Weinstein-Skandal Trau keinem Feministen!

#howIwillchange heißt ein Hashtag von Männern, die Frauen unterstützen wollen. Dabei lehrt der Fall Weinstein, dass bei Männern, die sich besonders für die Gleichberechtigung einsetzen, Vorsicht geboten ist.

Filmproduzent Weinstein
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Filmproduzent Weinstein

Eine Kolumne von


Der Regisseur Oliver Stone war mir immer suspekt. Ich habe nie etwas mit seinem Hang zu Verschwörungstheorien anfangen können. Seinen Interview-Film mit Wladimir Putin hielt ich für ein Desaster. Dann las ich vor ein paar Tagen ein Zitat, das mich aufhorchen ließ.

"Ich glaube daran, dass man erst wartet, bis der Fall vor Gericht geht", sagte Stone, auf den Fall Harvey Weinstein angesprochen. "Ich habe Horrorgeschichten über jeden in diesem Business gehört. Ich werde das also nicht kommentieren. Ich werde abwarten. Das ist das Richtige."

Es gibt nicht viele Leute in Hollywood, die mit einem Kommentar zu Weinstein warten können oder wollen. Jeden Tag melden sich neue Regisseure, Autoren, Schauspieler, Politiker zu Wort, um ihre Abscheu über den berühmten Filmproduzenten zu bekunden. Inzwischen ist es schon eine Nachricht, wenn jemand einer Stellungnahme ausweicht. Wenn einer wie Stone öffentlich auf die Zuständigkeit der Justiz verweist, ist das fast eine Sensation.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in mir erzeugt der absolute Gleichklang der Öffentlichkeit immer eine gewisse Übelkeit. Ich mag es nicht, wenn sich alle zu einig sind. Das gilt zumal, wenn es sich wie bei Weinstein oft um Leute handelt, die dem nun Verachteten vorher noch Kränze gewunden haben.

Der Opportunismus der Verdammung ist nicht besser als der Opportunismus der Adoration. Dieselben Menschen, denen es eben nicht schnell genug gehen konnte, sich vor dem mächtigen Mann zu verbeugen, sind jetzt die eifrigsten, wenn es darum geht, ihn zu verdammen. Tatsächlich ist in der eiligen Distanzierung von dem Monster derselbe Mechanismus zu beobachten, der vorher allen den Mund verschlossen hat.

Viel ist jetzt von der stillen Mitwisserschaft die Rede, dem System der Duldung, das die Übergriffe auf Frauen erst ermöglichte. Dem SPIEGEL habe ich entnommen, dass sogar in einer Oscar-Ansprache auf Weinsteins Vorliebe für junge Frauen Anspielungen gemacht wurden. Vermutlich waren nicht alle Details bekannt. Dass jemand mit seiner Statur sich gerne beim Duschen zusehen lässt, gehört zu der Art von Sexualverhalten, das man lieber nicht ausgebreitet sehen möchte. Aber dass Weinstein zudringlich wurde, wenn die Türen geschlossen waren, das wussten offenbar viele.

Der Opportunismus sortiert sich nicht entlang der Geschlechtergrenze, auch das ist eine der unangenehmen Wahrheiten, die der Fall Weinstein mit sich bringt. Es wäre schön, wenn es anders wäre, aber Feigheit ist geschlechtslos. Wenn man es ernst meint mit der Frage nach der Verantwortung des gesellschaftlichen Umfeldes, dann muss man auch über die Rolle der Frauen reden, die Bescheid wussten, aber lieber stumm blieben.

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Vorwürfe gegen Medienmogul: Die Akte Weinstein

Ich rede nicht von den Starlets, die dachten, sie seien zu einem Vorstellungsgespräch geladen und sich plötzlich allein mit Weinstein in einer Suite wiederfanden. Da gilt, was Verena Lueken in der "FAZ" geschrieben hat: Vorwürfe an die Opfer sind immer die billigste Art, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Ich rede von Frauen wie Angelina Jolie, die nach eigenem Bekunden seit Jahren wussten, was los war. Ein Satz von ihr hätte genügt, um Weinstein auffliegen zu lassen. Sollen wir wirklich glauben, dass sie fürchtete, all ihre Millionen und ihr Status als Super-Celebrity wären nicht Schutz genug?

Man soll niemandem seinen Opportunismus vorhalten. Die wenigsten Menschen taugen zum Helden. Aber ich finde, man könnte wenigstens erwarten, dass die Leute, die über Jahre weggesehen haben, weiter die Klappe halten, anstatt sich mit Anschuldigungen nach vorne zu drängeln, um sich ihre Platzkarte beim Spektakel der Verurteilung zu sichern.

Wenn nicht alles täuscht, treten wir nach der gesellschaftlichen Ächtung des Täters und der Entlastung durch Empörung gerade in die dritte Phase der Bewältigung ein: der Verallgemeinerung des Falls zum Grundsatzproblem. Der Fall Weinstein steht nun für ein Klima der Belästigung und Einschüchterung, in dem Frauen generell Freiwild sind.

