Übermächtiger Vater Der Sohn vom Kohl

Familie Kohl nervt - weil sie jedes Klischee erfüllt: Maike Kohl-Richter ist die böse Stiefmutter. Und Walter und Peter sind typische Söhne eines berühmten Vaters: gefühlsduselig statt machtbesessen.

Walter Kohl vor dem Haus seines verstorbenen Vaters Helmut, Oggersheim, 16. Juni 2017
AFP

Walter Kohl vor dem Haus seines verstorbenen Vaters Helmut, Oggersheim, 16. Juni 2017

Eine Kolumne von


Die Planungen für Beerdigung und Trauerfeier für Helmut Kohl sind ein unwürdiges Schauspiel. Die Familie ist zerstritten. Die Witwe will den toten Kanzler in Straßburg aufbahren, die Söhne wollen ihn nach Berlin karren. Wie sehr muss Kohl diese Menschen - seine letzte Frau, Maike Kohl-Richter, und die Söhne Walter und Peter - gedemütigt haben, dass sie nach seinem Tode wie panisch um die Kontrolle über den toten Körper des Kanzlers kämpfen?

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Heft 26/2017
Das vergiftete Erbe des Helmut Kohl

Walter Kohl wüsste, was jetzt zu tun ist: Staatsakt, ökumenisches Requiem, Großer Zapfenstreich, und zwar alles am Brandenburger Tor. Das hätte, sagt Kohl, "seine Zustimmung" gefunden. Die Rede ist natürlich von Helmut Kohl. Walter ist der Sohn. Wenn man nur den Sohn fragen würde - der würde den Deutschen jetzt zu einer schönen Leich' verhelfen, mit ihrem Altkanzler. Aber niemand hört auf ihn. Das ist, er hat es schon früher durchblicken lassen, sein großes Problem: Er war halt immer nur der Sohn vom Kohl.

Wenigstens die Anzüge müssten passen

Dabei kann Walter Kohl die demütigende Erinnerung, die Franz Kafka in seinem "Brief an den Vater" niedergeschrieben hat - "Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit" - so nicht teilen. Kohl Junior hat mit seinem Vater immerhin die Statur gemein. Das bedeutet, wenn ihm vielleicht die Schuhe des Alten zu groß sind - wenigstens die Anzüge müssten ihm passen.

SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2017

Kinder von berühmten Leuten haben es nicht leicht. Aber andere Leute haben es auch nicht leicht. Je nachdem, was man selber so erlebt hat, kann man sich besser oder schlechter in diese Rolle einfühlen. Aber es nervt, wenn aus solchen Kindern dann Erwachsene geworden sind, die sich später beschweren: Ich hatte eine schwere Kindheit, weil mein Vater reich und berühmt war. Es gibt nämlich eine Menge Leute, die auch eine schwere Kindheit hatten, ohne dass ihr Vater reich und berühmt war. Nur, wenn die davon erzählen wollen, hört keiner zu.

Walter Kohl dagegen hat Bücher über sein Leben als Sohn geschrieben, die sich ziemlich gut verkauft haben. Helmut Kohl war ein stahlharter Machtpolitiker. Sein Sohn Walter dagegen zeigt sich außen ganz weich und innen auch. Alles, was er schreibt, ist ganz butterig, schmelzzart und fluffig. Immerzu geht es um die "Kraft, Einstellungen zu hinterfragen", es wird sich neu "positioniert" und "aufgestellt", der "innere Dachboden" wird aufgeräumt, Lasten rutschen ab "wie ein Schneebrett am Berg", und es wird ganz viel geweint auf dem Weg heraus aus dem "Opferland" einer offenbar gedemütigten Kindheit.

Die Rache der Therapie-Gesellschaft am Patriarchat

Wenn man die Rache der Therapie-Gesellschaft am Patriarchat kennenlernen will, muss man diese Bücher lesen. Beinahe sehnt man sich nach den schlechten alten Zeiten zurück, als die Kinder berühmter Leute ihr Unglück einfach mit Alkohol und Drogen betäubten.

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Sohnsein bedeutet unterworfen sein. Von Anfang an. Was steht in der Genesis? "Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer." Da wird Isaak wohl geahnt haben, dass die Sache für ihn schlecht enden könnte - aber er geht einfach weiter. Gottergeben. Vaterergeben.

Was hätte Walter also machen sollen, als Sohn, mit seinem übermächtigen Vater? Widerstand leisten. Sich ermannen - um das schlimme Wort einmal zu benutzen. Irgendwie er selber werden. Geht schon. Es muss sowieso jeder Mensch, wenn er erwachsen wird, mit der tatsächlich niederschmetternden Erkenntnis zurechtkommen, dass die Welt im Ganzen erschreckend desinteressiert ist. Nur die Mächtigen, Reichen und Berühmten können sich dem eine Weile entziehen und darum immer ein bisschen wie Kinder bleiben.

Von Walter Kohl wird jetzt vor allem ein Bild im Gedächtnis bleiben: sein massiger Rücken vor der Tür des väterlichen Hauses, vergeblich auf Einlass wartend. Denn das tiefe Zerwürfnis zwischen Vater und Söhnen will die Witwe ja nicht heilen, sondern über den Tod hinaus verewigen.

Das wird man ihr übel nehmen. Sie hat damit ihr Verdienst verwirkt, das man ihr sonst hoch angerechnet hätte - sich in seinen letzten Jahren um den alten kranken Helden gekümmert zu haben.

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insgesamt 214 Beiträge
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Seite 1
Das Pferd 26.06.2017
1.
Kluger Artikel. Sachkundig, sozusagen.
stranzjoseffrauss 26.06.2017
2.
Zitat: typische Söhne eines berühmten Vaters: gefühlsduselig statt machtbesessen Ist das immer so, Herr Augstein?
gabriel6000 26.06.2017
3. Sehr persönlich
Aus irgendeinem komischen Grund kommt mir der Artikel sehr emotional und persönlich vor, insbesondere weil sich Aufstein zu solchen Unworten wie "Ermannung" hinreißen lässt. Ob das wohl an seinem Vater liegt? Die zynische Ummantelung kaschiert da jedenfalls wenig..
giftzwerg 26.06.2017
4. Dick oder nicht
In einem solchen Artikel über die familiäre Dramatik um einen Tod mehrfach hämisch spöttelnd über die Figur von Walter Kohl auszulassen, sagt sehr viel über Herrn Augstein aus.
maczip 26.06.2017
5. Unverschämt
Dieser Artikel ist -selbst wenn jedes Wort stimmte- eine Unverschämtheit, er ist anmaßend und ehrverletzend
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