Benimmregeln für Flüchtlinge "Deutschland ist ein sauberes Land, und das soll es auch bleiben!"

Im kleinen fränkischen Hardheim sind tausend Flüchtlinge untergebracht, der Bürgermeister wendet sich mit einem Willkommensbrief an sie. Doch er vergreift sich im Ton.

Flüchtlinge in Stuttgart: Wie benimmt man sich in Deutschland?
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Flüchtlinge in Stuttgart: Wie benimmt man sich in Deutschland?


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Tausend Flüchtlinge bei 4600 Einwohnern - das ist ohne Zweifel eine Herausforderung für die Gemeinde Hardheim im fränkischen Odenwald. Seit dem 13. September sind Teile der alten Carl-Schurz-Kaserne zur Erstaufnahmeeinrichtung für mehr als 600 Menschen geworden. Dazu gibt es schon seit Jahren eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber für 340 Personen - Menschen aus aller Welt sollen in dem Ort vorübergehend eine Bleibe finden.

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Die Hardheimer zeigen sich hilfsbereit, keine Frage. Aber viele sehen den Ort auch an seiner Belastungsgrenze. Das Alltagsbild ändert sich, Kulturen treffen aufeinander - kann das Zusammenleben mit so vielen Flüchtlingen aus den Krisenregionen der Welt funktionieren?

Die "Süddeutsche Zeitung" widmete der Situation in Hardheim am Mittwoch eine große Reportage. Auch bei "Stern TV" hat Bürgermeister Volker Rohm von den "Freien Wählern" schon über die Sorgen seiner Gemeinde gesprochen.

Und er hat den Neuankömmlingen in seinem Ort einen Brief geschrieben, der als "Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge" auch auf der Homepage der Gemeinde (auf Deutsch) veröffentlicht (die Seite ist seit einigen Stunden nicht mehr erreichbar/Anm. der Red.) wurde und in vereinfachter Form auch Flüchtlingen in den Unterkünften "näher gebracht" werden soll.

Es ist ein Brief, der zeigt, wie schwierig es ist, den richtigen Ton zu treffen, wenn es darum geht, Integrationsbereitschaft einzufordern.

"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!", schreibt Rohm. "Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt." Der Bürgermeister beginnt freundlich und verständnisvoll.

Danach aber ändert sich der Ton. Es folgen nur noch Belehrungen - ein paar Beispiele:

"In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört."

"Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer."

"In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet."

"Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen."

"Junge Mädchen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nummer und Facebook-Kontakt belästigt und wollen auch niemanden heiraten." (An dieser Stelle wurde der Text inzwischen von der Gemeinde Hardheim abgeschwächt und höflicher formuliert. Jetzt heißt es dort: "Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nummer und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!")

Schreiben des Bürgermeisters von Hardheim

Schreiben des Bürgermeisters von Hardheim

Die Regeln transportieren Vorurteile und Ressentiments. Flüchtlinge sind Diebe, schmutzig und baggern allesamt Mädchen an - das bleibt nach der Lektüre des Leitfadens, den Bürgermeister Rohm nach Angaben der Gemeindeverwaltung selbst geschrieben hat, hängen.

Rohm selbst war für eine Stellungnahme auf mehrfache Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen.

In der RTL-Sendung "Stern TV" räumte er zuletzt allerdings ein, dass viele Befürchtungen der Hardheimer Bürger, die auch in dem Leitfaden aufgegriffen werden, "emotionale Dinge" seien, "die nicht alle sachlich zu belegen sind".

Wie es anders gehen kann, wie auch ein respektvoller Ton gelingen kann, ohne dass die Aussagen an Deutlichkeit verlieren, zeigt ein umfangreicher Guide für Flüchtlinge, den Ehrenamtliche verschiedener kultureller Herkunft und aus ganz Deutschland verfasst haben. Darin steht zum Beispiel:

"Homosexualität ist Normalität in Deutschland (ein ehemaliger Außenminister war offen schwul). Homosexuelle Partnerschaften können legal und der Ehe ähnlich registriert werden."

"Privatsphäre ist Menschen in Deutschland wichtig. Das kann manchmal distanziert wirken. Es ist vollkommen normal, stundenlang im Zug oder im Restaurant neben Fremden zu sitzen und nur "Guten Tag" oder "Auf Wiedersehen" zu sagen. Genauso ziehen es einige Leute vor, alleine zu sitzen, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln."

"Der Umgang mit der Bürokratie ist manchmal sehr komplex und kann ineffizient wirken. Bürokratie braucht Zeit und folgt standardisierten Abläufen. Das kann frustrierend sein."

Im Unterschied zum Hardheimer Leitfaden benennt auch dieser Guide klare Regeln und Gesetze, aber er gibt Flüchtlingen auch echte Hilfestellungen - er beschreibt zum Beispiel, welche Einkaufsmöglichkeiten es in Deutschland gibt.

Wichtiger noch: Die Autoren haben sich Gedanken gemacht darüber, wie ihr Leitfaden auf Flüchtlinge wirken könnte. Man wisse, dass "einige der Hinweise als überheblich oder abwertend empfunden werden können", schreiben die Autoren. "Dies wurde bei der Erstellung kontinuierlich kritisch hinterfragt und reflektiert. Um dieser Unsicherheit zu begegnen, wurde diese Orientierungshilfe in enger Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedensten Ländern verfasst."

Jaafars Videoblog: Unter Flüchtlingen

SPIEGEL ONLINE/DW

Zusammengefasst: Wie kann man Flüchtlingen Regeln und Sitten in Deutschland respektvoll vermitteln? Das ist ein Balanceakt - wie ein Katalog von Benimmregeln zeigt, den der Bürgermeister der Gemeinde Hardheim verfasst hat und der Ressentiments transportiert. Es gibt aber auch andere, sehr gelungene Leitfäden für Flüchtlinge.

anr

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