Pressestimmen zum Tod von Helmut Kohl "Herzhaft und rauflustig; ein Bauchmensch"

Die internationale Presse würdigt Helmut Kohl vor allem als großen Staatsmann - und bezeichnet ihn unter anderem als "Eisernen Kanzler", "Bonvivant" und "netten Strickjackenträger aus Germany".

Helmut Kohl (Archivbild 1997)
DPA

Helmut Kohl (Archivbild 1997)


"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Kohl verkörperte für das Ausland nicht mehr den hässlichen, sondern den verlässlichen Deutschen. Ihm glaubte man, dass Deutschland seine Lektionen aus zwei Weltkriegen gelernt hat. Ihm nahm man ab, dass sein Bekenntnis zu einem vereinten Europa tiefster innerer Überzeugung entsprang."

(…...) Treue und Loyalität waren ihm überaus wichtig. Doch wenn er von der Notwendigkeit und Richtigkeit einer Sache überzeugt war, ließ er sich von nichts und niemandem beirren. Das galt für den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz wie für den Oppositionsführer im Bundestag, für den Kanzler des Nato-Doppelbeschlusses wie für den Ruheständler, dem sein Ehrenwort über das Gesetz ging.

(…...) Wer aber hat den Friedensnobelpreis verdient, wenn nicht er?"

"Süddeutsche Zeitung": "Dass unter Kohls Regierung aus BRD und DDR das Deutschland entstand, in dem wir heute leben, war sein größtes Verdienst. Er ist, vorangetrieben vom Freiheitswillen der Menschen in Mittelosteuropa, zum Kanzler der Einheit geworden.

(...…) Gerade Kohls engere Heimat, die Pfalz, gehörte wie Flandern oder das Artois zu den immer wieder vom Krieg verwüsteten Regionen. (...) Als Kanzler jedenfalls hat Helmut Kohl erheblich zur Verwirklichung des Traums vom grenzenlosen, friedlichen Europa beigetragen.

(…...) Am Schluss seiner Kanzlerschaft scheiterte Kohl mehr an seiner eigenen wurstigen Hybris, die er in den dann doch zu langen Jahren der Macht entwickelt hatte."

"Bild": "Kohl war es, der die europäische Einigung und Integration so vorangetrieben hat, dass Krieg auf diesem Kontinent unmöglich geworden ist. In Zeiten von Brexit und Populismus könnte es kein mächtigeres Zeichen geben als das Leben von Helmut Kohl."

(...) Danke, Helmut Kohl!"

Fotostrecke

28  Bilder
Helmut Kohl: Der ewige Kanzler

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen): "(...…) Es war die Leistung dieses Kanzlers, blitzschnell gegen den Widerstand der Nachbarn im Osten und im Westen und gegen die Skeptiker in der SPD einen klugen Fahrplan aufgestellt zu haben, an dessen Ende die Einheit stand.

(…...) Geholfen hat Kohl dabei, dass er Politik in Bonn nicht wesentlich anders betrieben hat als in jungen Jahren im Ludwigshafener Stadtrat: herzhaft und rauflustig; ein Bauchmensch, der andere für sich einzunehmen vermochte und dabei ein meisterhafter Psychologe war."

"The Guardian" (Großbritannien): "Oberflächlich betrachtet und abgesehen vom Körperumfang hält Kohl Vergleichen mit Otto von Bismarck stand. Der Aristokrat, der 1871 eine ausufernde Zahl von Kleinstaaten vereinigte und Deutschland zur wichtigsten Macht in Kontinentaleuropa formte, war ein preußischer Protestant mit überragendem Intellekt und großen Fähigkeiten, der Europa wie seinen persönlichen Baukasten behandelte. Kohl war ein katholischer Rheinländer, dem die Einigung Europas ebenso am Herzen lag wie die Wiedervereinigung Deutschlands.

(...…) Kohl mag sich von Bismarck so sehr unterschieden haben wie Bonn von Berlin. Aber er war ebenso sehr ein Eiserner Kanzler, eisern hinsichtlich seiner Ausdauer, unerschütterlich in seinem Selbstvertrauen."

