Festakt für Altkanzler Kohl "Es war eine phantastische Zeit"

Spendenaffäre? Zerwürfnisse? War da was? Die CDU versucht die Aussöhnung mit Helmut Kohl. Mit einem großen Festakt zum 30. Jahrestag seines Amtsantritts als Regierungschef huldigt die Partei ihrem einstigen Übervater. Der Altkanzler ist gerührt - ein ungutes Gefühl bleibt.

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Berlin - Er ist immer noch stattlich, überragt im Sitzen die meisten. Und doch wirkt Helmut Kohl, dieser einst mächtige Koloss, gebrechlich. In seinem Rollstuhl sitzt er im Scheinwerferlicht, fast bewegungslos, die Stimme ist brüchig, manchmal ist er kaum zu verstehen. "Ich bin 82 Jahre alt, ich weiß nicht, was der liebe Gott mit mir vorhat", sagt der Altbundeskanzler. "Ich weiß nur eins: Ich will weitermachen..." Seine Worte verschwimmen. Er spricht vom "großen Ziel", vom "friedlichen Europa". Ein Blick ins Publikum. Mancher ist bewegt. Mancher aber auch betroffen. Muss das sein? Die Frage spricht aus einigen Gesichtern.

Es ist der Höhepunkt der Berliner Helmut-Kohl-Woche. Mit einem Festakt im Deutschen Historischen Museum würdigt die Konrad-Adenauer-Stiftung am Donnerstagabend den "Kanzler der Einheit" und "Ehrenbürger Europas", der am 1. Oktober vor 30 Jahren zum ersten Mal zum Regierungschef gewählt wurde. Schon am Dienstag hatte Kohl erstmals seit zehn Jahren eine Sitzung der Unionsfraktion im Bundestag besucht.

Die Termine müssen anstrengend sein für den kranken Greis. Im Kopf ist er wohl völlig klar, aber sein früher so starker Körper ist schwach geworden, seit er im Jahr 2008 nach einer Knie-Operation schwer gestürzt war. Vor den Parlamentariern am Dienstag hat er hinter verschlossenen Türen etwa zehn Minuten gesprochen, sich gefreut, dass er wieder "zu Hause" sei. An diesem Abend, live im Fernsehen übertragen, fasst er sich kürzer. Er bedankt sich bei den Gästen - und bei denen, die ihn in seiner Karriere "provoziert und herausgefordert" hätten. "Es war eine phantastische Zeit." Er ist gerührt. Die Menschen erheben sich, klatschen lange. Rund 700 sind gekommen, um ihn zu sehen.

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Das erklärt wohl auch, warum diese Auftritte eben doch notwendig sind - zumindest für Kohl und für die CDU. Es ist ein symbolischer Akt der Aussöhnung, den beide Seiten hier versuchen. Der Altkanzler bekommt seinen Platz in der Unionsfamilie und in der Geschichte wieder. Nebenbei können er und seine 34 Jahre jüngere Frau Maike Kohl-Richter zeigen, dass sie sich eben nicht im Oggersheimer Bungalow von der Außenwelt abschotten, so wie es ihnen zuletzt so oft vorgeworfen wurde.

"Verbeugung vor dem Lebenswerk"

Die CDU bekommt derweil ihre lebende Legende wieder. Von der Leinwand grüßen und ehren Kohl alte, internationale Weggefährten: Ex-US-Präsident George Bush senior, Großbritanniens früherer Premierminister John Major oder der amtierende Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker. "Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht", sagt Juncker. Roman Prodi, Ex-EU-Kommissionspräsident ist persönlich gekommen, als Vertretung für einen seiner Vorgänger, Jacques Delors, der erkrankt ist. Prodi sagt, Kohl habe Träume in Realität umgesetzt. Er meint die deutsche Vereinigung und "die Unumkehrbarkeit des europäischen Projekts".

