Historisches Interview Kohl über die Griechen im Euro

Der Altkanzler spricht über den "linken Pöbel" und "barbarischste Erinnerungen": Zum 85. Geburtstag Helmut Kohls wird ein Sechs-Stunden-Interview aus dem Jahr 2003 vollständig veröffentlicht. Sehen Sie hier die besten Ausschnitte.

dbate.de

Es ist eine Rückkehr zu alten Zeiten. 2003, Helmut Kohl sitzt in seinem Haus in Oggersheim, im Hintergrund ist ein Foto seiner Frau Hannelore zu sehen, ein Kronleuchter, Bücher. Die Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz interviewen den langjährigen CDU-Vorsitzenden und Altkanzler vier Tage lang - aus dem Gespräch wurden bisher nur Auszüge ausgestrahlt.

Jetzt, zwölf Jahre später, veröffentlichten sie nun am Dienstag das Interview in der Langversion. Anlass ist der Geburtstag Kohls, der am 3. April 85 Jahre alt wird. Das Interview dauert sechs Stunden (Sehen Sie hier das gesamte Gespräch auf dbate.de), die ARD macht daraus zwei 90-minütige Filme, den ersten Teil zeigt sie in der Nacht zu Mittwoch. Nach der umstrittenen Biografie (Lesen Sie hier die SPIEGEL-Geschichte) im vergangenen Jahr sind seine Erinnerungen nun hier direkt von ihm zu hören. Seit einem Sturz 2008 kann der Altkanzler nur noch schwer sprechen.

In dem Interview wird Kohl gezeigt, wie ihn viele in Erinnerung haben: Stolz und angriffslustig teilt er 2003 aus, abfällig äußert er sich über Parteifreunde, von denen er sich während der CDU-Parteispendenaffäre schlecht behandelt fühlte. Einige Beispiele:

Norbert Blüm? "Der Mann ist mir völlig egal. Deswegen will ich überhaupt nicht seinen Namen in den Mund nehmen."

Und Rita Süssmuth? "Alles, was sie wurde, wurde sie durch mich. Es gab immer wegen ihr Krach."

Lange lässt er sich über die Einführung des Euro aus, wie er sich über die Warnungen von Wirtschaftswissenschaftlern hinwegsetzte:

"Ich musste es durchsetzen. Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden."

"Eine Volksabstimmung über die Einführung des Euro hätten wir verloren."

Kohl erzählt auch vom Putschversuch gegen ihn als CDU-Chef 1989 ("die barbarischsten Erfahrungen") und dem Pfeifkonzert gegen ihn in Berlin kurz nach dem Mauerfall ("der linke Pöbel"). Er gibt zudem Persönliches preis: So seien ihm die Selbstmordgedanken seiner Frau Hannelore, die an einer unheilbaren Lichtallergie litt, bewusst gewesen:

"Nicht der konkrete Moment. Aber wir haben ja darüber geredet. Dass sie darüber nachdachte, das wusste ich."


"Helmut Kohl - Das Interview (1 + 2)", Dienstag und Mittwoch, jeweils 00.20 Uhr, 90 Minuten, ARD

Langfassung des Interviews (sechsmal eine Stunde) am Dienstag, ab 9 Uhr auf dbate.de

