S.P.O.N. - Im Zweifel links In Kohls Kopf

Großer Mann, große Geschichte und große Tragik: Die "Kohl-Protokolle" geben Einblicke in das Denken des Altkanzlers. Er zeigt sich ebenso verletzt wie verletzend. Ein unverzichtbares Dokument.

Kohl mit seiner Frau Maike Kohl-Richter (auf der Frankfurter Buchmesse): Erinnerung ans wilde, wilde Westdeutschland
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Kohl mit seiner Frau Maike Kohl-Richter (auf der Frankfurter Buchmesse): Erinnerung ans wilde, wilde Westdeutschland

Eine Kolumne von


Merkel konnte "nicht richtig mit Messer und Gabel essen", Merz war ein "politisches Kleinkind", Wulff "eine Null" und Blüm ein "Verräter". Willkommen im Kopf von Helmut Kohl.

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Heft 41/2014
Helmut Kohl - Die geheimen Gesprächsprotokolle

"Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" heißt das umstrittene Buch des Journalisten Heribert Schwan. Ist es ein historisches Dokument - oder nur ein voyeuristisches? Ist die Veröffentlichung ein Vertrauensbruch? Oder erfüllt Schwan den wahren Wunsch des greisen Altkanzlers? Der SPIEGEL hob Helmut Kohl am Montag auf den Titel, am Dienstag wurde das Buch in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Jetzt debattiert das Land über Kohl und die Rache alter Männer.

Zwischen März 2001 und Oktober 2002 hatte Schwan das Objekt seiner Forschung in 105 Sitzungen im Keller des berühmten Bungalows in Oggersheim befragt. Das Ergebnis: 200 Kassetten, 630 Stunden, Erinnerungen und Gedanken, geprägt von Bitterkeit und vom Wunsch nach Rache, vom Willen zur Selbstinszenierung ebenso wie von der Fähigkeit zur nüchternen historischen Analyse.

Es geht um die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Heribert Schwan hat gemeinsam mit dem Journalisten Tilman Jens ein Buch daraus gemacht. Wäre es nach Maike Kohl-Richter gegangen, es wäre nie erschienen. Die neue Frau herrscht im Hause Kohl. Die Söhne, die alten Freunde, auch der frühere Vertraute Schwan haben das zu spüren bekommen. Traurige Episoden keiner normalen Familie. Spätestens der Streit um die "Kohl-Protokolle" berührt nun mehr als die Belange der Privatleute Kohl. Es geht um die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Die Gespräche mit Schwan fanden kurz nach dem Absturz statt: Spendenskandal, Merkels Machtübernahme, Untersuchungsausschuss, Abschied in Schande. Kohl wusste schon, worum es ihm im Oggersheimer Keller ging: Rache und Richtigstellung. Warum auch nicht? Nachdem Kaiser Wilhelm II. den alten Bismarck entlassen hatte, zog der sich mit ebensolchem Groll nach Friedrichsruh zurück. Sein Sekretär Lothar Bucher jammerte: "Bei nichts, was misslungen ist, will er beteiligt gewesen sein und niemand lässt er neben sich gelten." Bismarcks "Gedanken & Erinnerungen" gerieten gleichwohl zur Literatur.

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Kohls Abrechnung: Wen der Altkanzler schmähte
Schwans Werk ist journalistisch - aber darum nicht weniger spannend. Daimler-Benz spendet 50.000 Mark. Kohl schickt das Geld zurück "mit dem Ausdruck des Bedauerns, dass das Unternehmen offensichtlich jetzt Probleme habe und ich sie nicht schädigen wolle". Warum? Weil es zu wenig war. Hanns Martin Schleyer nimmt sich der Sache an. Am Ende kommen 100.000 Mark rüber. Immerhin.

Es ist die Erinnerung ans wilde, wilde Westdeutschland, die hier hochkommt. Die Ära Kohl: Das waren die alten Zeiten, als ein Mann noch ein Mann war und ein Koffer voller Geld die anerkannte politische Währung. So lange ist das alles nicht her. Und es liegt doch eine Ewigkeit zurück. Wer kann sich Angela Merkel mit einem Bündel voller Geld vorstellen?

