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Mit Flüchtlingen durch Heidenau: "Ist doch okay hier"

Aus Heidenau berichtet

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Hasnain Kazim

Asylbewerber in Heidenau: Beschützt von der Polizei

"Komm nach Heidenau! Ich mach Döner aus dir!": Mit solchen Schreiben wurde unserem Korrespondenten gedroht. Nun ist der Sohn pakistanischer Eltern nach Sachsen gereist. Dort traf er optimistische Flüchtlinge - und irritierte Neonazis.

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Das Gesicht des Neonazis aus der Sächsischen Schweiz werde ich nie vergessen. Dabei ist es viele Jahre her, dass ich ihn gesehen habe. "Wir sind eine national befreite Zone", brüllte er in eine Fernsehkamera. Das war in den Neunzigerjahren. Auf die Frage des Reporters, was er damit meine, antwortete er: "Dass hier keine Kanaken und Schlitzaugen sind!"

Diese Zeit, diese Bilder haben sich bei mir - und bei vielen anderen Menschen, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben - eingebrannt: Pogromstimmung, brennende Häuser, rennende Menschen, gejagt von Glatzköpfen, unter dem Applaus der Anwohner. Und damit blieben auch bestimmte Namen hängen: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Greifswald, Hünxe, Mölln, Solingen.

Ich war damals ein Teenager und gerade deutscher Staatsbürger geworden, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten 16 Jahre lang mit der Ausländerbehörde gerungen. In der düsteren Stimmung damals blitzte kurz der Gedanke auf, dieses Land, das uns zur Heimat geworden war, vielleicht doch zu verlassen. Richtung England oder in die USA. Aber wir blieben.

Vergangene Woche, nach der Veröffentlichung eines Kommentars, schrieb mir ein anonymer Leserbriefschreiber: "WAS WILLST DU DRECKSKANAKE IN DOITSCHLAND?" Ein anderer, offensichtlich aus Heidenau, wo es in den vergangenen Tagen zu Gewalt gegen Flüchtlinge gekommen ist, ließ mich wissen: "Komm du nach Heidenau! Ich mach Döner aus dir!"

Nun bin ich in Deutschland, in Heidenau.

Familie, Freunde und Kollegen sagten vorher: Pass auf dich auf! Das ist Deutschland im Jahr 2015. So etwas höre ich sonst nur, wenn ich in Krisengebiete in fernen Ländern reise.

Video: Fünf Fakten gegen Flüchtlingshass

DER SPIEGEL
Heidenau gehört zum Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Ein knappes Vierteljahrhundert nach dem Fernsehauftritt des Neonazis ist das Thema Rechtsextremismus hier immer noch nicht erledigt. Menschen, die irgendwie fremdländisch aussehen, hat man in Heidenau bis vor Kurzem kaum angetroffen.

In einem ehemaligen Praktiker-Baumarkt leben seit vorvergangenem Freitag Menschen aus den Krisengebieten der Welt: Syrer, Iraker, Afghanen, Pakistaner. Sie wurden von gewaltbereiten Neonazis empfangen, die verhindern wollten, dass diese Menschen hierherkommen. Inzwischen sind rund 600 Männer, Frauen und Kinder auf engstem Raum untergebracht. Tagsüber verbringen sie die Zeit auf der Wiese nebenan, spielen Fußball oder werfen Frisbee-Scheiben. Manche setzen sich auf den grasbewachsenen Hügel gegenüber und warten, dass die Zeit vergeht.

"Man muss die Sprache beherrschen, um anzukommen"

Mohammed Shafiq ist Pakistaner, er ist schon vor zehn Jahren vor den Taliban geflüchtet - zuerst nach Griechenland, wo man ihn ein paar Jahre leben ließ, dann aber Druck ausübte, er solle Richtung Nordeuropa weiterziehen. Seine Odyssee führte ihn vor zwei Wochen nach München und vor einer Woche nach Heidenau.


Video: Mohammed Shafiq übt Deutsch

Hasnain Kazim
Shafiq zieht ein Blatt Papier aus der Hosentasche. Er hat Zahlen und ein paar Wörter draufgeschrieben, "Danke", "Bitte", "Wie geht es dir?" auf Deutsch und dahinter auf Urdu, wie man sie ausspricht. "Man muss die Sprache beherrschen, um in einem Land anzukommen", sagt er.

Ein Afghane, der neben ihm sitzt, versucht, Gemeinsamkeiten zwischen Heidenau und seiner Heimat zu finden. "Das war hier auch mal von der Sowjetunion besetzt, oder?" Eine Gruppe Syrer würde gern in das Freibad gehen, das ein paar Meter den Hügel hinauf liegt. "Kostet drei Euro Eintritt", sagt Ramzan. "Für uns nicht leistbar. Wir haben doch nichts." Ein paar Flüchtlinge planschen dort drinnen und nutzen die Gelegenheit zu duschen. "Die sind ein bisschen wohlhabender", sagt Ramzan.

