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Heiligendamm: Polizei drängt Demonstranten vom Zaun zurück

Die Polizei hat auf den Überraschungscoup der G-8-Gegner reagiert. Tausende Demonstranten wurden vom Sicherheitszaun in Heiligendamm zurückgedrängt. Die Zufahrtsstraßen zum Tagungsort sind jedoch weiterhin blockiert.

Heiligendamm - Am Sicherheitszaun um den Tagungsort wurden Demonstranten am Nachmittag um etwa 50 Meter von der Polizei zurückgedrängt. An der belagerten Kontrollstelle an der Galopprennbahn hatte die Polizei alle Protestler zunächst aufgefordert, sich zurückziehen. Dann gingen die Sicherheitskräfte auf die Demonstranten zu, die ihrerseits zurückwichen. Die G-8-Gegner waren bis auf 20 Meter an den Zaun vorgedrungen. Die Polizei markierte den eingeforderten Abstand mit einem Absperrband, das auch akzeptiert wurde.

Die Organisatoren der Blockaden werteten ihre Aktionen als "großen Erfolg". "Wir haben zwei Zufahrtsstraßen zum G-8-Gipfel erfolgreich eingenommen. Damit sind wir sehr zufrieden", sagte Christoph Kleine von der Gruppe Block G8.

Nach seinen Angaben haben etwa 5000 bis 6000 Personen aus dem Camp Reddelich eine Zufahrtsstraße zwischen Bad Doberan und Heiligendamm blockiert. Rund 3000 weitere seien aus dem Camp Rostock in das zwei Kilometer entfernte Börgerende gezogen und hätten dort ebenfalls eine Straße blockiert.

Laut Kleine blieb die Lage an der ersten Blockade völlig ruhig, während die Polizei an der zweiten Stelle mit einem Wasserwerfer gegen die Demonstranten vorgegangen sei. Kleine sagte, die Demonstranten seien der Bitte der Polizei nachgekommen, 250 Meter Abstand zum Zaun um Heiligendamm zu halten. "Es geht uns nicht um den Zaun. Das ist doch das Symbol der Abschottung der G 8 gegen den Rest der Welt", sagte er. Die Blockierer seien darauf vorbereitet, ihre Aktion mindestens 24 Stunden aufrechtzuerhalten, sagte Kleine. "Was wir aber tatsächlich tun werden, muss im Plenum entschieden werden."

Den Demonstranten war ein Überraschungscoup gelungen, um die Polizeisperren zu umgehen. Wie auf Kommando stürmten Tausende G-8-Gipfelgegner auf den Sicherheitszaun zu, der den Tagungsort Heiligendamm vor den Demonstranten schützen soll. Bei Reddelich drangen Tausende bis unmittelbar an den Zaun vor. Einige Demonstranten blockierten die Gleise der sogenannten Molli-Bahn zwischen Bad Doberan und Heiligendamm, die Journalisten zum Gipfel transportieren sollte.

Zur gleichen Zeit ging die Polizei wenige Kilometer entfernt mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Anti-G-8-Demonstranten vor. Sie hatten östlich von Heiligendamm versucht, eine Zufahrtsstraße zu erreichen.

Demonstranten berichteten, die Polizei sei mit Schlagstöcken vorgegangen. Dafür gab es von offizieller Seite keine Bestätigung. Ein Sprecher der Polizeisondereinheit Kavala sagte: "Die Polizei ist nicht überrascht worden. Sie ist mit starken Kräften im Einsatz."

Zwischenzeitlich hieß es, mehrere verletzte Beamte seien mit Hubschraubern aus der Umgebung von Heiligendamm ausgeflogen worden. Später wurde jedoch mitgeteilt, acht Polizisten seien verletzt worden. Diese würden aber vor Ort ambulant versorgt. Beobachter vor Ort melden weiter, dass Polizisten zur Verstärkung der Kräfte vor Ort mit Hubschraubern eingeflogen werden.

Am Nachmittag wurde eine weitere Straße blockiert. In der Ortschaft Börgerende-Rethwisch besetzten mehrere tausend Demonstranten eine Fahrbahn. Die bereits seit dem Morgen bestehende Blockade vor einer der Kontrollstellen nach Heiligendamm wurde mehrere Stunden lang von der Polizei toleriert. Am späten Nachmittag jedoch rückten erneut Mannschaftswagen und Wasserwerfer an.

Globalisierungskritiker blockierten nach Polizeiangaben auch die Autobahn 19 bei Rostock-Laage. Auf der Strecke sollen die G-8- Delegationen in Richtung Heiligendamm fahren. Die ankommenden Staats- und Regierungschefs werden allerdings per Hubschrauber nach Heiligendamm gebracht. Ebenso wurde die Bundesstraße 105 bei Sievershagen zwischen Rostock und Bad Doberan blockiert. Eine weitere Blockade bestehe zwischen Reddelich und Bad Doberan.

Friedfertige Demonstranten hatten die Polizei davon zu überzeugen versucht, dass sie keine Gewaltaktionen planten. Unter die Protestler hatten sich aber auch viele vermummte Mitglieder des Schwarzen Blocks gemischt. Die Demonstranten versuchten in Gesprächen immer wieder, die Autonomen davon zu überzeugen, auf Gewaltaktionen zu verzichten. Aber die Vermummten machten sich dennoch an einer Stacheldrahtabsperrung vor dem eigentlichen Zaun zu schaffen. Mit Zangen zwickten sie den Stacheldraht auf und rollten ihn in Ballen beiseite. Polizeisprecher Lüdger Behrens sagte zu den Protesten am Zaun: "Wir werden das nicht dulden." Die G-8-Gegner hielten sich illegal dort auf.

Die seit mehreren Tagen trainierte Aktion zur Umgehung der Polizeisperren verlief nach dem sogenannten Fünf-Finger-System. Die G-8-Gegner teilten sich also in fünf Gruppen auf, die sich getrennt auf den Weg machten - zunächst auf der Bundesstraße 105 nach Bad Doberan, aber auch durch Wälder und Rapsfelder, um die Polizei zu umgehen.

Kurz nach Aufbruch vom Camp hatten sie rund 50 Polizisten gegenübergestanden, die die Straße abriegelten. Daraufhin rannten die Demonstranten in einen angrenzenden Wald. Auf der anderen Seite des Forstes hinderten sie Polizeiautos kurzzeitig an der Verfolgung, indem sie große Äste auf die Straße warfen.

Sven Giegold, Koordinationsrat von Attac, kritisierte gegenüber SPIEGEL ONLINE das Vorgehen der Polizei. "Der Gewalteinsatz gegen friedliche Demonstranten lässt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit vermissen." Mit dem Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken verstießen die Sicherheitskräfte gegen zuvor getroffene Absprachen, so Giegold.

asc/als/AP/dpa

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G-8-Gipfel: Der Kampf um Heiligendamm
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Heiligendamm: Demonstranten umgehen Polizeisperren


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