"L'Alsace" (Frankreich): "Wie seine Vorgänger förderte der Kanzler die deutsch-französische Freundschaft. Das Bild mit dem (damaligen Präsidenten François) Mitterrand und Kohl, Hand in Hand vor dem Beinhaus in Donaumont 1984, ging in die Geschichtsbücher ein.

(…...) Vielleicht war es einfacher, sich mit (Mitterrands Nachfolger Jacques) Chirac zu verstehen - beide waren Konservative und Bonvivants. Und sie waren Europäer, die die (Euro-) Gemeinschaftswährung wollten. Helmut Kohl hat - geschwächt durch die Affäre der schwarzen Kassen - sicherlich seinen Abschied verpatzt."

"De Standaard" (Belgien): "Der ehemalige deutsche Kanzler wird vor allem als der Mann in die Geschichte eingehen, der West- und Ostdeutschland auf friedliche Art und Weise vereinigte und somit das schändliche Erbe des Zweiten Weltkriegs auslöschte. Heute könnte es scheinen, dass die Wiedervereinigung selbstverständlich war, sozusagen ein Kinderspiel. Aber nichts ist weniger wahr: Der Fall der Mauer im November 1989 war nicht allein der Anfang vom Ende der DDR, sondern auch des großen Sowjetreichs."

"Neuen Zürcher Zeitung" (Schweiz): "Die wahre Größe von Staatsmännern zeigt sich, wenn sie im richtigen Augenblick das Richtige tun. Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, wusste Kohl intuitiv, was die Stunde geschlagen hatte. Er sah die Chance und ergriff sie. Er, dem immer nachgesagt worden war, Probleme auszusitzen, ging hohe Risiken ein."

"Tages-Anzeiger" (Schweiz): "Gewiss, es war auch ein historischer Zufall, der Kohl zum gefeierten Vater der deutschen Einheit machte. Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte er dazu vielleicht nie die Chance gekriegt. Doch es stimmt auch, dass der Kanzler in den entscheidenden Monaten 1989/90 sehr viel richtig gemacht hat. Die Skepsis gegen die deutsche Wiedervereinigung war anfänglich groß. Nicht nur in Moskau, auch in Paris und London. An eine Eingliederung eines neuen Deutschland in die Nato wagte man gar nicht zu denken - zu strikt waren die Sowjets dagegen. Doch Kohl gelang das Unmögliche.

(...) Im Ausland wurde er meist mehr geschätzt als daheim. Warum? Wohl deshalb, weil der nette Strickjackenträger aus Germany bei sich zu Hause ein System eingerichtet hatte, das viele als muffig empfanden, als patriarchalisch. Das System Kohl eben."

"La Repubblica" (Italien): "Vielleicht war Helmut Kohl der glücklichste Kanzler Deutschlands. Der, der die schmerzhafteste Wunde geschlossen hat, die, die nach dem Krieg Millionen von Familien zweigeteilt und zerstört hat und halb Berlin in eine Gefangenen-Enklave in Ostdeutschland verwandelt hatte."

cst/dpa



insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
querdenker1964 17.06.2017
1. Verglichen mit Merkel.....
eindeutig ein paar Nummern größer!
olaf.schimpulsky 17.06.2017
2. Würdigung
Seine größte Leistung: Die Wiedervereinigung Sein größter Fehler: Angela Merkel. Es zeigt die ganze Verlogenheit mancher Personen, wenn ausgerechnet die, die ihn wegen ein paar lumpiger DM abgesetzt, ihn zur Unperson erklärt und die CDU zu einem Geleehaufen umgeformt hat, jetzt Trauer heuchelt. Ein weinender Jürgen Trittin wäre ein ehrlicheres Bild.
flipbauer 17.06.2017
3. Kohl tot
Na, so langsam wird die Hölle aber voll.
abraham lincoln 17.06.2017
4. Gute Reise, Helmut
Eine Himmelfahrt dürfte das nicht werden.
Michael123Michael 17.06.2017
5. Ghostwriter
Bigott, wie schon so oft. Rein aus der Seele hat Frau Merkel sicherlich nicht gesprochen. Die Ansage, die sie zu H. Kohl offiziell teilte, war zuvor von ihren Redeschreiber verfaßt worden. Schlimm, nicht einmal hier, ist sie in der Lage, frei zu Sprechen und ihr Beileid menschlich und ehrlich auszudrücken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.