Altkanzler Helmut Kohl ist tot

16 Jahre regierte er die Bundesrepublik - länger als jeder andere Bundeskanzler. Helmut Kohl wurde als "Kanzler der Einheit" verehrt, polarisierte aber auch. Er starb am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Oggersheim.

REUTERS

Altkanzler Helmut Kohl ist gestorben. Der langjährige CDU-Vorsitzende war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler, länger als jeder seiner Vorgänger. Der Wegbereiter der Europäischen Union wurde 87 Jahre alt.

Sein größter Erfolg ist die deutsche Wiedervereinigung; dafür wurde er als "Kanzler der Einheit" gefeiert. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, Russlands, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Fotostrecke

28  Bilder
Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

Von 1969 bis 1976 war der geborene Ludwigshafener Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, von 1973 bis 1998 CDU-Bundesvorsitzender. Anfang der Neunzigerjahre war Kohl Ziehvater von Angela Merkel in Bundesregierung und Partei. Wegen einer Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, forderte Merkel als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei zur Loslösung von Kohl auf, das Verhältnis der beiden blieb bis zuletzt belastet.

Angesichts der Euro-Schuldenkrise fürchtete der immer wieder als großer Europäer gefeierte Altkanzler um sein politisches Vermächtnis, sah sich dabei aber auch zu Kritik an der Außenpolitik von Kanzlerin Merkel veranlasst. Die Deutschen müssten wieder "für andere erkennbar deutlich machen, wo wir stehen und wo wir hin wollen", schrieb Kohl 2011 in einem Zeitungsbeitrag.

Ein Videonachruf:

Kohl wohnte in einem Bungalow im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim -sein Zuhause bis zum Schluss. 2001 nahm sich seine Frau Hannelore, die an einer schmerzhaften Lichtallergie litt, dort das Leben. Sieben Jahre später schloss Kohl seine zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren Regierungsdirektorin Maike Richter.

Seit langem plagten ihn gesundheitliche Probleme. Bei einem schweren Sturz im Jahr 2008 hatte er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Als Folge konnte der Altkanzler kaum noch sprechen - und absolvierte seine seltenen öffentlichen Auftritte im Rollstuhl.

Bei seinem ersten Auftritt vor der Unions-Bundestagsfraktion nach zehn Jahren im September 2012 sagte Kohl: "Ich bin zu Hause, wenn ich hierherkomme. Das ist meine innere Bindung." Und wenig später bedankte er sich bei einem Festakt zum 30. Jahrestag seiner ersten Kanzlerwahl auch bei jenen, die ihn provoziert und herausgefordert hätten. Er sagte: "Es war eine fantastische Zeit."

Zuletzt sorgte sein Streit mit seinem ehemaligen Biografen Heribert Schwan über die Veröffentlichung von dessen Buch 2014 für Schlagzeilen. Schwan zitiert darin aus Gesprächen mit Kohl, in denen dieser teils drastisch mit Weggefährten abrechnete. Das Kölner Landgericht gab zwar einer Klage Kohls weitgehend statt und verbot die weitere Verbreitung der Zitate - in der Welt waren sie trotzdem. Im April 2017 sprach das Gericht ihm eine Million Euro Schadenersatz zu.

"Wir trauern"

Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur und Trauzeuge des Altkanzlers sendete bei Twitter Dankesworte und Beileid.

Die CDU Deutschland teilte wenig später auf ihrem offiziellen Twitter-Account mit: "Wir trauern #RIP #HelmutKohl".

"Es ist ein wirklich großer Deutscher und vor allem ein großer Europäer gestorben", teilte Außenminister Sigmar Gabriel mit. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zeigte sich tief betroffen. "Die Nachricht vom Tod des früheren Bundeskanzlers und meines engen Freundes Helmut Kohl hat mich tief getroffen", erklärte er. EU-Ratspräsident Donald Tusk twitterte: "Ich werde mich stets an Helmut Kohl erinnern. Ein Freund und ein Staatsmann, der geholfen hat, Europa wiederzuvereinen."

Kanzlerin Merkel erreichte die Nachricht vom Tod ihres Vorgängers während einer Reise nach Rom. Ihr Sprecher Steffen Seibert twitterte: "In tiefer Trauer um einen großen Deutschen und einen großen Europäer".

Der frühere US-Präsident George H. W. Bush würdigte den gestorbenen Altkanzler als "wahren Freund der Freiheit". "Er ist der Mann, den ich als einen der größten politischen Führungsfiguren im Nachkriegseuropa ansehe", heißt es in einem Statement. Bush war einer der US-Präsidenten, die während Kohls Amtszeit im Weißen Haus waren. Beide Politiker gelten als Väter der Deutschen Einheit.

Es sei eine der "großen Freuden meines Lebens", gemeinsam mit Kohl an der friedvollen Beendigung des Kalten Krieges und an der deutschen Wiedervereinigung innerhalb der Nato gearbeitet zu haben, teilte Bush weiter mit. "Bei all unseren Anstrengungen war Helmut ein Fels - stark und beständig. (...) Möge Gott der Allmächtige Helmut Kohl segnen und die Freiheit, die er zu erhalten geholfen hat."

vks/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.