verändert, nur um einer politischen Karriere zu dienen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Resignation.

Christ: Nein, Resignation ist das nicht, aber ich will gestalten und mich nicht permanent damit beschäftigen, wie bestimmte Ideen und Vorstellungen in der Partei ankommen, wer was worüber denkt. Dieses ständige Taktieren lähmt alles und bringt in der aktuellen Krise nichts mehr weiter. Ich appelliere an die Politik, endlich ein System zu schaffen, das den Wechsel fördert. Wir brauchen einen Austausch der besten Köpfe in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft. Das geschieht leider viel zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD ist in desolater Verfassung. Ist das der Grund für Ihre Resignation?

Christ: Die SPD befindet sich in keinem desolaten Zustand, auch wenn die Medien das immer wieder gerne beschreiben. Es findet eine personelle und inhaltliche Neupositionierung statt. In einer großen Volkspartei läuft so etwas eben selten geräuschlos.

SPIEGEL ONLINE: Fakt ist, dass die SPD seit Monaten mit drei potentiellen Kanzlerkandidaten, Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, auftritt, anstatt sich auf einen festzulegen. Halten Sie das für richtig?

Christ: Nein, ich halte das für falsch. Ich würde mir wünschen, dass der SPD-Kanzlerkandidat schon im Herbst 2012, also ein Jahr vor der Bundestagswahl, gekürt würde. Dann bliebe genügend Zeit, sich als Alternative zur Kanzlerin zu positionieren. Es geht darum, in dieser schwierigen Krise bessere Konzepte und Lösungen zu präsentieren als Frau Merkel das seit Monaten tut.

SPIEGEL ONLINE: Wen schlagen Sie vor?

Christ: Das ist nicht sehr schwer: Mein Kandidat und meine Empfehlung heißt Frank-Walter Steinmeier. Er bringt alle Eigenschaften und Erfahrungen mit, um Deutschland in schwierigen Zeiten erfolgreich zu regieren. Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel ergänzen das perfekt. Daher sollte die Troika Kernmannschaft des SPD-Kompetenzteams für die Bundestagswahl 2013 sein.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie wollen zurück in die Wirtschaft. Gibt es schon eine konkrete Adresse?

Christ: Es gab eine Reihe von Angeboten, aber es ist noch nichts final entschieden. Die letzten Wochen war ich allerdings häufig in München. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mehr dazu noch nicht sagen möchte.

