Von Lisa Erdmann
Hamburg - "Fühl mal da, dieses kleine Teil ist das Knie. Ich suche aber eigentlich den Po." Isabel Grafe drückt sanft in den Bauch von Christine, die es sich auf einem Bett bequem gemacht hat. Das Baby soll am Sonntag kommen - das ist der errechnete Geburtstermin. Wahrscheinlich ein Mädchen. Die Hebamme gibt ein paar letzte Tipps, Tee für die Blutbildung und schaut, wie tief das Köpfchen schon gerutscht ist.
Grafe, 29, arbeitet im Geburtshaus Hamburg. Zehn freiberufliche Hebammen gibt es in dem Hinterhofgebäude in Hamburg-Ottensen. Alle arbeiten mehr als Vollzeit, meist an die 60 Stunden pro Woche, wie Geschäftsführerin Britta Höpermann sagt. "Acht bis neun Euro netto bleiben ungefähr pro Stunde übrig." Davon kann man in Hamburg kaum eine eigene Wohnung bezahlen.
Christine muss noch auf die Waage: 70,5 Kilogramm. Sie nimmt für jeden Termin einen weiten Weg auf sich, aus Henstedt-Ulzburg, einer Kleinstadt rund 20 Kilometer nördlich von Hamburg. Aber sie möchte unbedingt hier im Geburtshaus entbinden. Christine mag keine Krankenhäuser. "Krankenhäuser haben für mich mit krank sein zu tun. Und das bin ich ja nicht."
Eine Geburt ist eine hoch emotionale Angelegenheit. Es geht um größtes Glück und höchste Angst. Um Schmerz und Beistand. Doch werdende Eltern müssen sich künftig wohl noch mehr auch um Bürokratie und Planung kümmern. Schon jetzt müssen sich Schwangere frühzeitig um eine Hebamme bemühen. Dass man im Mai schon wegen Überfüllung abgewiesen wird, wenn das Baby im Dezember kommt, ist keine Seltenheit. Und künftig kann das noch schwieriger werden. Zumindest für die Frauen, die bei der Geburt eine Hebamme dabei haben möchten, die sie sich selber ausgesucht haben und die sie bereits kennen. Denn die Zahl der freiberuflichen Hebammen, die Geburten im Krankenhaus, in Geburtshäusern oder gar zu Hause begleiten, sinkt.
Zentrale Forderung: 30 Prozent mehr
Seit Monaten gehen die Hebammen in Deutschland auf die Straßen. In Kiel, in Berlin, in Essen, in Dresden und vielen Städten mehr. Sie demonstrieren, es gab Streiks und eine Sammlung von Hunderttausenden Unterschriften. Nun soll der Protest noch größer werden. "Der Bundesgesundheitsminister hat Verbesserungen versprochen, aber nichts ist passiert", klagt Edith Wolber vom Hebammenverband und kündigt eine härtere Gangart an. Denn der Job rund um die Geburt lohnt sich kaum noch.
Sie wollen vor allem mehr Geld. 30 Prozent mehr für die Leistungen, die mit den Kassen abgerechnet werden. Dafür fordern sie eine Ausnahme vom Beitragsstabilitätsgesetz.
Das Bundesgesundheitsministerium will die Kritik nicht gelten lassen. "Wir tun viel, um die Bedenken aufzunehmen", sagt Sprecher Roland Jopp. In diesen Tagen werde ein Gutachten über die Situation der Hebammen in Auftrag gegeben. Ergebnisse soll es zum Jahresende bringen. Gesetzliche Änderungen würden geprüft.
Hebamme war noch nie ein Beruf zum Reichwerden. Für eine bis zu elfstündige Geburt im Krankenhaus erhält eine Beleghebamme 224 Euro. Ein Nachsorgetermin bringt 26 Euro - egal wie lange er dauert.
Das durchschnittliche zu versteuernde Jahreseinkommen einer freiberuflichen Hebamme beträgt rund 14.000 Euro. Aber seit Mitte der Nullerjahre hat sich die Situation vor allem für sie noch verschärft. Gründe dafür sind die nur langsam steigenden Gebühren und der gleichzeitig rasant steigende Beitrag für die Berufshaftpflichtversicherung: Vor vier Jahren lag er noch bei 1218 Euro. Aktuell bei 3689 Euro im Jahr für freiberufliche Hebammen, die Geburten begleiten. Für deren Kolleginnen, die lediglich Vor- und Nachsorge betreiben, beträgt der Beitrag nur ein Bruchteil.
So verwundert es nicht, dass immer mehr Hebammen den eigentlichen Kern ihres Berufs aufgeben: allein seit dem vergangenen Jahr 15 Prozent, sagt die Statistik des Hebammenverbands. Heute arbeitet nur noch ein Viertel der Hebammen in der Geburtshilfe.
Ein Fehler kann Millionen kosten
Die geringe Entlohnung der Hebammen sei dem Risiko nicht angemessen, sagt auch Katrin Rüter de Escobar vom Gesamtverband der Versicherer. Sie erklärt die deutlich gestiegenen Versicherungsprämien mit der Kostenexplosion im Schadensfall. Hebammen machen heute nicht mehr Fehler als früher. Aber wenn sie einen machen, dann wird es viel teurer als früher. "Es geht dann nicht um eine kaputte Vase, sondern um ein Kind. Und das kostet Geld." Die Deutsche Ärzteversicherung ging bei einem schweren Geburtsschaden nach einem Behandlungsfehler 1998 von einer Schadenshöhe von 340.000 Euro aus - zehn Jahre später waren es fast 2,9 Millionen Euro.
Im Geburtshaus Hamburg kommen im Jahr rund 150 Babys auf die Welt. Die Hebammen hier können sich die Geburtshilfe leisten, weil sie ein großes Zusatzangebot aufgebaut haben: Yoga für Schwangere, Kurse für Ernährung und die richtige Tragetechnik, Still- und Babytreffs - und seit kurzem sogar Kurse für Großeltern und Geschwisterkinder. Abgerechnet wird direkt mit den Teilnehmern. "Unsere Kursräume sind zu 100 Prozent ausgelastet. Sonst würde es auch gefährlich werden für den Betrieb", sagt Geschäftsführerin Höpermann.
In Kleinstädten oder auf dem Land funktionieren solche Modelle nicht. Dafür kommen zu wenige Babys auf die Welt. Aber auch in schwierigen Stadtteilen von Großstädten gibt es laut dem Hamburger Hebammenverband bereits eine Unterversorgung - wie etwa im Stadtteil Wilhelmsburg. Dort haben die Menschen kein Geld für Schwangeren-Yoga und Wickelkurse. Die werdenden Eltern müssen weite Wege in Kauf nehmen. Wie Christine aus Henstedt-Ulzburg.
Hebamme Isabel Grafe hat Christine das CTG angelegt. Sie lauschen den Herztönen des Babys. "Wann sollen wir denn losfahren, wenn es losgeht?" Lieber zu früh als zu spät, rät die Hebamme. Am besten solle sie in engem Telefonkontakt mit dem Geburtshaus bleiben. "Und lass auf keinen Fall deinen Mann anrufen. Der weiß sowieso nicht, wie es dir geht."
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