Heilbronner NSU-Mord: Ermittler spekulieren über Verbindung zum Umfeld der Polizistin

Gab es zwischen der 2007 in Heilbronn ermordeten Polizistin Kiesewetter und dem Zwickauer Neonazi-Trio doch eine engere Verbindung? Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, hat vor dem Innenausschuss des Bundestags entsprechende Andeutungen gemacht.

Berlin - Zwischen der vor viereinhalb Jahren in Heilbronn ermordeten Polizistin und dem Zwickauer Neonazi-Trio gibt es möglicherweise eine engere Verbindung als bislang angenommen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE verdichten sich Ermittlern zufolge die Hinweise darauf, dass es sich dabei um eine "Tat im Beziehungsumfeld" gehandelt haben könnte. Das berichteten Teilnehmer der Sondersitzung des Bundestags-Innenausschusses. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, soll entsprechende Andeutungen gemacht haben. "Es gebe mehrere Schnittpunkte zwischen dem Umfeld der Polizistin und dem Täterkreis", habe Ziercke gesagt. Man stehe bei den Ermittlungen noch ganz am Anfang.

Die aus Thüringen stammende Polizistin Michèle Kiesewetter war am 25. April 2007 in Heilbronn im Streifenwagen am Rande einer Festwiese mit einem Kopfschuss getötet worden. Ihr damals 24 Jahre alter Streifen-Kollege wurde schwer verletzt und lag mehrere Wochen im Koma. Zuletzt hatte es noch vom Landeskriminalamt in Baden-Württemberg geheißen, der Mord an der Polizistin habe wohl nichts damit zu tun, dass die Beamtin selbst aus Thüringen stammt. Dafür hätten keine Anhaltspunkte vorgelegen, hieß es damals.

Angesichts immer neuer Enthüllungen über die Neonazi-Mordserie tagte der Innenausschuss am Montag in nicht-öffentlicher Sitzung. Die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wird für die Mordserie an neun Geschäftsleuten türkischer und griechischer Abstammung zwischen 2000 und 2006 und die Ermordung Michèle Kiesewetters 2007 verantwortlich gemacht. Außerdem soll die NSU für den Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Innenstadt 2004 verantwortlich sei.

Verfassungsschützer rechnen mit bis zu 20 Unterstützern

Teilnehmer der Sondersitzung des Innenausschusses berichteten weiter, Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm habe von einer "Niederlage der Sicherheitsbehörden" gesprochen, aus der Konsequenzen zu ziehen seien. Weitere Festnahmen seien nicht ausgeschlossen worden. Mehrere Verdächtige würden beobachtet, hieß es von den Teilnehmern. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sagte nach der Sitzung, die Ermittler hätten "rund ein Dutzend" Verdächtige und Beschuldigte im Visier.

Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Bosbach (CDU) sagte mit Blick auf die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden, ihm sei noch nie eine "solche Fülle von Fehlern" begegnet. Bosbach betonte, der Vorschlag des Innenministers, als Konsequenz aus der rechten Terrorserie ein Abwehrzentrums gegen Rechtsterror zu schaffen, habe im Ausschuss Unterstützung gefunden. Außerdem soll es schon bald eine Verbunddatei mit Erkenntnissen über rechtsextremistische Täter geben.

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Mord in Heilbronn: Der Fall Kiesewetter
Nach SPIEGEL-Informationen geht der Thüringer Verfassungsschutz mittlerweile sogar von etwa 20 Unterstützern aus, die dem Neonazi-Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos im Untergrund geholfen haben. Am Freitag weitete die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen auf zwei weitere Personen aus. Insgesamt werden damit sechs Personen als Beschuldigte geführt.

Die angekündigte Entschädigung für die Angehörigen der Mordopfer soll aus einem Härtefallfonds im Haushalt von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gezahlt werden. Mit den Zahlungen von bisher diskutierten 10.000 Euro pro Familienangehörigem soll ein Zeichen der Solidarität gesetzt werden. Derzeit werde ein direkter Kontakt zu Hinterbliebenen gesucht, um ins Gespräch zu kommen, sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin.

flo/sev/anr/jok/dpa/dapd

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insgesamt 166 Beiträge
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1. Scheibchen für Scheibchen
autist3 21.11.2011
Das, was seit zweei Wochen als überauffällige statistische Merkwürdigkeit - Thüringer erschießen zufällig in heilbronn Polizistin aus Thüringen - im Raum stand, wird nun Gegenstand von polizeilichen Ermittlungen... Ich glaub es nicht. Es lässt sich prognostizieren, dass nun scheibchenweise ein "Abgrund von ***" (Raum für persönliche Eintragungen) auftut.
2. "Verfassungsschützer rechnen mit bis zu 20 Unterstützern"
hk1963 21.11.2011
Und wieviele davon waren V-Leute des Verfassungsschutzes? Wobei man ja mehr und mehr den Eindruck gewinnt, es gibt mehr V-Leute der Nazis beim Verfassungsschutz als V-Leute des Verfassungsschutzes bei den Nazis... Wenn ich eine gut funktionierende Neonazi-Zelle aufbauen wollte, wende ich mich am besten an den zuständigen Verfassungsschutz, lasse mich als V-Mann anwerben und kann so die ganze Logistik vertrauensvoll an die Fachleute dort outsourcen.
3. Der Verfassungsschutz soll Klartext sprechen
kellitom 21.11.2011
Tag für Tag kommen neue Einzelheiten ans Tageslicht, die belegen, dass der Fall immer weitere Kriese zieht. Jetzt genügt es nicht mehr, dass der Verfassungsschutz nur Andeutungen macht. Nur wenn der Verfassungsschutz jetzt Klartext spricht, kann er nach seinem völligen Versagen einen Rest von Glaubwürdigkeit zurückgewinnen! Der Verfassungsschutz ist in seiner größten Krise seit seinem Bestehen! Ein Verfassungsschutz der die Bürger nicht schützen kann, ist überflüssig und sollte abgeschafft werden!
4. Das beliebte Spiel mit den "Schuldigen" Toten
celsius234 21.11.2011
Zitat von sysopGab es zwischen der 2007 in Heilbronn ermordeten Polizistin Kiesewetter und dem Zwickauer Neonazi-Trio doch eine engere Verbindung? Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, hat vor dem Innenausschuss des Bundestags entsprechende Andeutungen gemacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799018,00.html
mal sind es Piloten, mal Soldaten, mal Polizisten Schuld sind im zweifelsfall die Toten, die sich nicht mehr wehren können. Beschämend und Wiederlich.
5. oooo
inci 21.11.2011
Zitat von kellitomTag für Tag kommen neue Einzelheiten ans Tageslicht, die belegen, dass der Fall immer weitere Kriese zieht. Jetzt genügt es nicht mehr, dass der Verfassungsschutz nur Andeutungen macht. Nur wenn der Verfassungsschutz jetzt Klartext spricht, kann er nach seinem völligen Versagen einen Rest von Glaubwürdigkeit zurückgewinnen! Der Verfassungsschutz ist in seiner größten Krise seit seinem Bestehen! Ein Verfassungsschutz der die Bürger nicht schützen kann, ist überflüssig und sollte abgeschafft werden!
bei welt online wird berichtet, daß die augenzeugen keine schüsse gehört haben sollen: http://www.welt.de/politik/deutschland/article13727823/Zweifel-an-Selbstmord-von-Boehnhardt-und-Mundlos.html
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