Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Heimkinder: "Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand"

Von

Viele Heimkinder wurden in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen bis in die frühen siebziger Jahre misshandelt und psychisch unter Druck gesetzt. Erstmals beschäftigte sich nun der Bundestag mit ihrem Schicksal - eine moralische Rehabilitierung der Opfer scheint in greifbare Nähe gerückt.

Berlin - "Ich kann hier nur sagen, der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen!" Mit dieser Aufforderung beendete der sechzigjährige Wolfgang Focke dieser Tage seinen Vortrag vor den "sehr verehrten Damen und Herren des Deutschen Bundestages" und fügte hinzu: "Ich hoffe nur, dass es so bald geschieht, dass ich es noch erleben werde."

Wie so viele Kinder der Wirtschaftswunderjahre Westdeutschlands, die meist aus nichtigen Gründen hinter den Mauern der Erziehungsanstalten in den fünfziger und sechziger Jahren verschwanden, so ist es auch ihm ergangen. Er wurde "arbeitsmäßig ausgenommen, seelisch und moralisch für’s ganze Leben kaputt gemacht".

Fast drei Stunden lang hörte sich Mitte Dezember der Petitionsausschuss des Bundestags die Lebensgeschichten ehemaliger Heimkinder an, die zwischen 1945 und 1975 in kirchlichen und staatlichen Fürsorgeanstalten Schläge, Demütigungen, Missbrauch, Schwerarbeit erdulden mussten. "Kein Tag, an dem ich nicht mit Angst ins Bett ging und mit Angst aufstand", berichtete Wolfgang Rosenkötter, der als Jugendlicher in Freistatt im Teufelsmoor frühmorgens mit Holzschuhen zum Torfstechen ausrücken musste.

Unterricht in einem Vincenz-Heim in Nordrhein-Westfalen (1955): Jahrzehntelanges Schweigen bricht auf
Westfälisches Landesmedienzentrum

Unterricht in einem Vincenz-Heim in Nordrhein-Westfalen (1955): Jahrzehntelanges Schweigen bricht auf

Er weiß bis heute eigentlich nicht so genau, warum er mit 15 überhaupt ins Heim gekommen ist. "Ich kam nach einigen Zwischenstationen nach Freistatt im Teufelsmoor, einer Einrichtung der Bethelschen Anstalten, der in den anderen Heimen immer wieder angedrohten Endstation. Wenn ich geglaubt hatte, viel schlimmer als in vorherigen Heimen könne es dort nicht sein, hatte ich mich sehr getäuscht. Es folgte ein Jahr unsäglicher körperlicher und seelischer Qualen, Erniedrigungen, Schläge und Folterungen." Dietmar Krone, 52, hat ein lebenslanges Handicap vom Heimaufenthalt zurückbehalten: "Meine linke Schulter wurde zertreten, nur weil mir zwei Teller im Speisesaal aus der Hand fielen." Krone berichtet auch von sexuellem Missbrauch und willkürlicher Psychiatrisierung.

An die Erziehung durch Arbeit, ganz im Geiste der Arbeitserziehung im Dritten Reich erinnert sich Wolfgang Focke noch gut: "Anfang der sechziger Jahre: Im Sommer acht Stunden Schuften in der Landwirtschaft. Im Herbst im Steinbruch mit primitiven Mitteln, mit dem zehn Kilo schweren Hammer von Hand Steine schlagen, dann mit der Brechstange und Eisenkeilen. Wir mussten große Felsbrocken aus der Wand brechen, andere Jugendliche mussten sie zu Schotter verarbeiten."

In dem von katholischen Nonnen, den "Barmherzigen Schwestern", betriebenen Vincenz-Heim in Dortmund stand eine 16-Jährige zehn Tage nach der Entbindung im Bügelsaal, die Brüste hochgebunden, damit sie nicht mehr stillen konnte. "Des Sonntags durfte ich meine eigene Tochter nur für eine Stunde sehen", gab Marion L. den Abgeordneten zu Protokoll.

Petitionsausschuss hörte sich Schicksale an

"Der Verlauf der Anhörung war für uns durchaus zufriedenstellend", zieht der Sprecher des Vereins ehemaliger Heimkinder, Michael-Peter Schiltsky, Bilanz. Im neuen Jahr soll noch eine weitere Anhörung mit Experten stattfinden, bevor die Ergebnisse der Bundesregierung vorgelegt werden.

Die Obleute der einzelnen Fraktionen gaben zu verstehen, dass sie die Notwendigkeit einer gemeinsamen Vorgehensweise aller Fraktionen sehen. Sie streben an, eine Fraktionen übergreifende Entscheidung des Petitionsausschusses zu finden, um der Problematik ehemaliger Heimkinder und den Forderungen der dazu vorliegenden Petitionen gerecht zu werden. Die Vortragenden, die für die verschiedenen Typen von Heimen in staatlicher, kirchlicher und privater Trägerschaft gesprochen hatten, konnten den Saal in der Hoffnung verlassen, dass nun auch von staatlicher Seite gesehen wird, dass eine Aufarbeitung der Problematik ehemaliger Heimkinder auch seitens des Deutschen Bundestages vorangetrieben werden muss.