heb



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insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
Das Grauen 24.03.2015
1. Ein unsympathischer Mensch.
Gut, daß es solche Interviews und die Biographie gibt. Da wird hoffentlich dem letzten klar, wie egozentrisch und kleinlich das Denken dieses Politikers war und ist. Er wollte immer eine historische Figur sein, aber es scheitert an der mangelnden Größe des Charakters. Er hat Glück gehabt, daß ihm die Wiedervereinigung in den Schoß gefallen ist. Diese hätten aber viele andere auch, und besser, bewältigen können. Und sein Versagen bei der Schaffung des Euros ist ja mittlerweile offensichtlich. So wie das im privaten Bereich. Erschreckend, daß dieser Typ so lange Kanzler war. Deutschland hätte besseres verdient gehabt.
joes.world 24.03.2015
2. Der Vater und seine politische Tochter.
Heute regiert die Frau, die gerne als Kohls politische Tochter bezeichnet wird. Weil sie viel von ihm lernte. Allerdings sind heute die Zeiten ganz andere. Kohl lehrte sie, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Auszusitzen. Und sie gewann damit Wahlen. Nur ahnte der Lehrmeister damals nichts von einem zukünftigen Krieg im Osten und nichts vom bankrotten Griechen. Und da funktioniert das Konzept Kohl nicht mehr. Bis jetzt hat Kohls Tochter es nicht verstanden, andere, zeitgemäße Strategien zu entwickeln. Würde der Kohl von damals, heute regieren, würde er weniger eingeschränkt in seiner politischen Wahrnehmung sein und deshalb anders entscheiden. Als seine politische Ziehtochter. Insofern wäre der Kohl von damals, heute der bessere Regierungschef.
Kimmerier 24.03.2015
3. Meist überschätzter deutscher Politiker
Bezüglich der Schwere der Entscheidungen, welche unter der Kanzlerschaft Kohls getroffen wurde, kann man diesen Mann sicherlich nicht überschätzen. Allerdings zeigt sich immer mehr, dass er diese Entscheidungen meist "aus dem Bauch" heraus getroffen hat und dies zumeist allein und oft gegen die Empfehlungen von Experten. Wenn heute der Bestand des Euro insgesamt wegen der Krise in Griechenland zur Debatte steht, wirken die 2003 gemachten Aussagen Kohls dazu, dass er die Bedenken bzgl. der Mitgliedschaft etwa von Griechenland und Italien hinweggewischt hat, wie ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Die größte "Leistung" Kohls - die deutsche Wiedervereinigung - fiel ihm in den Schoß, und auch hier fällte Kohl Entscheidungen, welche sich wie eine Hypothek auf den Einigungsprozeß legten. Der von ihm bestimmte Umtauschkurs zwischen DM und DDR-Mark etwa zementierte die Verschuldung der ehemaligen DDR-Staatsbetriebe und trieb diese in die Arme westlicher Spekulanten - und das nur, um sich selbst den Wahlsieg 1990 zu sichern, nachdem er vor den Ereignissen der Wiedervereinigung im Westen quasi schon als abgewählt galt. Bis zum heutigen Tag weigerte sich der einst oberste Verteter der Exekutive in Deutschland, deutschen Gesetzen im Rahmen der Partei-Spenden-affäre genüge zu tun. Sein persönliches Ehrenwort stellte und stellt Kohl über deutsche Gesetze, wobei allein schon der Umstand, dass er ein derartiges Ehrenwort gegeben hatte, seine Mißachtung des Rechtsstattes zeigte.
Jochen.Bold 24.03.2015
4. Na, wohl eher zurück in Alzheim
Helmut Kohl ist zu Recht vergessen. Ein Mann der Egozentrik, der Deutschland und dem Gemeinwesen ungeheuer geschadet hat. Seine grösste Tat konnte er nicht verhindern. Sonst hätte er die deutsche Einheit auch "ausgesessen". Er war die drei Affen in einer Person: "Nicht sehen, nichts hören, nur fressen und Quatschen". Demokratie spült manchmal auch unfähige Menschen nach oben.
tkedm 24.03.2015
5.
Zitat von joes.worldHeute regiert die Frau, die gerne als Kohls politische Tochter bezeichnet wird. Weil sie viel von ihm lernte. Allerdings sind heute die Zeiten ganz andere. Kohl lehrte sie, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Auszusitzen. Und sie gewann damit Wahlen. Nur ahnte der Lehrmeister damals nichts von einem zukünftigen Krieg im Osten und nichts vom bankrotten Griechen. Und da funktioniert das Konzept Kohl nicht mehr. Bis jetzt hat Kohls Tochter es nicht verstanden, andere, zeitgemäße Strategien zu entwickeln. Würde der Kohl von damals, heute regieren, würde er weniger eingeschränkt in seiner politischen Wahrnehmung sein und deshalb anders entscheiden. Als seine politische Ziehtochter. Insofern wäre der Kohl von damals, heute der bessere Regierungschef.
Viele von den Problemen, die wir heute haben, sind auf Entscheidungen, der damaligen Regierungen zurück zu führen. Nicht nur Entscheidungen der Regierung Kohl, sondern europaweit. Ob Wiedervereinigung, Nato-Osterweiterung oder Mechanismen und zu lasche Kriterien für den Euro. Kohl würde nun seine eigenen Fehler korrigieren müssen. Inwiefern wäre er da der bessere Kanzler?! Fehlereingeständnisse waren nun nicht gerade seine Stärke.
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