Eine Begegnung mit dem Kanzler So war Helmut Kohl wirklich

Er war die Verkörperung der Macht, 16 Jahre lang. Für die meisten Menschen war Helmut Kohl der unnahbare Politiker, der aus dem Fernsehen. Und der Mensch Helmut Kohl, wie war der? Weggefährten berichten.


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Helmut Kohl

Wir haben Helmut Kohl mit Strickjacke im Kaukasus bei Michael Gorbatschow gesehen, beim Saumagenessen mit Bill Clinton und in Gesellschaft von Rehkitzen mit seiner Frau Hannelore am Wolfgangsee. Bilder, die den Anschein von Privatheit vermittelten - doch alle für die Öffentlichkeit gestellt waren. Wie war er wirklich im persönlichen Umgang?

SPIEGEL ONLINE hat Biografien gewälzt, Interviews und Artikel gelesen und dabei Beschreibungen von ganz vertrauten Momenten gefunden. Klicken Sie sich durch die Auswahl.

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Angela Merkel über ein Treffen mit dem damaligen Kanzler Kohl, kurz bevor er sie 1991 zur Ministerin für Frauen und Jugend ernannte

"Ich weiß noch, dass ich nach Bonn gefahren bin, in seinem Vorzimmer bei Juliane Weber gewartet habe, bis ich empfangen wurde, und dass er mir dann die bemerkenswerte Frage gestellt hat, wie ich mich mit Frauen verstehen würde. Gut, was sonst? Wir haben noch ein bisschen über den Wahlkampf geplaudert, und Helmut Kohl war offenbar zufrieden mit dem Gespräch. Das war's. Die Frage nach dem Umgang mit Frauen war mir damals schon merkwürdig vorgekommen. Heute kann ich sie verstehen."

"Mein Weg" S. 85, (Hoffmann und Campe, 2004)

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Der Kanzler-Fotograf Konrad Rufus Müller auf die Frage nach einer besonders einprägsamen Eigenschaft Kohls

"Zum Beispiel, dass ich nie jemanden kennengelernt habe, der so viel essen konnte wie er. Als ich ihn einmal in St. Gilgen am Wolfgangsee fotografiert habe, waren wir zusammen wandern und gingen in eine Waldwirtschaft. In wenigen Minuten hatte Helmut Kohl seinen Teller leer gegessen, während bei mir noch mehr als die Hälfte auf dem Teller lag. Da hat er sofort gesagt: 'Na, Maître, essen Sie noch weiter?' Das war das Zeichen, dass ich ihm meinen Rest rüberschieben sollte.

Allerdings hat er bei solchen Gelegenheiten immer selbst bar gezahlt, aus seinem eigenen Portemonnaie. Und er hatte bei all seinem feinen Gespür für den richtigen historischen Moment und seinem ungeheuren Geschichtswissen immer den Drang, andere zu belehren. Als ich 1994 mit Helmut Kohl im Élysée-Palast in Paris war, habe ich erlebt, wie er neben dem damaligen Premierminister Edouard Balladur stand und diesem in einem der riesigen Säle die Deckengemälde erklärte. Das war der einzigartige Herr Kohl."

"Cicero", 01.10.2012

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Der frühere Fußball-Bundestrainer Berti Vogts über einen tröstenden Anruf vom Bundeskanzler

Ich werde nie den Tag vergessen, als Herr Kohl mich nach dem WM-Aus 1994 in meinem Urlaubsort Marco Island angerufen hat. Er allein hat mich überredet, als DFB-Bundestrainer weiterzumachen. Ich und die Nationalelf haben es ihm mit dem EM-Titel 1996 gedankt.

Diesen Erfolg habe ich persönlich Herrn Kohl gewidmet. Er kam nach dem Erfolg in die Kabine in Wembley. Der Altkanzler war nicht nur im Erfolg da, er stand stets zur Nationalelf. Er war für mich ganz speziell, aber auch für die Spieler, ein älterer Freund. Ich bin froh, dass ich ihn kennengelernt habe. Herr Kohl hat so viel Tolles für Deutschland und die CDU geleistet, dass er viel mehr Respekt verdient. Ich habe viel von ihm gelernt."

"Bild am Sonntag", 03.04.2005

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Der frühere Außenminister Joschka Fischer über eine Bundestagsdebatte im November 1999, in der Kohl sich selbst vom Sockel der Macht stürzte

"Die Debatte verlief ohne größere Höhepunkte, bis der Fraktionsvorsitzende der SPD, Peter Struck, das Wort erhielt. Im hinteren Teil seiner Rede kam er mit scharfen Worten auf die CDU-Parteispendenaffäre zu sprechen. Helmut Kohl musste sich durch Strucks Attacke derart provoziert gefühlt haben, dass er sich zu einer Zwischenfrage meldete. Und was dann geschah, war ein selbstverschuldeter Denkmalsturz. Helmut Kohl, der über 16 lange Jahre hinweg der scheinbar unumschränkte Herrscher in diesen Debatten gewesen war und den in diesem Haus über jene lange Zeit hinweg niemand und nichts aus der Ruhe der Macht zu bringen vermocht hatte, meldete sich zu einer Zwischenfrage!

