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Heikler Vergleich: Wulff spricht in Talkshow von "Pogromstimmung" gegen Manager

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Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat in der Talkshow "Studio Friedman" einen gefährlichen Vergleich gewagt: Der CDU-Politiker verglich die Debatte über Managergehälter in Deutschland mit einer "Pogromstimmung".

Berlin - Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat sich in der wöchentlichen Talkshow von Michel Friedman unbequemen Fragen zur Finanzkrise gestellt - doch ein einziger Satz, der in der letzten Sendeminute fiel, könnte weitaus unangenehmere Debatten nach sich ziehen.

Ministerpräsident Wulff: "Eine Neiddebatte ist unangebracht"
AP

Ministerpräsident Wulff: "Eine Neiddebatte ist unangebracht"

Friedman hatte Wulff und die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast am Donnerstag in seine N24-Talkshow "Studio Friedman" geladen. Sein Thema: "Angst vor dem Absturz: wird Deutschland ein Armenhaus?"

Die Diskussion war angesichts des plakativen Mottos der Sendung ("Zahlt der kleine Mann die Zeche?") alles andere als leicht für die Gäste - und verleitete den CDU-Politiker zu einer heiklen Wortwahl: Wulff verglich die Debatte um hohe Managergehälter vor laufenden Kameras mit einer "Pogromstimmung".

Die Wortwahl erinnert an den Vergleich, der vor knapp zwei Wochen heftige Empörung auslöste: Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), hatte die Kritik an Managern in einem Zeitungsinterview mit dem Antisemitismus der dreißiger Jahre gleichgesetzt.

Sinn sagte wörtlich, in der Weltwirtschaftskrise von 1929 hätte es "in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager". Nach heftiger Kritik des Zentralrats der Juden, von Spitzenpolitikern und Kirchenvertretern entschloss sich Sinn zu einer öffentlichen Entschuldigung.

"Das gleicht einer Pogromstimmung"

Wulff gebrauchte seine Formulierung kurz vor Sendeschluss, als Friedman zum wiederholten Male auf teilweise "unangemessen hohe" Gehälter von Konzernchefs zu sprechen kam und seinem Gast die Frage stellte: "Was wird das hier für ein Land, Herr Wulff?"

Zum ersten Mal in der gesamten Sendung stockt der Ministerpräsident, es folgt eine sekundenlange Pause. "Also, wenn diese Debatte nichts mit Neid zu tun hat...", setzt er an. Dann fällt das Reizwort: "Ich finde, wenn jemand zehntausend Jobs sichert und Millionen an Steuern zahlt, gegen den darf man keine Pogromstimmung verbreiten".

Doch damit nicht genug. Wulff verpasst es, seinen verbalen Fauxpas zu korrigieren. Renate Künast wirft sofort ein: "Das ist wohl das falsche Beispiel". Und auch Friedman - früherer Vize-Vorsitzender des Zentralrats der Juden - hakt gleich zweimal nach: "Meinen Sie das ernst mit der Pogromstimmung?".

Doch Wulff korrigiert sich nicht. Er vermeidet es zwar, das Wort zu wiederholen, nimmt den entscheidenden Satz jedoch nicht zurück. "Ich finde, hier wird sehr stark gegen Leute in Talkshow-Gesellschaft geredet, die das nicht verdient haben". Das waren Wulffs letzte Worte, Friedman verabschiedete sich bei den Zuschauern.

Krawallthema Bahn-Boni

Dabei war der Polittalk zuvor verhältnismäßig unaufgeregt abgelaufen. Wulff verteidigte mehrfach seine Position, dass Manager, die "unendlich viel investieren, große Verantwortung für Hunderttausende Menschen tragen", entsprechend entlohnt werden müssen. "Eine Neiddebatte ist hier unangebracht", sagte Wulff. Auch wies er darauf hin, dass "die, die versagen, zur Rechenschaft gezogen werden müssen".

Friedman machte es seinen Gästen nicht leicht, unterbrach immer wieder die Antworten von Wulff und Künast. Provokant rechnete er den Verdienst von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gegen den Durchschnittsverdienst eines "braven Angestellten" auf.

Dann, im letzten Drittel der Sendung, schnitt der Talk-Gastgeber das Thema der Boni für den Vorstand der Bahn im Falle eines Börsengangs an. Hier wurde es offensichtlich besonders unbequem für Wulff. Er musste die unpopuläre Position verteidigen, dass Bahnchef Hartmut Mehdorn das Geld "für seine Arbeit verdient" habe.

Die Stimmung im Studio wurde für einen Moment fast aggressiv, alle drei sprachen minutenlang durcheinander. Vielleicht war es die Hektik dieser Minuten, die Wulff zu seinem brisanten Vergleich verleitete - den genauen Grund kennt vermutlich nur er selbst.

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