Zum Tode Helmut Kohls Das Zentralgestirn

Gefeiert, gedemütigt, gehasst, geehrt - Helmut Kohls Politikkarriere war ein großes Wechselspiel. SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl hat sie jahrelang beobachtet. Ein Rückblick.

Helmut Kohl mit seinem Mainzer Kabinett (Im Jahr 1969)
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Helmut Kohl mit seinem Mainzer Kabinett (Im Jahr 1969)


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    Gerhard Spörl war fast 25 Jahre lang Redakteur beim SPIEGEL und beschäftigte sich vor allem mit Innen- und Außenpolitik. Auch im Ruhestand ist er weiterhin als Autor für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE tätig.

Als ich ihn kennenlernte, war Helmut Kohl ein sehr großer, schlanker Mann, an dem die Leichtigkeit des übergroßen Talentes auffiel. Er war mein Ministerpräsident, denn ich studierte in Mainz. Dort residierte er, schenkte Wein aus, hielt Hof und sammelte Talente um sich, die sein Licht und seine Nähe suchten. Heiner Geißler war dabei, auch Jahrgang 1930, dem man heute wieder seine Ursprünge anmerkt, die eines radikalen Christen mit anarchischen Zügen. Kurt Biedenkopf, ebenfalls Jahrgang 1930, war bald so etwas wie Kohls persönliche Denkfabrik. Dazu Richard von Weizsäcker, zehn Jahre älter, ein später Starter in die Politik hinein, undenkbar ohne Kohl.

Damals war Helmut Kohl der kommende Star der CDU, die 1969 die Macht verloren hatte. Er war der Reformer, der Unkonventionelle, der Blumen neben sich blühen ließ. Angstlos schien er zu sein, voller Selbstbewusstsein, was kostet die Welt, wo steht das Klavier. Die CDU war nicht meine Partei, aber Kohl gefiel mir.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1972, das ihn zeigt, wie ich ihn damals sah. Schon schütter das Haar, groß die Brille, steht er breitbeinig da, die Hände hat er in den Seitentaschen seiner Anzugjacke vergraben, die beiden Daumen schauen heraus und zeigen nach unten. Sehr selbstsicher, inszenierte Macht, entschlossen wie John Wayne. Damit erzielte er Wirkung.

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Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

Alle pilgerten nach Mainz, alle wollten in seinem Licht stehen. Er war der Magnet. Die anderen, Politiker wie Journalisten, waren die Eisenspäne. Im Jahr 1970 stand im SPIEGEL über ihn zu lesen: "Helmut Kohl ist ein Würdenträger, der das Lachen verbeißt, wenn pathetische Momente nahen. Theaterlust glitzert in seinen Augen, ehe er vor Honoratioren mit Sonntagsröcken in gespieltem Ernst erhebende Lehrformeln hersagt."

Sie mochten ihn zu dieser Zeit, auch die Blätter, die sich später über "Birne" amüsierten und ihn für kanzlerunfähig erklärten. Da war einer, der Bundeskanzler werden konnte. Fast wäre er es schon 1976 geworden, da kam die CDU mit ihm als Spitzenkandidat auf stolze 48,6 Prozent und hängte die SPD (42,6 Prozent) ab, die nur noch knapp mit der FDP weiterregieren konnte, sechs Jahre noch.

Ich mag "What-if-Fragen". Was wäre gewesen, wenn Helmut Kohl schon damals Kanzler geworden wäre? Unwiderstehlich wäre er gewesen. Einer, dem alles gelingt und das auch noch blitzschnell. Mit 46 der jüngste Nachkriegskanzler. Es kam anders, vor allem für ihn. Nichts war von nun an leicht, alles schwer. Das Ausnahmetalent verwandelte sich allmählich in den misstrauischen, rachsüchtigen Helmut Kohl. Die Politik trieb ihm die Lebensfreude aus. Dafür sorgten vor allem zwei Gegner, die sich ergänzten: Franz Josef Strauß bekämpfte Kohl, den Provinzheini ohne abendländische Bildung, bis aufs Messer und hätte ihn wohl am liebsten in den Wahnsinn getrieben. Und Helmut Schmidt reizte "den Pfälzer" mit seiner geschliffenen Arroganz grausam effizient. Ich fing gerade als Journalist an und bekam gleich vorgeführt, was Menschen anderen Menschen in der Politik antun.

In diesen für ihn schrecklichen Jahren stieß Helmut Kohl auch die Freunde von gestern ab. Heiner Geißler wollte ihn auf dem Bremer Parteitag im Sommer 1989 stürzen. Dazu kam es nicht, weil Gyula Horn in Ungarn die Grenze nach Österreich öffnete und die Deutschen aus der DDR scharenweise westwärts fliehen durften. Richard von Weizsäcker machte sich zum Kronzeugen gegen den Kanzler ("machtversessen, machtvergessen"), der ihm das nie verzieh. Später, als Kohl schon hinfällig war, ließ Weizsäcker vorfühlen, ob ein Versöhnungsbesuch in Oggersheim willkommen wäre; er war es nicht. Kurt Biedenkopf schrieb kenntnisreiche Bücher über die Politik, wie sie eigentlich sein sollte, wenn es nach ihm, Biedenkopf, ginge.