Das Interview führte Frank Dohmen

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1. Kanzlerkandidat?
Berg-neu 12.07.2012
Es ist eine sehr gute Sache, die Anwartschaft auf einen Wahlsieg mit drei Spitzenpolitikern zu begründen, die dann sicherlich alle zusammen Regierungsämter/Ministerposten bekämen. Wenn Herr Christ den Genossen Steinmeyer als Besten sieht - das ist seine Sache. Ebensogut kann man Steinbrück als am besten geeignet nennen. Und dass sich die SPD Zeit nimmt, um einige Monate zu beobachten, wie sich die Akzeptanz, der Ruf, die Chancen der drei entwickeln, ist klug, weil zurückhaltend und zuversichtlich. Immerhin hat m.W. auch die CDU/CSU noch nicht definitiv einen Kanzlerkadidaten für 2013 genannt - oder noch einmal eine Kandidatin? Dort bleibt es nämlich auch spannend.
2. Desolat?
Frusciante 12.07.2012
Immer dieses Gerede vom "desolaten Zustand" der SPD ... Nur, weil man sich Zeit lässt mit der Beantwortung der Kanzlerkandidatenfrage, dem Lieblingsthema aller Journalisten, die wenig Interesse an inhaltlichen Themen haben. So ein Journalismus ist in einem "desolaten Zustand", weil seine Oberflächlichkeit die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung befördert.
3. Bei den Umfragewerten ....
colosseum 12.07.2012
Zitat von Berg-neuEs ist eine sehr gute Sache, die Anwartschaft auf einen Wahlsieg mit drei Spitzenpolitikern zu begründen, die dann sicherlich alle zusammen Regierungsämter/Ministerposten bekämen. Wenn Herr Christ den Genossen Steinmeyer als Besten sieht - das ist seine Sache. Ebensogut kann man Steinbrück als am besten geeignet nennen. Und dass sich die SPD Zeit nimmt, um einige Monate zu beobachten, wie sich die Akzeptanz, der Ruf, die Chancen der drei entwickeln, ist klug, weil zurückhaltend und zuversichtlich. Immerhin hat m.W. auch die CDU/CSU noch nicht definitiv einen Kanzlerkadidaten für 2013 genannt - oder noch einmal eine Kandidatin? Dort bleibt es nämlich auch spannend.
... steigt die Spannung gegen null. Ohne Merkel wäre die CDU/CSU keine Regierungspartei mehr (und ich bin kein Merkel-Anhänger wg. Euro-Krise). Ich gebe Herrn Christ recht: Politik in Deutschland ist taktieren und nur ganz oben lässt sich das aushalten - alles andere ist das Warten auf diese Chance.
4. desolaten Zustand
kdshp 12.07.2012
SPIEGEL ONLINE: Die SPD ist in desolater Verfassung. Ist das der Grund für Ihre Resignation? Christ: Die SPD befindet sich in keinem desolaten Zustand, auch wenn die Medien das immer wieder gerne beschreiben. Es findet eine personelle und inhaltliche Neupositionierung statt. In einer großen Volkspartei läuft so etwas eben selten geräuschlos. (aus dem artikel) Hallo, auch einer der die wahrheit nicht sehen will. Es ist der kampt zwischen rechts und links innerhalb der SPD die zu diesem chaos geführt haben und es am laufen halten. Nach dem verrat des herrn schröder (SPD/ex-kanzler) an den linken wählern innerhalb der SPD ist doch keine richtung mehr zu erkenn weil diese beiden seiten sich immer noch oder erst recht nach dem verrat gegenseitig fertig machen. ICH kann diese SPD nicht mehr wählen da sie mir zu weit nach politisch rechts geschwenkt ist und oder noch das ist.
5.
ajf00 12.07.2012
Zitat von Berg-neuEs ist eine sehr gute Sache, die Anwartschaft auf einen Wahlsieg mit drei Spitzenpolitikern zu begründen, die dann sicherlich alle zusammen Regierungsämter/Ministerposten bekämen. Wenn Herr Christ den Genossen Steinmeyer als Besten sieht - das ist seine Sache. Ebensogut kann man Steinbrück als am besten geeignet nennen. Und dass sich die SPD Zeit nimmt, um einige Monate zu beobachten, wie sich die Akzeptanz, der Ruf, die Chancen der drei entwickeln, ist klug, weil zurückhaltend und zuversichtlich. Immerhin hat m.W. auch die CDU/CSU noch nicht definitiv einen Kanzlerkadidaten für 2013 genannt - oder noch einmal eine Kandidatin? Dort bleibt es nämlich auch spannend.
Dann zeigt das in erster Linie das er nicht viel vom Grundgesetz haelt. Zur Erinnerung Steinmeier ist der der sich fuer die fortgesetzte rechtswidrige inhaftierung eines Bremer Mitbuergers im illegalen Gefaengnis Guantanamo Bay eingesetzt hat.
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Zur Person
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    Harald Christ, Jahrgang 1972, ist ein deutscher Unternehmer im Bank- und Versicherungswesen. Bei der Bundestagswahl 2009 stellte ihn die SPD als Wirtschaftsminister im Schattenkabinett von Frank-Walter Steinmeier auf. 2011 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "Deutschlands ungenutzte Chancen". Im Juni 2012 zog sich der Sozialdemokrat aus der aktiven Politik zurück.

Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
Getty Images
Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
DPA
Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
DPA
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.