Anerkennung der moralischen Schuld

Zu den Hauptforderungen der Betroffenen gehört, so Regina Eppert, die um 1962 ihre besten Jugendjahre im Dortmunder Vincenzheim verbringen musste, "die Anerkennung der moralischen Schuld des Staates an den Vorfällen in den Heimen, die sich aus der Einweisungspraxis der Jugendämter und die mangelnde Heimaufsicht ergibt. Dazu gehört eine Erklärung, dass die in den Heimen verlangte und geleistete Kinderarbeit Unrecht gewesen ist."

Geregelt werden muss die Finanzierung von Langzeittherapien der Traumata, an welchen viele der Betroffenen noch heute leiden, ein vergleichsweise kleineres Projekt wäre eine Ausstellung über die Lebenssituation ehemaliger Heimkinder in den Heimen der Zeit von 1945 bis 1975 im Bundestag, im Deutschen Historischen Museum oder als Wanderausstellung, die durch heutige Heime und Pädagogik-Fakultäten ziehen könnte. In Freistatt und im ehemaligen "Mädchenheim Fuldatal" bei Kassel sind sogar noch Heimgebäude fast im Originalzustand erhalten, wie sie Anfang der siebziger Jahre verlassen wurden. Sie eignen sich ganz besonders als Gedenk- und Ausstellungsorte. Daher fänden viele Betroffene auch eine Stiftung angemessen, in die Kirchen und Staat einzahlen, um die Aufarbeitung dieser Zeit sowie konkrete Hilfen für einzelne besondere Härtefälle zu ermöglichen.

Damit ist nun die Politik in der Verantwortung, dieses unrühmliche Kapitel deutscher Sozialgeschichte der Nachkriegszeit aufzuarbeiten. Evangelische wie katholische Kirche haben dies schon seit Jahresanfang mehrfach signalisiert. Schiltsky: "Ein bemerkenswerter Schritt auf einem gewiss noch langen Weg ist getan und lässt uns mit Hoffnung weitergehen." Auch wenn der Heimalltag inzwischen völlig anders aussieht, warnt Schiltsky vor Rückschritten. Der Trend gehe dahin, Kinder wieder angepasster zu erziehen. Eine Konsequenz aus den Missständen aber müsse sein, sie stark zu machen, damit sie sich wehren können. Zur erfolgreichen Arbeit des Vereins gehören die Fragebögen, die an Betroffene verschickt werden. Bisher liegen etwa 230 Seiten kompakte Informationen über die Geschehnisse in den unterschiedlichsten Heimen in allen Teilen der Bundesrepublik vor. Die Auswertung wird noch dauern, dem Verein fehlen ehrenamtliche Helfer.

Erziehungsmethoden aus der Nazi-Zeit

Über die fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen an Kindern in den kirchlichen und staatlichen Heimen gibt es aber nicht nur die Berichte der Betroffenen, sondern auch Akten und Schriftverkehr. Sie dokumentieren prügelnde Erzieher, das Versagen der Aufsicht, eine unentrinnbare Rechtlosigkeit von wehrlosen Schutzbefohlenen. Es finden sich darin auch Ursachen im Geist dieser Zeit der jungen Bundesrepublik: ein autoritäres Erziehungsverständnis, Kontinuitäten zur Nazi-Diktatur, die materielle, persönliche, moralische Überforderung von Eltern, Erziehern oder Heimleitern, die auf der Schattenseite des aufstrebenden Wirtschaftswunderlandes lebten.

3000 Heime hat es gegeben, gut 80 Prozent davon waren konfessionell, über eine halbe Million Kinder sind dort durchgeschleust worden. Immer mehr Opfer melden sich beim "Verein ehemaliger Heimkinder" mit ungeheuren Geschichten. Nun gilt es als eine Frage des Anstands und der politischen Verantwortung, wenn Bundestag und Bundesregierung Wiedergutmachung in Form von Rentenanerkennung und Therapiehilfen leisten.

Aber das ist nicht alles. "Die Gesellschaft ist gut beraten," meint der Ansprechpartner des Vereins ehemaliger Heimkinder, Michael-Peter Schiltsky, "die alte Erziehungspraxis als Menschenrechtsverletzung zu ächten. Davon haben alle etwas, denn gewisse Probleme, gibt es immer, wenn Menschen ausgegrenzt und weggesperrt werden. Wir hatten damals selbst keine Lobby, keinen Anwalt. Aber wir können jetzt mit unseren Erfahrungen die Anwälte der Kinder, Jugendlichen und Alten von heute sein."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: