Helmut Kohl Im Dienste Europas

Helmut Kohl war mehr als der Kanzler der deutschen Einheit. Vor allem hat er den europäischen Prozess angetrieben. Nicht aus Kalkül, sondern als Idealist. Vielleicht war das seine größte Leistung.

Felipe Gonzales mit Helmut Kohl bei EU-Gipfel 1989 in Madrid
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Felipe Gonzales mit Helmut Kohl bei EU-Gipfel 1989 in Madrid

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Alles steht jetzt überall: Helmut Kohl, die historische Figur, die deutsche Einheit, Europa. Aber wer sich wirklich erinnern will, der sollte sich im Netz den Eierwurf von Halle ansehen. Es ist nur eine kurze Aufnahme. Sie zeigt, wie Helmut Kohl am 10. Mai 1991 bei einer Demonstration mit Eiern und Tomaten beworfen wird. Er stürmt nach vorne, die große massige Gestalt verblüffend schnell in Bewegung setzend. Wäre da nicht ein Sperrgitter gewesen, keine Frage, er hätte sich ins Getümmel der Demonstranten gestürzt, sein Zorn war so groß.

Wir Heutigen leben in Zeiten weitgehender politischer Keimfreiheit. Aber diese Bilder erinnern an die untergegangene Ära des Wilden Wilden Westdeutschlands, als Helmut Kohl ein Riese war. Ein Bismarck der gemütlichen Gestalt, der zwar auch mit harter Hand regieren konnte, lieber aber mit Geld, Geduld und guter Laune. Vor allem mit Geld. Dass in der Politik mit Bimbes alles geht, das hatte er von Adenauer gelernt.

Kohl hat die deutsche Einheit in Mark bezahlt und die europäische Einigung in Euro. Und alles auf Kredit. Na klar! Anders kann man sich solche Anschaffungen gar nicht leisten. Darin lag sein spielerischer Größenwahn. Aber den braucht man nun einmal, wenn man die großen Dinge anfassen will.

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Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

Kohl war tatsächlich "überlebensgroß" - um das Wort zu benutzen, das der SPIEGEL im Spott auf Franz Josef Strauß, den großen Gegner, gemünzt hat. Und er war ein Geschlagener. Nach der Spendenaffäre hatte die CDU ihn vom Hof gejagt. Seine Frau hatte sich das Leben genommen. Mit den Söhnen war er zerworfen. 2008 war er schwer gestürzt, die letzten Jahre verbrachte er im Rollstuhl. Die neue Frau herrschte über den Kranken als Türhüterin. Walter Kohl sagte, er habe vom Tod seines Vaters aus dem Radio erfahren. All das gönnt man dem alten Kanzler nicht.

Noch bevor er historisch wurde, war Helmut Kohl eine Provokation. Die Intellektuellen glucksten vor Vergnügen und Verachtung, als der massige Pfälzer im Oktober 1982 zum Kanzler wurde. Sie bewiesen damals viel journalistischen Humor - und wenig politisches Gespür. Zum Beispiel Hellmuth Karasek, der sich im SPIEGEL vorstellte, was der Neu-Kanzler aus Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh" gemacht hätte: "Wenn wir uns nun auf dem Felde der Meteorologie in die höheren Berglagen begeben, so ist dort ein vollkommenes Nichtstun, wie ich offen sagen darf, zur Anwendung gelangt."

Im Video: Walter Kohl über seinen Vater

Man würde das heute so nicht mehr machen. Seit Kohl wissen wir, dass Intelligenz nichts mit Intellektualismus zu tun hat und der Erfolg in der Politik nichts mit der glänzenden Rede. Und dass Kohl ein erfolgreicher Kanzler war - das können ihm nicht mal die Linken bestreiten. Allerdings ließ Oskar Lafontaine es sich in seiner Facebook-Bemerkung zu Kohls Tod nicht nehmen, unter den besonderen Verdiensten des Verstorbenen auch die Schienenschnellverbindung Saarbrücken-Paris zu nennen.

Kohl war wirklich ein Kanzler der Einheit - mehr der europäischen als der deutschen. Die ist ihm eher unterlaufen. Der britische Historiker David Pryce-Jones hat schon vor Jahren geschrieben: "Bis weit in das Jahr 1990 hinein war den westdeutschen Außenpolitikern nicht klar, dass sich ein historischer Moment anbahnte. Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass sie alle schlafwandelnd in die Wiedervereinigung hineintaumelten."

Erinnerungen an Helmut Kohl im Video:

Der Kanzler hat damals dem Rad der Geschichte nicht in die Speichen gegriffen. In der machtvollen Mechanik der deutschen Einheit ging dann die Würde einer ganzen Generation von Ostdeutschen zu Bruch. Kohls Verantwortung? Es ist auch im Nachhinein schwer vorstellbar, wie die Eine-Nation-zwei-Staaten-Lehre, der Oskar Lafontaine aus wirtschaftlicher Vernunft und die ostdeutschen Bürgerrechtler aus Selbstachtung anhingen, in der Wirklichkeit der offenen Grenzen hätte aussehen können.

Kohl selbst sah seine eigene Rolle und auch die der Ostdeutschen später sehr nüchtern. Im umstrittenen - aber darum nicht weniger wertvollen - Buch von Heribert Schwan erinnerte sich der Altkanzler an die Leipziger Montagsdemonstrationen: "Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert." Die Vorstellung, es seien vor allem die Revolutionäre im Osten gewesen, die den Zusammenbruch des Regimes erkämpft hätten, sei dem "Volkshochschulhirn von Thierse" entsprungen.

Helmut Kohl am 10.5.1991 in Halle
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Helmut Kohl am 10.5.1991 in Halle

Kohls eigentliches Verdienst ist die europäische Einigung, für die der Euro steht - der größte Fortschritt auf dem Kontinent seit dem Krieg.

Trotz aller Krisen. Der Historiker Hans-Peter Schwarz sah Kohl als "Verführten" und den Franzosen Mitterrand und dessen "nationalegoistische Kollegen aus den Weichwährungsländern" als finstere Euro-Gesellen, die mit geradezu welscher Schläue den deutschen Michel übervorteilt hätten:

"Sie haben den im innersten Kern idealistischen Europäer Helmut Kohl zum langfristigen Schaden aller Beteiligten dazu überredet, ausgerechnet das Geldwesen der Völker Europas zum Gegenstand eines verfrühten Großexperiments zu machen, das sich auf lange Sicht eigentlich nur als sehr riskant herausstellen konnte." Das ist die Sicht der Kleingeister.

Die gemeinsame Währung war ein Werk des Friedens, wie es in der Geschichte wenige gibt. Schon gar nicht in der europäischen. Dafür brauchte es einen Europa-Idealisten wie Kohl. Seiner Nachnachfolgerin Angela Merkel geht solcher Idealismus ab.

Es gibt in der Politik eine Kraft, die erstaunliche Dinge vermag. Sie macht das Ganze größer als die Summe der Teile, ihre Rechnung folgt dann nicht mehr buchhalterischen Regeln, sie schaltet die Gesetze der politischen Schwerkraft lange genug aus, dass beim Aufstieg zum Gipfel eine Menge Höhenmeter auf einmal zu überwinden sind. Diese Kraft heißt Vertrauen. Vertrauen schafft Hoffnung und Hoffnung gibt Stärke. Kohl hatte dieses Vertrauen. Merkel hat es nicht.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Neapolitaner 17.06.2017
1. Wiedervereinigung war Gorbatschow eher klar als Kohl
und die Rede Willy Brandts am 10. November hatte zum Inhalt, sofort die deutsche Frage auf Platz aller Fragen zu stellen und diese mit den USA und der UdSSR zu entscheiden. Da hatte Kohl noch die ganz lange Leitung, bis er dann mit der "Wirtschafts-und Währungsunion" einen Klotz in die Welt setzte, den er selbst nicht verstand. Wenn Kohl "Kanzler der Einheit" war, dann war es Brandt noch viel mehr.
think-twice! 17.06.2017
2. 18 Jahre Kohl
habe ich als Bürger von Deutschland sehr bewusst und politisch interessiert miterlebt. Posthum sehe ich Kohl als überzeugten Europäer, und hier liegen zweifelsohne seine Verdienste. Das war es auch schon auf der Habenseite. Mit seinem Namen verbinde ich Aussitzen, Reformstau, ökonomische Inkompetenz, Zero Zukunftsvisionen, Arroganz und Aggressivität, Stillstand in Deutschland, Arbeitslosigkeit. Und er hat Angela Merkel als Ministerin ins Kabinett geholt und damit ihre Karriere begründet, auch wenn er das recht bald bereute. Dieser faux pas dürfte sein grösster Fehler gewesen sein, denn mit AM als BK wurde in Deutschland der Sinkflug eingeleitet, die sedierten Deurschen haben es nur noch nicht realisiert.
spontanistin 17.06.2017
3. "Kohl hatte dieses Vertrauen."
Gewagte These. Woher weiß der Autor das? Es dürfte eher so wie bei allen Utopisten und (kulturvergessenen Europa-)Idealisten gewesen sein, dass sie fest davon überzeugt sind, dass ihre Ziele, Ideale, Utopien die einzig richtigen sind und daher mit allen Mitteln umgesetzt werden müssen. Daher sind Utopisten an der Macht so gefährlich.
Liberalitärer 17.06.2017
4. Kaputte DM
Herr Dr. Kohl befürchtete damals, dass die D-Mark nach der Vereinigung einbrechen würde - halt irgendwo auf das Niveau zwischen DM und Mark der DDR und verbunden mit stark steigenden Zinsen. Das wäre im Westen keine gute Story gewesen. Deswegen kam ihm der Euro ganz gelegen. Noch heute wird in anderen europäischen Ländern gesagt, dass diese die deutsche Einheit finanziert hätten und das ist nicht völlig falsch. Trotz des kaputten Familienlebens muss man aber in der Tat sagen, dass der Mann eine enorme Willensstärke besaß, auch in schweren Zeiten. Das nötigt Respekt ab. Europäisch hat er gar nicht so große Akzente gesetzt, selbst Frau Thatcher hat mir der EEA mehr getan. Das bilaterale Verhältnis mit Frankreich war ihm allerdings wichtig - da orientierte er sich Adenauer. Bei der Wiedervereinigung ist es schwierig. Auch hier ist war Mauer eben Teil des einsernen Vorhangs, der den Kontinent von Nordnorwegen bis zur Adria durchschnitt. Vermasselt hat er es nicht, aber er stand kurz davor wegen der vormaligen deutschen Ostgebiete.
IMOTEP 17.06.2017
5. Tochter
Über Tote nichts schlechtes. Aber lieber Jakob Augstein muss es dann gleich der größte Europäer der Welt sein? Wäre hier in der Kolumne ein wenig Sachlichkeit mehr gewesen? Und was seine "Tochter" aus dem Osten Merkel angeht, wo nachdem was sie mit Kohl erlebt hat soll sie Idealismus, Vertrauen und Hoffnung hernehmen? Sie bittet um Audienz beim Papst, der soll ihr Mut zusprechen, da sie es unter anderem mit Säbeltanzenden Präsidenten zu tun hat. Soweit sind wir schon, aber keine Angst, wir schaffen das. m.f.G.
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