Kritik an Bundesarchiv Wettlauf um die Kohl-Akten

Wer bekommt Zugriff auf den Nachlass Helmut Kohls? In welche Hände gehören die staatlichen Akten im Haus des Verstorbenen? Das Bundesarchiv wehrt sich nun gegen den Vorwurf pietätlosen Vorgehens.

Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs
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Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs


Das Bundesarchiv weist den Vorwurf zurück, vorschnell die Herausgabe von staatlichen Akten aus dem Nachlass Helmut Kohls gefordert zu haben. Medien hatten am Wochenende kritisch über ein Schreiben berichtet, das Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs, an die Witwe Maike Kohl-Richter geschickt hatte.

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Heft 26/2017
Das vergiftete Erbe des Helmut Kohl

Es ist auf den 21. Juni datiert, wurde also fünf Tage nach dem Tod des Altkanzlers unterzeichnet. Hollmann bietet darin seine "Unterstützung bei der Regelung des schriftlichen Nachlasses" an. Er erklärt aber auch, er wäre der Witwe "verbunden", wenn sie staatliches Schriftgut "aus dem Wirken" ihres Mannes über das Kanzleramt an das Bundesarchiv weiterleiten würde.

Der Brief sei ein Standardschreiben, sagt nun Hollmann dem SPIEGEL. Das Bundesarchiv würde entsprechende Formulierungen bei Schreiben an die Erben von Politikern oder auch Wissenschaftlern verwenden, wenn es Grund zur Annahme gebe, dass staatliche Akten im Nachlass zu finden seien.

Auch sei es nicht ungewöhnlich, dass sein Haus unmittelbar nach dem Ableben eines Betroffenen reagiere. Im Fall Kohl verweist Hollmann zudem darauf, dass nicht das Bundesarchiv die Nachlassfrage aufgeworfen habe, sondern darüber in den Medien berichtet worden sei. Er habe sich daher veranlasst gesehen zu reagieren.

SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2017

Im Hintergrund tobt ein Streit zwischen dem Bundesarchiv und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Kohl hatte nach seiner Wahlniederlage 1998 rund 400 Aktenordner aus dem Kanzleramt in das Archiv der KAS transportieren lassen.

Im Jahr 2010 forderte er die Unterlagen mit der Begründung an, er benötige sie für einen weiteren Memoirenband. Jetzt liegen die Papiere in seinem Privathaus in Oggersheim. Die KAS möchte, dass die Papiere vollständig zurück in ihr Archiv kommen. Hollmann verweist hingegen auf die Rechtslage. Danach gehören staatliche Unterlagen ins Bundesarchiv.

Bislang ist allerdings unklar, ob und in welchem Ausmaß Kanzleramtspapiere in den Ordnern abgelegt wurden.



insgesamt 20 Beiträge
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rilepho 26.06.2017
1. In der Privatwirtschaft
würde das Aufbewahren wichtiger Firmenunterlagen in den Privaträumen eines Angestellten gerichtliche Folgen nach sich ziehen, weil es sich dabei um eine strafbare Handlung dreht! Warum schafft man in der Bundesrepublik keine solchen Vorgaben? Herr Kohl war kein Privat-Kanzler! Und seine Witwe ist keine Nachlassverwalterin wichtiger Staatsunterlagen.
matti99 26.06.2017
2. in das Archiv, wohin sonst!
diese Akten und das gesamte Schriftgut gehören in ein Archiv (Staatsarchiv, Bundesarchiv, Stifungsarchiv) und deren dortigem Sachverstand für geregelte Aufarbeitung, Quellendokumentation, Qualitätssicherung etc. ... solche Akten dürfen nicht im Privatkeller vermodern, vergilben, vor sich hin dämmern.
Lonsinger 26.06.2017
3. Carpe diem -
Mit einer einstweiligen Verfügung ließen sich die Unterlagen temporär an die Kette legen. Historiker und Staatsjuristen könnten hier schon Privates von Staatsansprüchen trennen. Die Zeit der Auslandsreise darf auch genutzt werden. Die Pietät ist ohnehin verletzt, viele seiner Verehrer sind es auch.
max-mustermann 26.06.2017
4.
Eine Posse wie aus einer Bananenrepublik. abgewählte Politiker nehmen nach gutdünken Staatsakten einfach mit nach hause und nach deren Tod mus das Staatsarchiv betteln sie doch bitte wieder zu bekommen. Aber in diesem Land wundert einen inzwischen ja sowieso gar nichts mehr.
hj.binder@t-online.de 26.06.2017
5. Bei der CDU
geht halt alles anders: 1998 fehlten auf einmal Akten im Seiters-Innenministerium; vielleicht hing das mit den Waffenlieferungen an die kroatische Tjudschamn-Mafia zusammen, die dann in einen NATO-Krieg gegen die Serben mündeten. Oder, ganz banal, es ging um sehr viel Sponsoren-Gelder der deutschen Industrie zugunsten der CDU und vielleicht doch ihrer Gegenleistungen. Eigentlich sollten die Unterlagen nicht ins Archiv, sondern zu der Bundesanwaltschaft.
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