Maas und die schweigende Mehrheit Empört euch - gefälligst!

In Deutschland wächst die Angst. Die Ausländer sind nicht der Grund - sie sind der Anlass. Viele Bürger machen sich Sorgen um ihre ökonomische Zukunft. Da hilft es wenig, die "schweigende Mehrheit" zu kritisieren, wie Heiko Maas es tut.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD)
REUTERS

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD)

Eine Kolumne von


Langsam dämmert es auch dem Letzten: Etwas stimmt nicht in Deutschland. Die Zahlen sind gut. Aber die Stimmung ist schlecht. Wenn man sich die Ergebnisse der Unternehmen ansieht, dann zeigt sich Deutschland als Wirtschaftswunderland. Dauerndes Wachstum, Quartal für Quartal. Warum sind die Deutschen nicht glücklicher, zufriedener, friedlicher? Weil die Zahlen nicht die Wirklichkeit sind. Früher galt: wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch den Menschen gut. Das ist vorbei.

Die Verunsicherung, die daraus entspringt, kann man sich nicht groß genug vorstellen. Wenn Ludwig Erhard aus dem Grab käme und "Wohlstand für alle" verspräche, es klänge den Leuten wie Hohn in den Ohren.

Die meisten Menschen sind keine Abenteurer ihres eigenen Lebens. Sie wollen Sicherheit, Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit. Wenn die Wirtschaft zu einer Sphäre der Unsicherheit wird, müsste die Politik einspringen. Sie müsste den Menschen das Gefühl vermitteln, die Dinge im Griff zu haben. Es geht um Kontrolle. Das Unbehagen an der globalisierten Moderne entsteht aus der Angst vor Kontrollverlust. Aber die Politik versagt.

In Hamburg haben nach einer Umfrage sieben von zehn Menschen große oder sehr große Sorgen, sie könnten sich das Leben in ihrer Stadt in Zukunft nicht mehr leisten. Diesen Menschen rücken nicht die Migranten auf die Pelle, sondern ein globalisierter Immobilienmarkt. Und die Politik lässt es geschehen - aus einer Mischung aus lebensferner Marktideologie und administrativer Unfähigkeit heraus.

In langen Jahren neoliberaler Schulung haben die Deutschen gelernt, dass der Staat der Wirtschaft nicht in die Speichen greifen soll. Aber inzwischen greift das Gefühl um sich, dass der Staat auch sonst nicht besonders zuverlässig ist. Der mutmaßliche Messerstecher von Chemnitz hätte gar nicht mehr in Deutschland sein dürfen. Seine Abschiebung wurde versäumt. Nicht jedem Geschehen lässt sich vorbeugen. Diesem hier schon. Wer nicht in Deutschland ist, kann hier nicht in Verdacht geraten, jemanden erstochen zu haben. Der Demonstrationspöbel in Chemnitz konnte die Tat nur instrumentalisieren, weil sie sich zur Instrumentalisierung anbietet.

Angela Merkels Kanzlerschaft war ein kollektives Schweigen

Außenminister Heiko Maas hat gesagt: "Die schweigende Mehrheit muss endlich lauter werden." Ein sonderbarer Satz. Maas macht der Mehrheit den Vorwurf des Schweigens. Aber unser gesamtes politisches System beruht darauf, dass die Mehrheit schweigt. Für den Rest hat sie ihre politischen Repräsentanten.

Diese Repräsentanten, unsere politische Kaste, zu der Maas gehört, haben in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass das Schweigen der Mehrheit besonders tief war. Angela Merkels Kanzlerschaft war ein kollektives Schweigen. Die Deutschen haben sich ja absichtsvoll keine Kanzlerin des Wortes gewählt. Und alle waren zufrieden mit der allgemeinen Sprachlosigkeit - die Wähler und die Gewählten.

Jetzt, da es konveniert, soll die Mehrheit sich melden. Und Partei ergreifen. Aber was würde sie denn sagen, die Mehrheit, wenn sie ihre Stimme fände? Wenn sie Position bezöge, wer sagt, dass es die "richtige" wäre?

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Für jemanden, der 5000 Euro im Monat hat, fühlt sich Multikulturalismus anders an, als für jemanden, der 1000 Euro hat. Das ist zwar bitter, aber wahr. Daraus folgt eine gewaltige Herausforderung für den Staat.

Auch die "anständigen" Leute haben Fragen an diesen Staat

Für jedes Bett, das einem Neuankommenden zur Verfügung gestellt wird, müsste dieser Staat ein Bett für einen bedürftigen Deutschen haben. Er müsste viel investieren in Lehrer, Sozialarbeiter, Therapeuten, Psychiater, Pädagogen, Dolmetscher, Polizisten. Er müsste das gefährliche Dogma der "schwarzen Null" hinter sich lassen und durch eine neue Regionalpolitik, nicht nur in Ostdeutschland, die fortschreitende Verödung weiter Landstriche beenden.

Aber das tut der Staat nicht. Darum handelt es sich bei Maas' Intervention um eine Politiksimulation. Die "anständigen" Leute sollen sich jetzt gefälligst demokratisch empören - und dann wieder die Klappe halten. Es ist fraglich, ob das so funktioniert. Denn auch die "anständigen" Leute haben Fragen an diesen Staat, die erst einmal beantwortet werden sollten.

Und übrigens merkt Maas gar nicht, dass es sich bei der schweigenden Mehrheit, die er beschwört, um das gleiche politische Subjekt handelt, das auch AfD und Konsorten im Auge haben: das sogenannte Volk. Aber das Volk, der große Lümmel, neigt dazu, von der Sprachlosigkeit direkt zur Rebellion überzugehen.

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insgesamt 412 Beiträge
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Seite 1
Normaler Wutbürger 03.09.2018
1. Schau an
Wenn der Herr Augstein nicht das übliche Linksgelaber kundtut, kann man ihm glatt mal zustimmen. Letzter Absatz sollte zu denken geben. Wer weiss, wie lange es diese angebliche Mehrheit überhaupt noch gibt.
bolko.anderko 03.09.2018
2. Schweigen
Selten war Jakob Augstein so gut wie heute. Hoffentlich weiter so.
gnarze 03.09.2018
3. Einfache Sache
Gebt den Leuten kostenlose Musik, dann kommen sie schon in Scharen. Außerdem liegt es anscheinend in den Genen der Deutschen, dass sie nicht glücklicher, zufriedener und friedlicher sind.
Frank D. 03.09.2018
4. Vielen Dank !
Vielen Dank Herr Augstein für diese Kolumne in der sie die richtigen Probleme ansprechen und auch den Fehler der Politik ! Ich denke das sich viele Menschen ihren Text mal richtig zu Herz nehmen sollten. Danke !
pennywise 03.09.2018
5. bravo
Herr Augstein. Man fordert den mündigen Bürger. Weils halt gerade passt.Dann wieder wieder ab in den Stimmvieh Modus. Nur.. Wir haben eine GroKo des Schweigens.Machtversessen u machtvergessen
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