Minister Maas in Auschwitz "Der schrecklichste Ort der Welt"

Persönliches gibt Heiko Maas eher ungern preis. Doch bei seinem Besuch im ehemaligen Todeslager Auschwitz ließ der Außenminister einen Einblick in die Motive zu, die ihn in die Politik geführt haben.

Aus Auschwitz berichtet


Am Mittag, als die Sonne am heißesten brennt, steht Heiko Maas dort, wo die Gleise enden, die für mehr als eine Million Menschen den Tod bedeuteten, und spricht über das, was er gesehen hat: "Ich stand jetzt in der Gaskammer von Auschwitz, ich habe Tausende von Kinderschuhen gesehen, die ihnen auf dem Weg in die Gaskammern abgenommen worden sind, Tonnen von menschlichem Haar." Weil das alles "schwer in Worte zu fassen" sei, wie er sagt, hat er sich welche zurechtgelegt: "Das ist der schrecklichste Ort der Welt."

Es ist nicht der erste Besuch von Heiko Maas in Auschwitz, privat war der gebürtige Saarländer bereits als junger Mann hier. Aber es ist der erste Besuch eines amtierenden deutschen Außenministers seit 26 Jahren. Der letzte deutsche Chefdiplomat, der das ehemalige deutsche Vernichtungslager besuchte, hieß Klaus Kinkel.

Man sollte meinen, ein Auschwitz-Besuch gehöre ins Pflichtprogramm eines jeden Ministers, so wie der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Aber nicht einmal Joschka Fischer schaffte es hierher, dabei hatte der 1999 mit den Worten "Nie wieder Auschwitz" den Kosovo-Krieg gerechtfertigt; immerhin die erste Beteiligung deutscher Soldaten an einem Kampfeinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Auch der Sozialdemokrat Maas hat sich gleich zu Beginn seiner Außenministerzeit auf das ehemalige Konzentrationslager berufen, allerdings viel grundsätzlicher als damals Fischer. Er sei, so Maas in seiner Antrittsrede, "wegen Auschwitz" in die Politik gegangen. Es war ein Satz, der nicht im Redemanuskript stand, aber der nicht leichtfertig daher gesagt war, wenn man seinen Beratern zuhört. Ein Satz, der wohl von Herzen kam, auch wenn man bei Maas oft nicht weiß, ob ihn Begegnungen oder Ereignisse wirklich berühren.

An diesem Montagvormittag aber fällt ein wenig von dem Panzer ab, den sich der Politiker Maas über die Jahre zugelegt hat. Am Tor zum Stammlager Auschwitz I trifft er den polnischen Überlebenden Marian Turski, der mit 18 Jahren von den Nazis ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde und es, wie nur wenige, überlebte.

Die Schornsteine der Baracken ragen noch in den Himmel

Bevor der 92-jährige Holocaust-Überlebende, der an zwei Stöcken geht, und der 51-jährige Minister im schwarzen Anzug unter dem Tor "Arbeit macht frei" hindurchgehen, legt der Minister dem Überlebenden die rechte Hand auf dessen linke - es wirkt wie ein kleines Zeichen der Verbundenheit.

Später überqueren die beiden im wenige Kilometer entfernten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gemeinsam die sogenannte Rampe, jene Gleise, an denen die Männer, Frauen und Kinder "selektiert" wurden. Minutenlang starrt Maas auf das Gelände zu seiner Rechten, auf dem hunderte Backsteintürme in die Höhe ragen. Es sind die Schornsteine der Häftlingsbaracken, die als einzige noch stehen.


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Bis zu drei Züge pro Tag seien hier im Mai 1944 angekommen, erklärt der stellvertretende Leiter der Gedenkstätte, in jedem Zug waren 4000 Männer, Frauen und Kinder zusammengepfercht. Er habe als einer der wenigen gewusst, was ihnen bevorstand, sagt der ehemalige Häftling Marian Tursk. Er habe BBC gehört und daher gewusst, dass sich hinter den Schildern "Zum Bade" oder "Zur Desinfektion" die Gaskammern verbargen, erzählt er auf Englisch. Als er mit den anderen Häftlingen an der Rampe stand, überlegte er, ob er den Umstehenden die Wahrheit sagen sollte, aber er entschied sich, sie in dem Glauben zu lassen, dass sich hinter den Türen wirklich Duschen befinden. "Ich wollte ihnen in den letzten Stunden ihres Lebens ihre Naivität lassen", sagt Tursk.

Er selbst wurde von den Nazi-Schergen nicht in die Gaskammer geschickt, was er allerdings erst merkte, nachdem sich die Türen hinter ihm geschlossen hatten. Da stellte er fest, dass sich in dem Raum mit der Aufschrift "Bade" tatsächlich echte Duschen befanden. "Das war der schönste Tag meines Lebens", sagt der 92-Jährige zu Heiko Maas.