Ohne Kohl gäbe es den Euro nicht

Schwan musste schon vor Monaten auf einen Gerichtsbeschluss hin die Bänder an Kohl zurückgeben. Ob er den Inhalt nun rechtmäßig verwertet hat, werden wiederum die Gerichte entscheiden. Einen ersten Versuch Kohls, das Buch per Einstweiliger Verfügung zu stoppen, hat das Landgericht Köln zurückgewiesen. Nun geht es wohl in die nächste Instanz. "Der Streit ist vertragsrechtlich zu beurteilen", schreibt Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung". Aber da hat bei Prantl der Jurist die Oberhand über den Journalisten gewonnen. Richter und Anwälte sollen ruhig unter sich ausmachen, ob Schwan das Recht hatte, aus der Quellen zu zitieren, die er selber hat sprudeln lassen. Gerechtfertigt ist die Veröffentlichung auf jeden Fall.

Allein das Urteil des Altkanzlers zur Genese der deutschen Einheit ist das Buch wert. Kohl trägt ja zu Recht den Titel Kanzler der Einheit. Aber nicht die deutsche, sondern die europäische Einheit ist sein eigentliches Verdienst. Ohne Kohl gäbe es den Euro nicht. Der größte Fortschritt auf dem Kontinent seit dem Krieg. Trotz aller Krisen.

Die deutsche Einheit ist ihm eher unterlaufen. Er hat sie nicht bewirkt, aber auch nicht behindert. Kohl selbst sieht das nüchtern, seine eigene Rolle und auch die der Ostdeutschen. "Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert", sagt Kohl. Die Vorstellung, die Revolutionäre im Osten hätten in erster Linie den Zusammenbruch des Regimes erkämpft, sei dem "Volkshochschulhirn von Thierse" entsprungen: "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte. Und wenn er den Kommunismus erhalten wollte, musste er ihn reformieren, so kam ja die Idee mit der Perestroika."

Autor Schwan übertreibt nur ein bisschen, wenn er jubelt: "Da wird der Mauerfall vor 25 Jahren, das Ringen um die deutsche Einheit mit pointierten Worten als ökonomische Zwangsläufigkeit charakterisiert. Karl Marx hätte seine Freude an diesem Mann gehabt."



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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
ginger64 09.10.2014
1. hab es gar nicht erst gelesen, aber
maike Kohl-Richter im Palästinensertuch? Vielleicht ist die gar nicht so blöd....
kwik-e-mart 09.10.2014
2. Oh je...
"Ohne Kohl gäbe es den Euro nicht. Der größte Fortschritt auf dem Kontinent seit dem Krieg." Der erste Satz ist leider wahr. Der zweite das Hirngespinst, was den ersten positiv legitimieren soll. Besser würde es heißen: "Der größte Fortschritt auf dem Kontinent zum nächsten Krieg." Lieber Augstein, wenn auch nur ansatzweise ökonomische Fragen ins Spiel kommen, sollten Sie besser schweigen.
man 09.10.2014
3. Die Tragik Kohls,
war der Wiederantritt zur Wahl 98. Da hat er sich überschätzt. Warum er Merkel protegiert hat, bleibt mir ein Rätsel.
spmc-122226439819235 09.10.2014
4. Flachzangenrennen !
Von Kohl hätte ich unter dem Strich mehr erwartet,der Begriff "großer Staatsmann"trifft nur auf körperliche Ausmaße zu,nicht auf Handeln und Geist.Mit der bürgerlichen Befreiung in der DDR hat er wenig ,mit der ökonomischen Vernichtung des Landes ,hat er ALLES zu tun.Der EURO nach Kohlplan ist der schlimmste nationale Vernichtungsplan aller Zeit,wir werden es noch erleben. Der Herr Schwan ,charakterlich diffus,der unvermeitliche Sitekick Jens,unbegabt,eine Buch auf Kosten Dritter,hat auf einer guten Buchmesse keinen Platz,aber es ist ja...Frankfurter Resterampe !
kabelbindersalat 09.10.2014
5. och bitte ...
Herr Augstein, bitte geben Sie diesem alterssenilen, Ehrenwort vor's GGstellenden und Demokratieverachtenden Altkanzler nicht auch noch eine Bühne für dessen geistige Entgleisungen! Eikonal und lügende Kanzlerin und Aussenminister, die variblen Äußerungen Herrn Gabriels zu TTIP, CETA, TISA und den diametral entgegen stehenden Handlungen und zahnlosen Partei Beschlüssen die mal=gar nichts bringen.
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