Die eigentliche Laudatio hält Angela Merkel, eine "Verbeugung vor dem Lebenswerk" Kohls nennt die Kanzlerin den Festakt. Als sich die Chance zur Einheit geboten habe, habe Deutschland "auf einen Kanzler des Vertrauens" bauen können, sagt die CDU-Chefin. Der Gepriesene lächelt hin und wieder, von Zeit zu Zeit tätschelt ihm seine Frau die Hand. Merkel lobt sein "leidenschaftliches Engagement" für Europa, seine Verdienste für die Währungsunion. Die Europäer hätten "ein gutes Stück ihres Glücks" Kohl zu verdanken.

Die Kanzlerin, die ihren CDU-Vorgänger im Amt da so lobt, war einst "Kohls Mädchen" - später dann aber diejenige, die in der Spendenaffäre den Bruch der CDU mit dem vermeintlichen Übervater der Partei vorantrieb. Dass Kohl ihr das menschlich verziehen hat, ist kaum vorstellbar. Und wenn Merkel ihn heute mit "lieber Helmut Kohl" oder "Bundeskanzler" anspricht, dann klingt das seltsam distanziert.

Und doch kann sich Merkel nun in eine historische Linie mit Kohl stellen. Sie muss sein Europa zusammenhalten, ein Europa, über das Kohl noch im vergangenen Jahr gesagt haben soll, dass Merkel es kaputt mache. Was er damals nicht sagte: Sie muss heute auch die Versäumnisse ausbügeln, die einst bei der Konstruktion der Währungsunion gemacht wurden. Es waren auch seine Versäumnisse.

Der CDU-Chefin wird gern vorgeworfen, sie habe keine Vision für Europa, sie könne nicht erklären, wozu all die milliardenschweren Rettungsschirme gut sein sollen. Da kommt es ihr gelegen, wenn Kohl nun noch einmal seine einfache Botschaft vom Frieden, der sich nur in der Einheit Europas bewahren lasse, unters Volk bringt - und sie als die Testamentsvollstreckerin des Alten auftreten kann. "Europa darf nie wieder im Krieg versinken", mahnt Kohl. Merkel sagt: "Europa ist unser Schicksal und unsere Zukunft."

Spendenaffäre ist kein Thema

Bei all der Ehre bleibt ein ungutes Gefühl. Nicht nur wegen des angeschlagenen Gesundheitszustands des Gewürdigten. Sondern auch, weil die Geschichte milde verklärt wird. Die Spendenaffäre, der Streit mit der Partei, der niedergelegte Ehrenvorsitz, das ausgeprägte Freund-Feind-Schema, das Kohl früher pflegte und das viel Verbitterung hinterließ, all das verschwindet in dieser Feierstunde. Wenn auch nicht ganz. Denn symbolhaft dafür, dass mit ein paar schönen Worten und Festen eben doch nicht alles gekittet werden kann, steht in diesen Tagen das bleibende Zerwürfnis mit Wolfgang Schäuble. Der Finanzminister sitzt am Donnerstagabend zwar in der ersten Reihe. Dass Kohl ihm direkt begegnet wäre, davon ist allerdings nichts bekannt. Zwölf Plätze und der Mittelgang trennen die beiden.

Die früheren Vertrauten, die zu Rivalen wurden, haben sich schon in den vergangenen Tagen gemieden. Während die Unionsabgeordneten am Dienstag den Altkanzler feierten, konferierte Schäuble in Finnland mit seinen EU-Amtskollegen. Zum Geburtstagsempfang für den Finanzminister tags darauf war Kohl zwar eingeladen - doch er sagte ab.

Immerhin, als zur Begrüßung Schäubles kräftiger Beifall aufbrandet, soll auch Kohl geklatscht haben, wird berichtet. Und auch Schäuble applaudiert für den Altkanzler. Die Vorstellung der Sonderbriefmarke mit dem Konterfei Kohls, normalerweise der Job des Finanzministers, die überlässt er aber Merkel. Die Marke, so Merkel, zeige die Persönlichkeit Kohls "auf kleinstem Format". Der Wert: 55 Cent. Für einen normalen Brief wird das aber wohl nur bis Ende des Jahres reichen. Dann wird die Post voraussichtlich das Porto um drei Cent erhöhen - Kohl braucht dann eine Zusatzmarke.

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