Morgens am 8. November 1989 flog ich im Journalistentross mit Helmut Kohl nach Warschau. Ein Staatsbesuch, fünf Tage lang, nichts Aufregendes. Am frühen Abend sprach sich rasend schnell herum, dass sich Ungeheures anbahnte. Im Bundestag sangen sie die Nationalhymne. In Ost-Berlin öffneten sie die Schlagbäume. Der Bundeskanzler war am falschen Ort, was für eine Ironie der Geschichte.

Am nächsten Morgen flogen wir nach Berlin. Und dann wurden sie ausgepfiffen, als sie auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied anstimmten, Kohl und Genscher und Momper und Brandt und die anderen. Nicht schön, ziemlich verwirrend, was sollten wir davon halten? Aber egal, die Geschichte nahm ihren Lauf.

Mir kommt es so vor, als hätte Helmut Kohl in diesen entscheidenden Monaten zur alten Leichtigkeit zurückgefunden. Wieder war er der Magnet. Sie hofften auf ihn, die Ostdeutschen, die ihn frenetisch feierten. Kohl verstand schnell, dass Michail Gorbatschow womöglich nicht viel Zeit bleiben würde, sodass er sich mit der Wiedervereinigung beeilen musste. George Herbert Walker Bush vertraute vielleicht nicht den Deutschen, aber Helmut Kohl. Margret Thatcher blieb die ganze Wiedervereinigung ein Gräuel, und doch konnte sie nichts dagegen machen. François Mitterrand drehte einige seltsame Runden und fügte sich dann ins Unvermeidliche.

Helmut Kohl war wie früher das Zentralgestirn. Er kehrte zu seinen Ursprungsstärken zurück. "Glückwunsch, Kanzler", schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL. So haben die meisten von uns gedacht. Irrsinnig viel hatte Helmut Kohl vorher irrsinnig falsch gemacht, aber jetzt machte er das Wichtigste richtig. Zum Glück.



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Ivy79 17.06.2017
1. Sein Ziel war nicht die Macht als Selbstzweck....
..sondern zur Durchsetzung seiner Ideen. Voller Empathie. Das krasse Gegenbeispiel zu seiner jetzigen Nachfolgerin, Punkt.
ostfussballfan 17.06.2017
2. Einheitskanzler, ewiger Kanzler ...
... ich kann´s nicht mehr hören. Wenn die Leute im Osten nicht den Mut (Mut gehört dazu, auf die Straße zu gehen, wohlwissend, dass man in Gewehrläufe schaut) aufgebracht hätten, in Massen zu demonstrieren oder das Land zu verlassen, wäre er nur eine Randnotiz der Geschichte. Er hatte immerhin erkannt, welch riesiges wirtschaftliches Potential für die kriselnde westdeutsche Wirtschaft die Einigung darstellte. Ansonsten habe ich nach der Wende gelernt, dass es durchaus gesellschaftsfähig ist, sich mit fremden Lorbeeren zu schmücken.
syracusa 17.06.2017
3.
Zitat von Ivy79..sondern zur Durchsetzung seiner Ideen. Voller Empathie. Das krasse Gegenbeispiel zu seiner jetzigen Nachfolgerin, Punkt.
Sie erlauben, dass ich das genau diametral entgegengesetzt verstehe. Kohl war der absolute Machtmensch, dem es um nichts anderes ging als um die Macht selbst. Merkel hingegen ist stoische Pragmatikerin, der nichts so unwichtig ist wie Macht. Merkel nimmt die Macht eher als das Unvermeidliche hin, das man leider benötigt, um handlungsfähig zu werden. Und ich habe ein unschlagbares Argument auf meiner Seite: Kohls absolute Rachsucht. Wen er einmal als Verräter oder gar nur Zweifler an seinem Machtanspruch identifiziert hatte, der blieb für immer sein Feind.
lasorciere 17.06.2017
4.
Sagen wir es mal so: er hatte das Glück, gerade zu dem Zeitpunkt Kanzler zu sein, als die Politik Gorbatschows die Wiedervereinigung bewirkt hat. Denn nicht Kohl hat die beiden deutschen Staaten vereint, sondern die treibende Kraft waren wir, das Volk. Ansonsten kann man ihm keine besonderen Erfolge zuschreiben.
syracusa 17.06.2017
5.
Zitat von lasorciereSagen wir es mal so: er hatte das Glück, gerade zu dem Zeitpunkt Kanzler zu sein, als die Politik Gorbatschows die Wiedervereinigung bewirkt hat. Denn nicht Kohl hat die beiden deutschen Staaten vereint, sondern die treibende Kraft waren wir, das Volk. Ansonsten kann man ihm keine besonderen Erfolge zuschreiben.
Naja, man sollte dann auch so fair sein zu sagen, dass zu diesem Zeitpunkt die meisten anderen führenden Politiker Deutschlands schon lange nicht mehr an die Wiedervereinigung geglaubt haben, und dass wohl keiner von ihnen (vielleicht mit Ausnahme Willy Brandts) diese Möglichkeit überhaupt wahrgenommen und dann auch noch genutzt hätte.. Und dann muss man feststellen, dass die besonderen psychischen Eigenarten Kohls es ihm ermöglichten, das zu erreichen, was wohl kaum ein anderer erreicht hätte, selbst wenn er das versucht hätte.
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