SPIEGEL-Studie Maas kritisiert Diskriminierung bei Wohnungssuche

Ausländer haben bei der Wohnungssuche schlechtere Chancen als Bewerber mit deutschem Namen - das zeigt eine Studie von SPIEGEL und Bayerischem Rundfunk. Justizminister Heiko Maas sieht darin einen Rechtsverstoß.

Heiko Maas
DPA

Heiko Maas


Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat mit deutlicher Kritik auf die SPIEGEL-Studie zur Diskriminierung von Menschen mit ausländisch klingenden Namen bei der Wohnungssuche reagiert. "Niemand darf bei der Wohnungssuche allein aufgrund seines Namens benachteiligt werden", sagte Maas dem SPIEGEL.

"Wenn bei der Vermietung einer Wohnung allein die vermutete Herkunft dazu führt, dass Interessenten von vornherein ausgeschlossen werden, ist das eine rechtswidrige Diskriminierung", so der Minister. Das verstoße gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Maas sagte weiter: "Es darf nicht vom Namen abhängen, ob man eine Wohnung bekommt oder nicht."

Eine gemeinsame Untersuchung der Datenjournalisten des SPIEGEL und des Bayerischen Rundfunks hat ergeben, dass Bewerber mit ausländisch klingenden Namen auf den Wohnungsmärkten deutscher Großstädte deutlich schlechtere Chancen haben als solche mit klassischen deutschen Namen. Wohnungssuchende mit türkischem oder arabischem Namen werden demnach besonders stark diskriminiert. Sie gingen in jedem vierten Fall leer aus, in dem ein deutscher Interessent eine positive Rückmeldung auf seine Anfrage erhielt.

Kritik von Linken und Grünen an Wohnungspolitik der Regierung

Die Datenjournalisten beider Medien hatten eine Gruppe fiktiver Testpersonen über mehrere Wochen ins Rennen um Besichtigungstermine für Mietwohnungen geschickt. Insgesamt versendeten sie rund 20.000 Anfragen auf Online-Angebote und erhielten 8000 Antworten. (Dieses Thema stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier).

  • Jörn Kaspuhl / SPIEGEL ONLINE
    Wir müssen draußen bleiben: Wie stark auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland diskriminiert wird, zeigt das Experiment von SPIEGEL und Bayerischem Rundfunk. Alle Ergebnisse und Hintergründe finden Sie auf www.hanna-und-ismail.de

Linke und Grüne kritisierten vor allem die Wohnungspolitik der Bundesregierung. "Der Beitrag des Bundes zum Abbau von Vorurteilen einerseits und zum Aufbau von Wohnungen und funktionierender Kommunen andererseits ist viel zu gering", sagte der stellvertretende Fraktionschef der Linken, Jan Korte, dem SPIEGEL. "Wer nicht will, dass Migrantinnen und Migranten, aber auch Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Geringverdienende oder Rentnerinnen und Rentner in unserer Gesellschaft hinten runterfallen, muss endlich massiv in den sozialen Wohnungsbau investieren."

Der wohnungspolitische Sprecher der Grünen, Chris Kühn, sieht in den Ergebnissen einen weiteren "Beleg für die verfehlte Wohnungspolitik der letzten Jahre". "Wo Wohnraum knapp ist, entsteht mehr Konkurrenzkampf zwischen all denen, die sich keine hohen Mieten leisten können. Auch das gefährdet den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft." Die Diskriminierung von Migranten sei inakzeptabel und müsse von der Bundesregierung ernstgenommen werden.

Wunschbewerber: das kinderlose Ärztepaar

Der Münchner Mieterverein verwies darauf, dass Vermieter gerade in beliebten Städten wie München aus einer Vielzahl von Bewerbern wählen könnten. "Der Traummieter für viele Immobilienbesitzer ist halt das kinderlose Ärztepaar, das den ganzen Tag arbeitet und am Wochenende in den Bergen ist", sagte Geschäftsführer Volker Rastätter dem SPIEGEL. Er verwies darauf, dass neben Migranten auch Alleinerziehende, Arbeitslose oder Behinderte schlechte Chancen auf dem Wohnungsmarkt hätten. Juristisch dagegen vorzugehen sei jedoch nicht einfach. "Es ist sehr schwer nachzuweisen, aus welchen Gründen ein Bewerber bei der Wohnungssuche abgelehnt wurde."

Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 5000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 5000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.
Wer steckt hinter Civey?
Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

mho, Mitarbeit: Michel Winde



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.