Dokumente des Altkanzlers Kampf um Kohls Nachlass

Was geschieht mit dem privaten Nachlass des verstorbenen Altkanzlers Kohl? Über den Verbleib dürfte seine Witwe Maike Kohl-Richter entscheiden. In der CDU hoffen viele auf eine gütliche Einigung.

Helmut Kohl und Maike Kohl-Richter (Aufnahme von 2010)
Getty Images

Helmut Kohl und Maike Kohl-Richter (Aufnahme von 2010)

Von


Helmut Kohl war schon zu Lebzeiten ein geschichtliches Monument: Kanzler der Einheit, ein Verfechter der europäischen Idee, aber auch ein knallharter Machtpolitiker, der schwarze Kassen anlegen ließ und seine CDU nach seiner Kanzlerschaft in eine ihrer tiefsten Krisen stürzte.

Nach seinem Tod im Alter von 87 Jahren wird die Frage noch drängender, was eigentlich mit dem privaten Nachlass des verstorbenen Kanzlers und langjährigen CDU-Vorsitzenden geschieht? Was mit Bildern, Aufzeichnungen, Briefen und Dokumenten, die für Wissenschaftler weitere, bislang unbekannte Seiten des Kanzlers eröffnen könnten?

Noch zu Kohls Lebzeiten hatte der Ehrenvorsitzende der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, der frühere thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel, erklärt, die Beschäftigung mit Kohl sei "keine alleinige Familienangelegenheit, und auch der Nachlass kann nicht nach Gutdünken weggesperrt werden".

Es ist eine schwierige Frage, weil sie die komplexe Familiengeschichte Kohls berührt. Mit seinen Söhnen Peter und Walter aus der ersten Ehe mit Hannelore Kohl hatte er seit Jahren keinen Kontakt mehr, nachdem er 2008 die 34 Jahre jüngere Maike Kohl-Richter heiratete. Die frühere Referentin im Kanzleramt, Jahrgang 1964, gilt seitdem als Nachlassverwalterin seines Erbes. Ohne ihre Zustimmung dürfte es schwierig werden, die Dokumente einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Bundesarchiv in Koblenz erhebt zumindest Anspruch auf die Unterlagen, die Kohl in seiner Funktion als Kanzler betreffen.

Fotostrecke

28  Bilder
Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

Zuletzt spielten dokumentierte Kohl-Äußerungen im April in einem Prozess vor dem Kölner Landgericht eine Rolle, bei dem es um 200 Tonbänder ging, die Kohl in den Jahren 2001/2002 im Zwiegespräch mit dem Journalisten Heribert Schwan aufgenommen und die der Journalist auszugsweise zusammen mit dem Autor Tilman Jens in dem Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" 2014 veröffentlicht hatte - ohne Billigung des Altkanzlers. Es mussten anschließend nicht nur zentrale Passagen geschwärzt werden, Kohl erhielt vom Landgericht auch eine Entschädigung zugesprochen - in Höhe von einer Million Euro, bislang die höchste Summe in der Geschichte von Persönlichkeitsverletzungen in Deutschland. Verlag und Autoren kündigten an, vor dem Oberlandesgericht in Köln in Berufung zu gehen.

Politiker trauern um Altkanzler Kohl: "Er war ein großer Europäer!"

REUTERS

In der Bundesregierung gibt es seit Längerem Überlegungen, wie mit dem Erbe Kohls angemessen umgegangen werden kann. Dafür gäbe es theoretisch ein Vorbild: Der Bund finanziert sechs Stiftungen, die die Erinnerung an große Politiker der deutschen Geschichte wachhalten und dokumentieren sollen. Zu diesen Stiftungen zählen:

  • die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh, die an den früheren Reichsgründer und Reichskanzler erinnert,
  • die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, die dem ersten und sozialdemokratischen Staatsoberhaupt der Weimarer Republik gewidmet ist,
  • die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart in Gedenken an den FDP-Politiker und an das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik,
  • die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf, die das Leben des CDU-Politikers und ersten Nachkriegskanzlers nachzeichnet,
  • die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die Ausstellungsräume Unter den Linden in Berlin und am Geburtsort des SPD-Politikers in Lübeck unterhält
  • und die seit Januar 2017 bestehende Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung in Hamburg.
SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2017

Die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters (CDU), schlägt jetzt vor, für Kohl ebenfalls eine solche Bundesstiftung zu gründen. "Wir werden sicherlich dazu in absehbarer Zeit Vorschläge unterbreiten", bekräftigte die Staatsministerin am Sonntag im Gespräch mit dem SPIEGEL. Kohl sei ein herausragender deutscher und europäischer Politiker gewesen. Da er sich für Berlin als Hauptstadt eingesetzt habe, sollte die Stiftung "meines Erachtens eine Adresse in Berlin haben", so Grütters.

