Helmut Kohl Trotzdem faszinierend

Helmut Kohl war ein Mann der Widersprüche - und im Umgang mit Journalisten nicht unkompliziert. Politik-Ressortleiter Roland Nelles erinnert sich an Begegnungen und Erlebnisse mit dem ewigen Kanzler in Bonn und Berlin.

Helmut Kohl
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Helmut Kohl


Helmut Kohl ist tot, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht so: Ich habe ein Mal als junger Journalist mit Kohl telefoniert. Es war die Hochzeit der CDU-Spendenaffäre Ende der Neunzigerjahre, ich hatte eine Recherchefrage zu den Treffen Kohls mit anderen Protagonisten des Skandals und rief in seinem Abgeordnetenbüro an. Statt eines Referenten ging Kohl sofort selbst ans Telefon. "Koooohl", dröhnte es aus dem Hörer.

Ich kann mich nicht mehr an die Details des Telefonats erinnern, ich weiß aber noch sicher, dass Kohl mich unentwegt duzte. Das war irgendwie kurios, weil wir uns gar nicht kannten, aber offenbar auch keine Seltenheit, wie ich später erfuhr. Kohl duzte dauernd und ungefragt. In seiner Zeit als Kanzler hatte er einmal Franz Müntefering von der SPD geduzt: "Eh, du." Müntefering antwortete nur trocken: "Ja, was willst du?"

Kohl war für mich ein Faszinosum. Er war so vieles in einer Person: Patriarch, Machtmensch, ein begnadeter Strippenzieher. Er konnte herrisch sein, stockkonservativ, provinziell, aber er war eben auch oftmals erstaunlich liberal, weltoffen und humorvoll. Sein Einsatz für die Europäische Einheit hat mich beeindruckt, genauso die Entschlossenheit, mit der er die Deutsche Einheit vorantrieb - gegen jede Bedenkenträgerei von links und rechts. Extremismus jeder Couleur war ihm verhasst, er konnte sich über rechtsradikale Pöbler genauso empören wie über linke Ideologen. Der Krieg, in dem sein Bruder gestorben war, hatte ihn tief geprägt: "Nie wieder", das war ein Leitmotiv seines gesamten politischen Handelns. Das zeichnete ihn aus. Und das bleibt.

"Bernhard. Mach de Aff!"

Den meisten Journalisten begegnete Kohl mit einer Mischung aus Herablassung, Patzigkeit und Misstrauen. Kohl pflegte seinen politischen Klüngelkreis, er hatte seine Kumpels und Vertrauten, auch unter Journalisten. Wer dazu gehören wollte, der musste unbedingte Loyalität zeigen. Für ihn gab es nur Freunde oder Feinde. Nichts dazwischen. Freunde waren: "Bild", ZDF, Sat.1. Feinde waren: SPIEGEL, "Stern", ARD.

Am liebsten versammelte Kohl Getreue zu ausgiebigen Wein- und Fressrunden. Als er noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz war, ließ er dafür in der Mainzer Staatskanzlei extra eine Weinstube einbauen. Ich habe mir den Raum einmal angeschaut, eine dunkle Höhle, holzvertäfelt, grässlich, ein Relikt längst vergangener Zeiten. Zu später Stunde machte sich Helmut Kohl nach einigen Schoppen Wein hier gern einen Spaß und ließ seinen Parteifreund Bernhard Vogel auf den Tisch steigen: "Bernhard. Mach de Aff!"

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Als Redner war Kohl eine Katastrophe. Er hatte wenig Inspirierendes, das ständige Augenblinzeln und leichte Nuscheln machten seine Auftritte für mich als Zuhörer oftmals zu einer Qual. Vor allem dann, wenn er vom Blatt ablas. Oft war da kaum noch Inhalt, nur noch schwülstiger Pathos. Ganz anders war es hingegen, wenn Kohl zu seinen alljährlichen Auftritten in die Bundespressekonferenz kam: Vor der versammelten Hauptstadtpresse (damals noch in Bonn) lief er zu Hochform auf, parierte selbst unangenehme Fragen schlagfertig, und zuweilen machte er sich über besonders eitle Journalistenkollegen lustig: "Ich hoffe, Ihre Frage ist nicht wieder länger als meine Antwort."

Auf politisches Normalmaß geschrumpft

16 Jahre lang hat Kohl das Land regiert, im Rückblick muss man sagen: Es waren 16 gute Jahre, zumindest für die meisten Deutschen. Es waren aber auch 16 teure Jahre, zumindest für die nachfolgenden Generationen. Denn wichtige Reformen etwa des Rentensystems oder des Arbeitsmarkts ließ Kohl liegen. Er wusste schon: Zu viel Veränderung gibt nur Ärger mit den Wählern. Löcher in den Kassen wurden mit neuen Schulden gestopft. Geld oder "Bimbes", wie Kohl das nannte, war für ihn stets ein Mittel zum wichtigsten Zweck: dem Erhalt seiner Macht.

Als nach Kohls Abwahl die CDU-Spendenaffäre losbrach, wurde deutlich: Kohl hatte Geld über Jahrzehnte auch gezielt dafür eingesetzt, um hinter den Kulissen seiner Partei die Dinge zu steuern und zu beeinflussen. Im System Kohl gab es verborgene Konten, anonyme Spender - und wenn irgendwo ein wichtiger CDU-Verband oder Funktionär knapp bei Kasse war, gab es unter der Hand ein bisschen Geld vom Chef. Auch so erkaufte sich Kohl Loyalität.

Ich habe Helmut Kohl damals im Spendenausschuss oft beobachtet. Da saß er, der politische Gigant, geschrumpft auf politisches Normalmaß. Zu seinen Auftritten brachte er eine Aktentasche mit, sie war nagelneu und praktisch leer. Aber er trug seine Tasche selbst, vermutlich zum ersten Mal nach Jahrzehnten. Er war nervös, wippte mit den Füßen, blickte aufgeregt um sich wie ein Kind, das sich im Wald verlaufen hat. Er tat mir fast leid.

Am Ende geht es mir wahrscheinlich wie vielen: Mit Kohl stirbt auch ein Teil der eigenen Biografie. Er war immer da, solange ich denken konnte. Nun ist er nicht mehr da. Und, ja, das ist traurig.



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