Die unfreiwillige Pointe dieser Form der Bewältigung ist eine eigenartige Schuldentlastung, das scheint den meisten zu entgehen. Wenn alle Männer Schweine sind, kann sich das einzelne Schwein darauf hinausreden, dass schließlich alle so handeln würden. Sicher, es war nicht anständig, was ich getan habe: Aber hey, so geht es nun mal zu in der Männerwelt!

Geht es nicht, würde ich sagen. Wie Weinstein sich benommen hat, ist nicht normal. Aber da bin ich vielleicht befangen.

Es gibt auch einen Opportunismus des politischen Wohlverhaltens, das gehört ebenfalls zur Wahrheit dieser Geschichte. Die Enthüllungen aus Hollywood lösen auch deshalb eine solche Schockwelle aus, weil hier jemand der Gewalt gegen Frauen beschuldigt wird, der zum linken Establishment gehörte.

Bei einem wie Trump wäre man nicht erstaunt, aber bei einem Großunterstützer der linksliberalen Sache? Kaum jemand in Hollywood war den Demokraten so verbunden wie der Gründer von Miramax. Wenn es um die Förderung der Gleichberechtigung ging oder den Schutz von Minderheiten, war auf seine Spende immer Verlass.

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Überall finden sich jetzt Männer, die ihre Bestürzung zum Ausdruck bringen und einen noch entschiedeneren Einsatz für die Frauen geloben. Es gibt sogar schon einen eigenen Hashtag, unter dem Männer beschreiben, wie sie sich bessern wollen (#HowIwillchange). Vorsicht bei Kerlen, die sich besonders verständnisvoll geben, würde ich nach der Erfahrung der letzten Tage sagen. Wenn es eine Lehre aus dem Weinstein-Skandal gibt dann, dass man niemandem trauen sollte, weil er sich als Feminist geriert. Manchmal ist der Feminismus für Männer nur ein Cover.

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Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
Freier.Buerger 19.10.2017
1. JF von seiner besten Seite
Zwei Sätze / Abschnitte sind bei mir besonders hängen geblieben. "Ich mag es nicht, wenn sich alle zu einig sind." Da geht es mir genauso, egal welches Thema. "...der Verallgemeinerung des Falls zum Grundsatzproblem... Wenn alle Männer Schweine sind, kann sich das einzelne Schwein darauf hinausreden, dass schließlich alle so handeln würden." Wenn sich ein °/oo der Frauen der westlichen Welt jetz in irgendwelche Hashtacs melden muss ich noch lange nicht jemand vom dann 10tel °/oo der Männer der kennen, der so handelt.
franz.v.trotta 19.10.2017
2.
Zitat: "Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in mir erzeugt der absolute Gleichklang der Öffentlichkeit immer eine gewisse Übelkeit. Ich mag es nicht, wenn sich alle zu einig sind." Kompliment, Herr Fleischhauer, für diesen Beitrag. Ja, das geht mir auch so. Als Beispiel nenne ich die im Gleichklang betriebene Demontage des Martin Schulz vor der Bundestagswahl, über die Eva Menasse im letzten Print-Spiegel - so treffend und wahr - geschrieben hat. Ja, und - mit Einschränkungen - geht mir das selbst bei Trump und seiner Frau Melania so, die offenbar von Denunzianten umgeben sind.
VoKut 19.10.2017
3. Gut beobachtet, Herr Fleischauer
Alphamännchen und Feminismus passen nicht zueinander. Insofern halte ich profeministische Aussagen dieser Art Männer für Lippenbekenntnisse um der politischen Korrektheit zu entsprechen, nicht mehr und auch nicht weniger.
notenbuch 19.10.2017
4. Keine Frage der Statur, sondern des freien Willens
Das Thema der Kolumne ist scharfsinnig gewählt und bearbeitet. Mit der Ausnahme des Verweises auf "die Statur" des Duschers. Wie es da steht, wäre es im Umkehrschluss in Ordnung, würde jemand mit Topfigur Andere nötigen, ihn beim Duschen zu beobachten. Die Statur ist jedoch nicht das Entscheidende, sondern ob die Zuschauerin überhaupt zuschauen möchte. Also die Freiwilligkeit des Schauens und die Möglichkeit zum Nein. Daneben staune ich mit Jan Fleischhauer über die Männer, die sich "bessern wollen" usw. Und bin befremdet von den Prominenten, die von den Vorgängen wussten, zwar mehr oder weniger, aber des eigenen Vorteils wegen schwiegen. Wie es so heißt: man hat sie dazu gezwungen ...mit Geld.
josifi 19.10.2017
5. Schwachsinn
Der mit Abstand schwachsinnigste Fleischhauer-Kommentar seit Langen. Und das will was heißen. Von Geschlechtsgenosse zu Geschlechtsgenosse: Relativieren der Vorkommnisse und den Frauen unterschwellig eine Mitschuld zu geben, sollte ein echter Mann nicht nötig haben und ist seiner auch nicht würdig.
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