Der Vorteil einer solchen Lösung: Finanziert werden die bislang sechs Politikerstiftungen zu 100 Prozent aus dem Kulturetat des Bundes (wobei Adenauer-, Brandt- und Schmidt-Stiftung seit 2016 jährlich jeweils knapp über zwei Millionen Euro erhalten, die anderen drei zwischen 800.000 und 1,2 Millionen Euro), sie werden von einem Vorstand geleitet und von einem Kuratorium begleitet. In Letzterem sitzen unter anderem enge Weggefährten und Familiennachfahren beziehungsweise -angehörige des Verstorbenen - so könnte auch Maike Kohl-Richter dort einen Platz einnehmen.

ANZEIGE
Alfred Weinzierl (Hrsg.), Klaus Wiegrefe (Hrsg.):
Acht Tage, die die Welt veränderten

Die Revolution in Deutschland 1989/90

Ein SPIEGEL-Buch

DVA; 368 Seiten; gebunden; 19,99 Euro.

Eine andere Möglichkeit wäre es, das Kohl-Archiv in die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (die nicht mit der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus zu verwechseln ist) einzubringen. Akten, die Kohl einst 1998 der Stiftung überließ, wurden allerdings 2010 wieder abgeholt - und offenbar nach Oggersheim gebracht.

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Abgeordneten-Gruppe im Europaparlament, Herbert Reul, hofft, wie viele in der CDU, auf eine gütliche Einigung. Es sei drei Tage nach dem Tode des Altkanzlers zwar nicht die Zeit, bereits über dessen Nachlass zu reden. "Später aber sollte man einen Weg finden, diesen Nachlass einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen", sagt der CDU-Politiker, "und zwar im Konsens aller Beteiligten."

Es klingt auch wie ein Appell an Kohls Witwe.

insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
waldgeist 18.06.2017
1. Na, wenn über diesen Nachlass auch die Namen der Spendenaffäre ans Licht kommen
dann hat es sich für den Steuerzahler gelohnt. Ansonsten kann das deutsche Volk wunderbar auf eine derartige Stiftung verzichten.
desertman 18.06.2017
2. Gütliche Einigung? So ein Unsinn.
Wenn die Ehefrau alles erbt, kann sie auch mit Helmut Kohl's Dokumenten machen, was sie will. Mit wem sollte sie sich dann in irgendeiner Weise einigen müssen? Man könnte sie höchstens freundlich fragen, ob sie irgendetwas freiwillig herausgeben will. Wenn sie dazu "Nein" sagt, ist das das Ende der Geschichte (und möglicherweise genau das, was Helmut Kohl wollte).
M. Vikings 18.06.2017
3. Operation Löschtaste
Das Erbe ist doch so gut wie nichts mehr Wert. Kurz nach seiner Wahlniederlage wurden im Kanzleramt zwei Drittel aller Daten getilgt. Die Aktion fand am 30. September und am 6. und 22. Oktober 1998 statt. http://www.zeit.de/2003/18/Kohlakten Wenn Kohl und seine Bande dazu fähig sind, kann man sich ausrechnen was bei der Witwe noch holen ist. Das ist wie ein Streit um eine Briefmarkensammlung, aus der die wertvollsten Marken schon vertickt sind. Kann die Witwe gern behalten.
Newspeak 19.06.2017
4. ...
Braucht es wirklich noch den Nachlass, um zu erfahren, was fuer ein Mensch Kohl war? Im Zweifel strickt sich doch sowieso jeder seine eigene Legende.
bis denne svenne 19.06.2017
5. Total loser, so sad.
Menschlich ein kompletter Versager. Innenpolitisch eine Null. Durch und durch korrupt. Gesetzüberschreitend. Gewissenlos. Machtgeil. Letztlich: ein zu Recht von der Justiz Verfolgter. Wenn auch ohne befriedigendes Ergebnis .... Schön die Deutsche Einheit – vorbereitet (und von der CDU/CSU Jahrzehntelang bekämpft und verleugnet) von Bahr, Genscher, Brandt, Schmidt uva. – abgegriffen. Und einfach nur Glück gehabt. Jeder andere Bundeskanzler hätte das genauso, wenn nicht besser hinbekommen … Einen Reformstau, miese Wirtschaftszahlen und extrem hohe Arbeitslosenzahlen hinterlassend. Eine innenpolitische Falle, in die Rot-Grün mit der Agenda 2010 – speziell aber die Schröder-SPD – mit den heute bekannten Folgen zwangsläufig tappen musste … Ein Falschspieler im Sinne der europäischen Idee, in Sachen Euro-Einführung und Stabilitätspakt … Und welcher „aufrichtige Europäer“ empfängt schon freiwillig Viktor Orbán – den Totengräber der EU? Nein, die Bilanz des „schwarzen Riesen“ liest sich mehr als bescheiden! Und das darf und muss gesagt werden! Ein mehr als armseliger Nachlass … Aber: Die Geschichte wird es wohl Maike-Kohl Richtern … Total loser, so sad.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.