Die SPD-Fraktion spürte sofort ihre Chance und begann schon nach den ersten Sätzen von Helmut Kohl mit lauten und sarkastischen Zwischenrufen. Die Aura der Macht, die ihn 16 lange Jahre umgeben und die Meute auf Distanz gehalten hatte, existierte plötzlich nicht mehr. Die CDU/CSU-Fraktion versuchte zwar noch, dagegenzuhalten und ihren Altkanzler zu schützen, doch dieser Versuch war vergebens."

"Die rot-grünen Jahre" S. 270 (Kiepenheuer und Witsch, 2007)

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Der frühere US-Präsident George Bush in einem Tagebucheintrag am 15. Juni 1989

"Am Dienstagmorgen hatte ich ein langes Telefonat mit Helmut Kohl. Es war sehr persönlich und sehr freundlich. Eine Nachbesprechung zu seinem Treffen mit Gorbatschow. 'Gorbatschow achtet dich wegen deiner Klugheit. Er will bessere Beziehungen. Und Raisa hat wunderbare Dinge über Barbara gesagt.' Kohl machte mir klar, dass Gorbatschow ihn niemals vom Westen oder von den Vereinigten Staaten würde trennen können. Und Gorbatschow habe das auch gar nicht vor. Alles in allem war er ganz zufrieden.

Auf der persönlichen Ebene erwähnte Helmut eine spezielle Wurst, die er mir bei drei oder vier Gelegenheiten zugeschickt hat. Ich muss also dringend mit dem Secret Service sprechen, dass ich sie auch bekomme. Die werden sicher sehr ungemütlich werden. Aber ich denke, hier müssen wir die Regeln ein bisschen beugen - einfach, weil es Kohl so viel bedeutet. Und außerdem: Ich mag Wurst."

"All the best", S. 428 (Scribner, New York 1999)

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Der frühere Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow über seine erste Begegnung mit Helmut Kohl

"Am 24. Oktober 1988 traf Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau ein. In unserem ersten persönlichen Gespräch wollte ich vor allem deutlich machen, dass die bisherige Form der sowjetisch-westdeutschen Beziehungen weder für uns noch für die Deutschen, die europäischen Partner oder gar die Welt zufriedenstellend seien.… Kohls Antwort war eindeutig: 'Darin stimme ich mit Ihnen völlig überein', erwiderte er. 'Ich habe mir alles gründlich überlegt und bin mit ebendiesen Vorstellungen nach Moskau gekommen.'

Nachdem der Bundeskanzler die Bereitschaft seiner Regierung unterstrichen hatte, die Beziehungen mit der Sowjetunion in allen Bereichen dynamisch zu entwickeln, fügte er hinzu: 'Ich messe meinem persönlichen Kontakt zu Ihnen eine außerordentliche Bedeutung bei. Ich bin nach Moskau als Bundeskanzler, aber auch als Bürger Kohl gekommen. Wir sind beide ungefähr gleichaltrig und gehören der Generation an, die den Krieg durchgemacht hat. Ich habe zwar eine Zeitlang als Flakhelfer gedient, doch als Kriegsbeteiligung kann das kaum betrachtet werden. Unsere Familien jedoch haben den Krieg mit allen seinen Greueln miterlebt. Ihr Vater war Soldat und ist schwer verwundet worden. Mein Bruder ist im Alter von achtzehn Jahren gefallen. Meine Frau zählte zu den Flüchtlingen. Wir sind also eine echte deutsche Familie.
Sie haben eine Tochter, ich zwei Söhne, 23 und 25 Jahre alt, beide sind Reserveoffiziere. Wir beide haben eine bedeutende Aufgabe zu lösen. In zwölf Jahren gehen das zwanzigste Jahrhundert und das zweite Jahrtausend zu Ende. Der Krieg, Gewaltanwendung überhaupt, sind keine Mittel der Politik mehr. Sollte man anderer Meinung sein, hieße das, den Weltuntergang heraufzubeschwören.
Unsere persönlichen Kontakte müssen unter den Bedingungen der Offenheit ebenfalls grundsätzlich neu gestaltet werden. Ich bin zu einem intensiven persönlichen Dialog mit Ihnen bereit: zu schriftlichem und telefonischem Kontakt sowie zum Austausch von Vertrauenspersonen.' Eine solche Herangehensweise imponierte mir."

"Erinnerungen" S. 703, (Siedler Verlag, 1995)

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