Werte des Grundgesetzes Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert

Deutschland soll ein Heimatministerium bekommen. Aber was ist Heimat? Es geht nicht um verkitschte Vergangenheit, sondern um unsere Zukunft. Ein Plädoyer für einen modernen Verfassungspatriotismus.

Gartenzwerg in einem Schrebergarten in Berlin
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Gartenzwerg in einem Schrebergarten in Berlin

Ein Gastbeitrag von Heiko Maas


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    Heiko Maas, Jahrgang 1966, ist seit Dezember 2013 Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz. Derzeit ist er geschäftsführend im Amt. Bilden Union und SPD erneut eine Regierung, dürfte Maas dem Kabinett weiterhin angehören.

    Seit 2000 führt der Volljurist die saarländische SPD, deren Landtags-Spitzenkandidat er 2004, 2009 und 2012 war. Seit 2001 ist Maas Mitglied im SPD-Bundesvorstand.

Was Heimat bedeutet, wissen vielleicht jene am besten, die sie verloren haben oder auf der Suche nach ihr sind. Heimat ist auf jeden Fall ein wichtiges Stück zum Glück. Deshalb ist sie zu wertvoll, um sie Konservativen und Rechtspopulisten zu überlassen. Ich weiß nicht, woran Horst Seehofer denkt, wenn er von Heimat spricht. Vielleicht denkt er an Dirndl und Dialekte, an Neuschwanstein und Ludwig II., oder an eine "konservative Revolution".

Ich habe eine andere Vorstellung von Heimat. Für mich ist Heimat mehr als bloß Folklore. Sie hat nichts mit verkitschter Vergangenheit zu tun, sondern damit, wie wir in Zukunft leben wollen. Heimat wird für mich durch gemeinsame Werte bestimmt, nicht durch Herkunft oder Hautfarbe. Ein moderner Heimatbegriff darf nicht nur von ortsverbundenem Pathos geprägt sein, sondern auch von Ideen und Überzeugungen, die uns verbinden und die grenzenlos sein können.

Heimat ist für mich, dass Kinder in Frieden aufwachsen - ohne die Angst vor Giftgas-Bomben oder einem Schul-Massaker durch Waffennarren.

Heimat ist, dass alle ihre Meinung frei sagen können - auch wenn andere sie für falsch halten.

Heimat ist, dass niemand Willkür fürchten muss, sondern der Staat an Recht und Gesetz gebunden ist.

Heimat ist, dass Reichtum, der gemeinsam erwirtschaftet wird, auch gerecht verteilt wird - zumindest halbwegs.

Heimat ist, dass jede und jeder nach seiner Façon selig werden kann und Rechte und Chancen nicht vom vermeintlich richtigen Glauben abhängen.

Wo das nicht ist, will ich nicht zuhause sein.

Verfassungspatriotismus ist die schönste Form von Heimatliebe

Es sind nicht zuletzt Werte und Ideen, die Heimat ausmachen. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität - diese Werte verbinden seit jeher Menschen über Grenzen hinweg und unabhängig von Vaterland oder Muttersprache. Deshalb war einst der junge Willy Brandt in Skandinavien heimischer als in Nazi-Deutschland, und deshalb steht heute vielen ein verfolgter Demokrat in der Türkei näher als ein deutscher Rassist.

Die Quelle all jener Werte, die unsere Heimat ausmachen, ist heute das Grundgesetz. Es garantiert Freiheit und Frieden, Vielfalt und Solidarität. Gerade weil in vielen Teilen der Welt Menschen diese Werte bitter vermissen, hoffen sie darauf, in Deutschland eine neue Heimat zu finden.

Wer auf der Suche nach der Kraft ist, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, muss deshalb auch auf unsere Verfassung schauen. Verfassungspatriotismus ist die schönste Form von Heimatliebe. Sie ist das Gegenteil von Deutschtümelei, aber kein Gegensatz zu unserer Nation und ihrer Geschichte. Heimat ist eben auch, Identität und Selbstbewusstsein nicht aus verklärter Vergangenheit zu ziehen, sondern aus der Fähigkeit zur Selbstkritik beim kollektiven Blick zurück.

"Deutsch sein" hat nichts mit Biologie zu tun

Meine Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert. Insofern gehören zu meiner Heimat auch das Grundgesetz und die Vielfalt. Die Vielfalt der Herkünfte und der Hautfarben, der Religionen und der Lebensstile. Diese Vielfalt ist keine Bedrohung und nichts, was uns Angst machen muss. Einheit wird nicht durch Homogenität gesichert, sondern durch gleiche Freiheitsrechte für alle. Sie sind nicht nur Garantie, sondern auch Grenze; wer Freiheiten in Anspruch nimmt, muss sie auch anderen zugestehen. Alle müssen die Werte des Grundgesetzes respektieren - wo auch immer sie geboren sind.

Im Grundgesetz ist "Deutsch sein" nicht biologisch definiert. Mit dem Unwort vom "Bio-Deutschen" kehrt mehr als 70 Jahre nach Auschwitz der Rassismus verharmlosend in unsere Sprache zurück. In unserem Land leben rund 18 Millionen Menschen mit ausländischer Abstammung. Viele von ihnen sind hier geboren, fast alle sind hier zuhause. Deutschlands gefeierter Golden Globe Gewinner heißt Fatih Akin, einer unser klügsten Denker Navid Kermani und unsere erfolgreichste Eiskunstläuferin Aljona Savchenko.

Der Heimat-Begriff darf nicht für Abschottung und Ausgrenzung missbraucht werden, sondern er muss mehr Verbundenheit und Gemeinschaft stiften - für und mit allen. Deshalb darf ein moderner Verfassungspatriotismus in den Debatten um Heimat nicht fehlen.



insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
flux71 25.02.2018
1.
"Meine Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert." Exakt. Und genau davor habe ich ja Angst, dass da Leute am Werk sind, die dieses mein Recht beschneiden wollen. Die höhnisch grinsen oder in Talkshows beinahe einschlafen. Die ihre rechtsextremen Gedanken in eine rechtsextreme Sprache bringen. Ich jedenfalls warte voller Furcht darauf, dass deren Worten Taten folgen. Und dann? Dann wird auch nichts mehr nutzen, ein "Bio-Deutscher" zu sein. Aber offensichtlich gibt es ja Menschen, die das so wollen.
matt4866 25.02.2018
2. Ist das Satire??
Maas, Vater des NetzDG entdeckt das Grundgesetz.... Putzig!!
thoms1957 25.02.2018
3. Patriotisch im besten Sinne
Irgendwie dachte ich das auch so und endlich hat es mal jemand richtig gut formuliert. Patriotisch ohne Blut und Boden, ohne Deutschtümelei, ohne selbsternannte Retter des Abendlandes. Wir müssen es nur wollen, durchsetzen und verteidigen. Fair zu allen, ohne uns ausnutzen zu lassen. Danke Herr Maas für diesen Beitrag.
cosmo9999 25.02.2018
4. dann soll
er auswandern, in Spanien gibt's es auch Recht und Freiheit. Biologisch Deutsch gab's es auch nach dem Dritten Reich bis Heute! Oder was sie d denn Russland Deutsche? Als Justizminister sollte man das wissen. Blödes Politiker Mainstreamgeschwätz. Übrigens Spiegel Umfrage zu seinem Medialen Auftritt. Unreflektiert Politikergeschwätz als richtig und absolut darzustellen.
BettyB. 25.02.2018
5. Schau da
Dann hatten die DDR-Bewohner wohl keine und die meisten Chinesen immer noch keine Heimat. Das ist wahrlich ein Über-Maas an Weltfremdheit...
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