Die Frau an der Kasse sagt: "Ich kann hier niemanden einfach so reinlassen, da bekomme ich Ärger. Aber ansonsten ist hier natürlich jeder willkommen. Auch die Flüchtlinge." Sie wirkt herzlich, und man nimmt es ihr ab. Eine Mutter erklärt ihren Kindern, warum so viel Polizei rund um das Flüchtlingsheim und vor dem Schwimmbad steht. "Ein paar Menschen wollen nicht, dass so viele Leute aus anderen Ländern hierherkommen. Sie machen Ärger, und deshalb passen die Polizisten auf."

Die Flüchtlinge haben für die Polizisten nur lobende Worte. "In Pakistan hätten die uns schon längst verprügelt, einfach so, um uns ihre Macht zu zeigen", sagt Shafiq. Auch Angela Merkel loben sie, weil sie sie in Heidenau besucht hat. Und sie erwähnen das Willkommensfest, um das es ein Hin und Her gegeben hatte. "Toll war das!", sagt ein Syrer.

Die Flüchtlinge sagen, es gefalle ihnen in Heidenau. "Da sind ein paar Jungs, die Ärger machen, aber ansonsten ist es doch okay hier", findet Shafiq. Es gebe zwar zu wenige Toiletten und nicht wirklich viel zu essen. "Aber das ist ja nur für eine kurze Zeit, dann ziehen wir hoffentlich weiter." Am liebsten würden sie alle arbeiten, Geld verdienen, sich nützlich machen, ihrem Leben einen Sinn geben nach all dem Terror und all der Gewalt in ihrer Vergangenheit. Die Haltung der Neonazis verstehen sie nicht. "Deutschland ist doch eines der reichsten Länder der Welt", sagt Aziz, ein Iraker.

Neonazis haben sich vor der Unterkunft seit zwei Tagen nicht mehr blicken lassen. Ich fahre ein paar Kilometer weiter, wo sie sich aufhalten sollen. Als wollten sie ein Klischee erfüllen, sitzt eine Gruppe in einer Gartenlaube und trinkt Bier. Sie scheinen mich für einen Flüchtling zu halten und wirken irritiert, als ich auf sie zugehe. Ich frage sie, ob ich mit ihnen sprechen darf. Einer sagt: "Verpiss dich." Ich antworte im Scherz: "Ich bin Scheich, ich bin hier, um Heidenau zu kaufen." Da gucken sie nur und drehen sich weg.

Eine Ohrfeige für die sächsische Politik

Es gibt auch Hoffnung in Heidenau. Silvio Lang steht zum Beispiel dafür, der Sprecher von "Dresden Nazifrei", einem linken Bündnis von Aktivisten. Er hat das Willkommensfest in Heidenau angemeldet und es zusammen mit seinen Mitstreitern durchgesetzt, obwohl es zeitweise untersagt war. Am Ende musste das Bundesverfassungsgericht den Weg frei machen. Es war eine Ohrfeige für die sächsische Politik.

Silvio Lang, Sprecher von "Dresden Nazifrei": Kampf um eine Party Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Silvio Lang, Sprecher von "Dresden Nazifrei": Kampf um eine Party

Ein anderer Hoffnungsträger ist Bürgermeister Jürgen Opitz. Er hat sich mit deutlichen Worten gegen Rassismus geäußert. Prompt fand seine Frau einen Zettel im Briefkasten, auf dem ihm Gewalt angedroht wurde. Opitz sagte Journalisten: "Ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass die Heidenauer Solidarität mit den Asylbewerbern zeigen und sich ordentlich benehmen. Ich habe keine Angst." Auf eine Gesprächsanfrage antwortet er nun aber, dass er "derzeit weder für Statements noch für Interviews zur Verfügung steht".

Andere Politiker lassen mich ratlos zurück, weil sie in erster Linie nur darum bemüht sind zu erklären, dass Fremdenfeindlichkeit kein rein ostdeutsches Problem sei. Sie verweisen auf Anschläge in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen - als würde das den Blick auf das, was in Heidenau und anderen Orten geschieht, mildern. Ist der Ruf einer Region wichtiger als das Wohl von Menschen?

Mit drei Flüchtlingen fahre ich ins Zentrum von Heidenau, weil sie noch nichts von dem Ort gesehen haben. "Nicht schlecht", sagt einer, als wir durch die Ernst-Thälmann-Straße gehen, die Haupteinkaufsstraße. Auf einem Plakat wirbt die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" mit dem Spruch: "Es ist genug für alle da." Das finden die drei gut.

Innenstadt von Heidenau: Manche Wohnung ist billiger als in Kabul Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Innenstadt von Heidenau: Manche Wohnung ist billiger als in Kabul

Aufmerksam bestaunen sie den Aushang eines Immobilienmaklers. Eine Zweizimmerwohnung in Heidenau, 50 Quadratmeter, kostet 40.000 Euro. "Kabul ist viel teurer", merkt ein Afghane an. Die Innenstadt wirkt wie ausgestorben, nur eine Frau begegnet uns. Sie trägt ein neongelbes T-Shirt, darauf steht: "Keep Calm and Fuck you". Die Flüchtlinge sehen das Kleidungsstück. "'Fuck you' haben auch die Nazis letzte Woche ständig gesagt", sagt ein Syrer.

Dann essen wir Döner, zur Feier des Tages.

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Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

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