Den Glauben an die Menschheit verlieren - oder kämpfen

Der Außenminister hört meist schweigend zu, ab und an legt er die Hand auf die Schulter des ehemaligen Häftlings. Erst später, in der Internationalen Jugendbildungsstätte von Auschwitz, im Gespräch mit den jungen Diplomatenschülern und Auszubildenden von Volkswagen, erzählt er, warum ihm dieser Ort so viel bedeutet.

"Letztlich begegne ich persönlich, wenn ich hier in Auschwitz bin, meinen Zweifeln an Gott, meinem Misstrauen gegenüber Menschen, meiner Verachtung vor Teilen der Geschichte. Das ist ein Ort, an dem man sich entscheiden muss, ob man den Glauben an die Menschheit verliert, oder die Kraft schöpft, selbst etwas aktiv dafür zu tun, das Wichtigste, nämlich die Unantastbarkeit der Menschenwürde, stärkt." Er habe sich für Letzteres entschieden und sei deswegen in die Politik gegangen, sagt Maas.

Wenig später trifft sich der Außenminister mit seinem polnischen Amtskollegen Jacek Czaputowicz - nicht in Auschwitz, sondern im knapp fünf Kilometer entfernten Franziskanerkloster in Harmeze. Das Kloster ist dem polnischen Priester Maximilian Kolbe gewidmet, der in Auschwitz sein Leben für das eines Familienvaters opferte.

Warum er den deutschen Gast nicht in die Gedenkstätte begleitet habe, wird Czaputowicz bei der gemeinsamen Pressekonferenz gefragt. Die Antwort nimmt ihm Maas ab: Es sei eben ein sehr persönlicher Besuch gewesen, sagt er.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Erst zu Jahresbeginn hatte ein umstrittenes Holocaust-Gesetz der nationalkonservativen Regierung Polens eine diplomatische Krise mit Israel ausgelöst.

Das Gesetz sah Geld- und Haftstrafen für diejenigen vor, die dem polnischen Staat oder Volk "öffentlich und entgegen den Fakten" die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen des Nazi-Regimes zuschreiben. Nach heftigen Protesten der israelischen Regierung wurden Ende Juni die Haftstrafen gestrichen. Jüdische Organisationen fordern allerdings, dass das Gesetz komplett verschwindet.

Maas gibt sich am Montag diplomatisch, durch die Korrekturen sei die Debatte "zumindest nicht mehr verschärft" worden. Czaputowicz sagt, Maas' Besuch biete eine "Gelegenheit, der polnischen Opfer zu gedenken". Erst auf Nachfrage räumt er ein, dass die Mehrheit der Opfer Juden waren.

insgesamt 35 Beiträge
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kraus.roland 20.08.2018
1. Maas macht deutlich,..
..dass und wie er sich entschieden hat. Dafür danke ich ihm mit meiner Hochachtung!
paulpuma 20.08.2018
2. Der Ort ist grausam.
Die politischen Folgerungen jedoch nicht trivial. In Israel hat man oft gegenteilige Schlußfolgerungen gezogen ("Wir müssen als Volk zusammenstehen", "Unser Volk muss seine Identität erhalten", "Unser Volk muss stark sein"). Intellektuell ist es natürlich nicht akzeptabel, dass aus diesem Ereignis unterschiedliche Schlüsse gezogen werden. Statt politischer Indoktrination ala Maas werden wir zu geschichtlicher Anthropologie übergehen müssen. Weniger geht nicht - bei Auschwitz.
freddygrant 20.08.2018
3. Es geht generell um schreckliche Orte!
Bezüglich des Antisemitismus und Hollocaoust glaube ich wird deis in Gesellschaft und Schulen gut und richtig abgebildet. Wir solten dabei - und besonders Herr Maas als Politiker und minister auch angemessen in BGegenwart und Zukunft auf die schrecklichen Orte schauen und politisch angemssen handeln. Für mein Verständnis tut dies die aktuelle Regierung nicht in möglichem und erforderlichem Umfang.
Mauro 20.08.2018
4. Nicht laut, nicht schroff...
... sondern auf den Punkt bringend. Da keimt Hoffnung für die Zukunft auf.
charlybird 20.08.2018
5. Ich habe
1979 Auschwitz besucht. Ich habe niemals gedacht, dass nach bis dahin allem Gehörten und Gelesenen die Realität noch schlimmer sein kann, als die Vorstellung, die man davon hatte. Ich habe tagelang immer wieder geweint und kann es bis heute immer noch nicht fassen.
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