Anklage gegen Salafist Abou Nagie Prediger mit dubiosen Konten

Der salafistische Hassprediger Ibrahim Abou Nagie soll die deutschen Sozialbehörden im großen Stil betrogen haben. Laut Anklage bezog der Extremist jahrelang staatliche Leistungen für seine Familie - obwohl er über Hunderttausende Euro verfügte.

Von , Düsseldorf

Salafisten-Prediger Abou Nagie: Einkaufen bei Edeka, tanken bei Aral
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Salafisten-Prediger Abou Nagie: Einkaufen bei Edeka, tanken bei Aral


"Ich wünsche", sprach der Prediger aus Köln einst im Radio, "dass die Scharia weltweit herrscht." Sie sei die Gebrauchsanweisung, die der Schöpfer im Koran herabgesandt habe.

Seit Jahren tritt der frühere Inhaber eines Geschäfts für Selbstklebefolien und anschließende Selfmade-Missionar, Ibrahim Abou Nagie, für einen islamischen Gottesstaat ein: Die Sicherheitsbehörden halten ihn für einen der einflussreichsten salafistischen Hassprediger in Deutschland.

Doch in seinem alltäglichen Leben weiß der Fundamentalist mit den sanften braunen Augen die Segnungen der vermeintlich dekadenten westlichen Zivilisation durchaus zu schätzen, wie aus Ermittlungsakten hervorgeht: Seine Einkäufe erledigt er bei Edeka oder Lidl, er tankt bei Aral, und zum Haareschneiden kommt ihm ein mobiler Friseur ins Haus. Gezahlt wird meist mit EC-Karten, denn auch fundamentale Eiferer können im Alltag durchaus bequeme Zeitgenossen sein.

Doch diese gut belegten Zahlungen, von Kölner Fahndern penibel rekonstruiert, könnten Ibrahim Abou Nagie, 49, alsbald zum Verhängnis werden. Die Staatsanwaltschaft hat den Deutschen palästinensischer Herkunft wegen gewerbsmäßigen Sozialbetrugs angeklagt. Der verheiratete Langzeitarbeitslose, Vater von drei Kindern, soll binnen zweier Jahre staatliche Unterstützungen in Höhe von knapp 54.000 Euro kassiert haben, obschon er über genug Geld verfügte.

Laut Anklage vermochte Abou Nagie nämlich auf ein Konto bei der Sparkasse KölnBonn zuzugreifen, das wohl nur zum Schein auf den Namen seines ebenfalls angeklagten Vertrauten Masoud P., 29, lief. Darüber wickelte der Prediger in der fraglichen Zeit Zahlungen in einer Höhe von etwa 272.000 Euro ab, den Großteil gab er demnach aus, um seine extremen Botschaften unter die Leute zu bringen.

Plattformen der Propaganda

So ließ er laut Staatsanwaltschaft allein für circa 135.000 Euro Bücher und Broschüren drucken, knapp 10.000 Euro kosteten die mehr als 40 Internetdomains, die sich Abou Nagie bei dem Anbieter 1&1 gesichert hatte. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hält diese Seiten für wichtige Plattformen der Propaganda, die den "Nährboden für eine Radikalisierung" gerade junger Muslime bereiten können. Diese wiederum könne zu "Gewaltbereitschaft und schließlich auch zu einer anschließenden Rekrutierung für den islamistischen Terrorismus führen", heißt es im jüngsten Jahresbericht des BfV.

Den Rest des Geldes, das wohl von Tausenden Privatpersonen gespendet worden war, verwandte Abou Nagie laut Anklage für sich. Etwa 86.000 Euro gab er demnach für seine Zwecke aus, leaste einen schwarzen C-Klasse-Mercedes, tankte, kaufte ein, aß in Restaurants, übernachtete in Hotels. Seine Kontobewegungen künden von dem Leben eines umherreisenden Handelsvertreters, der den Manipulierbaren im ganzen Land keine Wurzelbürsten, sondern ebenso einfache wie extreme Botschaften andrehte.

Dabei engagieren sich Salafisten-Prediger wie Abou Nagie seit einiger Zeit vor allem für eine Krisenregion: Syrien. Regelmäßig finden überall in Deutschland große Benefizveranstaltungen statt, bei denen sie zu Spenden für humanitäre Hilfe aufrufen. Allerdings lassen die Aufwiegler durchaus erkennen, dass sie nichts gegen Gläubige haben, die mehr tun wollen. "Weltweit werden unsere Geschwister im Islam umgebracht, weil sie Muslime sind. Unsere Geschwister in Syrien brauchen unsere Unterstützung", so Abou Nagie im Dezember. Er versteht den dortigen Bürgerkrieg als Teil eines globalen Glaubenskampfs.

Alte Kerbe

Den Kölner Ermittlungsbehörden indes bietet das neuerliche Strafverfahren, über dessen Eröffnung das Amtsgericht bislang noch nicht entschieden hat, auch die Möglichkeit, eine alte Kerbe auszuwetzen. Vor anderthalb Jahren war ein Prozess gegen Abou Nagie an einer peinlichen Posse gescheitert. Auf einer DVD mit einer Rede des Extremisten, die angeblich Hetztiraden und Aufrufe zum Mord enthalten sollte, fanden sich keine derartigen Entgleisungen. Das allerdings bemerkte die Justiz erst, als der Gerichtstermin bereits unmittelbar bevorstand. Die Häme der Szene war groß.

Und auch diesmal ist Abou Nagies Verteidiger, der Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal, ziemlich optimistisch, was den Ausgang des Verfahrens anbelangt: "Die Vorwürfe gegen meinen Mandanten sind aus der Luft gegriffen. Wir werden sie in der Hauptverhandlung entkräften." Ähnlich überzeugt gibt sich Carsten Rubarth, der Masoud P. vertritt: Das Gericht werde erkennen, dass sein Mandant kein Straftäter sei, so der Rechtsanwalt aus Bonn.

Dennoch werden sich die Angeklagten unangenehme Fragen stellen lassen müssen, womöglich sogar von ihren Brüdern im Glauben. So verfügte der religiöse Hardliner Abou Nagie nämlich laut Anklage über ein weiteres Konto bei der Sparkasse. Während er sich die staatliche Unterstützung auf das Konto seiner Frau überweisen ließ, nutzte er dieses Depot wohl ausschließlich für Transaktionen, von denen die Sozialbehörden nichts erfahren sollten. Bei einem Termin in der Bank gab er der Staatsanwaltschaft zufolge an, er sei im Marketing tätig - ausgerechnet bei dem US-amerikanischen Autokonzern Ford.

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