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Thierse-Reaktion auf geheime Zitate: "Kohls Wut scheint etwas sehr Stabiles zu sein"

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DPA

Die SPIEGEL-Veröffentlichung von geheimen Zitaten von Helmut Kohl hat in der Union für Wirbel gesorgt. Doch die meisten Betroffenen schweigen lieber, wenn es um die deftigen Bemerkungen des Altkanzlers geht. Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse aber findet deutliche Worte.

Berlin - Sie werden keine Freunde mehr. Das ist sicher - Wolfgang Thierse, früherer Bundestagspräsident, und Helmut Kohl, Kanzler a.D. Immer wieder haben sie sich verbal beharkt, der SPD- und der CDU-Politiker. Am Dienstag nun wird das Buch der Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens über die vertraulichen Gespräche, die Kohl 2001/2002 mit Schwan führte, erscheinen. Der SPIEGEL hat in seiner aktuellen Ausgabe einige der Zitate veröffentlicht, mit denen Kohl Persönlichkeiten in- und außerhalb der Union belegte.

Über Thierse regte sich Kohl besonders auf. Der Ostdeutsche wird im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des SED-Regimes mit scharfen Worten attackiert. "Es ist doch dem Volkshochschulhirn von Thierse entsprungen, dass das auf den Straßen entschieden wurde", zitiert ihn Schwan. Denn für Kohl war es vor allem das Ende der UdSSR, das auch die DDR mit kollabieren ließ.

Auf Thierse hat es Kohl besonders abgesehen. In dem Band werden zwei weitere Bemerkungen Kohls über den Sozialdemokraten erwähnt, die deftig sind: Thierse, "dieses Subjekt", heißt es dort, Und: "Der mit der Kerze, der Rauschebart, der sich durch die Geschichte lügt, dass es eine Schande ist."

Damaliger Bundestagspräsident Thierse, Altkanzler Kohl im April 1999 in Berlin: Gemeinsam bei der Schlüsselübergabe Zur Großansicht
REUTERS

Damaliger Bundestagspräsident Thierse, Altkanzler Kohl im April 1999 in Berlin: Gemeinsam bei der Schlüsselübergabe

Nun reagiert Thierse, seit der vergangenen Legislaturperiode nicht mehr im Bundestag, auf die Schmähungen. Zu dem "Volkshochschulhirn"-Zitat sagt er zu SPIEGEL ONLINE: "Kohls Wut scheint etwas sehr Stabiles zu sein."

Kohls Ärger auf Thierse, so machen es auch die Autoren in ihrem Buch deutlich, entspringt der CDU-Spendenaffäre von 1999/2000, für die der Altkanzler verantwortlich war. Thierse, damals Bundestagspräsident und SPD-Vize, sprach wegen illegaler Finanztranfers eine Geldstrafe in zweitstelliger Millionenhöhe gegen die CDU aus. Viele in der CDU waren empört, doch das angewandte Verfahren wurde später vom Bundesverfassungsgericht für rechtmäßig erklärt. Damals forderte Thierse Kohl auch auf, die Namen der anonymen Geldspender zu nennen. Doch die will Kohl, so hat er es wiederholt bis heute erklärt, mit ins Grab nehmen.

Eines hat der Sozialdemokrat Thierse dem Altkanzler nicht verziehen - bis heute nicht: Den Vergleich mit dem NSDAP-Politiker und Reichstagspräsidenten von 1932 bis 1945, Hermann Göring. Im Sommer 2002 hatte Kohl im Restaurant des Bundestags nach einer turbulenten Plenardebatte in einer kleinen Runde mit Verweis auf Thierse erklärt: "Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring."

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Kohls Abrechnung: Wen der Altkanzler schmähte
Thierse kann sich darüber noch heute aufregen. "Herr Kohl hat sich für diese öffentliche Beleidigung nie bei mir entschuldigt", sagt er am Montag am Telefon. Daher gehe es ihm mit dem jetzt erscheinenden Buch so: "Was auch immer sich noch an Zitaten über mich darin findet, ich bin mir sicher, diesen Göring-Vergleich kann Kohl gar nicht überbieten."

Unionspolitiker schweigen - auch die Kanzlerin

Lesen, aber schweigen - diesem Motto folgten die meisten Unionspolitiker, die Kohl in dem Buch mit zum Teil ähnlich heftigen Bemerkungen bedacht hatte. "Kein Kommentar", ließ Kanzlerin Angela Merkel ihren Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag ausrichten. Kohl hatte Merkel, die in der Spendenaffäre als CDU-Generalsekretärin zu ihm auf Distanz gegangen war, 2001/2002 in dem Gesprächen mit Schwan attestiert: "Die Merkel hat keine Ahnung." Und mit Blick auf ihre frühere Tätigkeiten als Ministerin in seinem Kabinett sprach er in Schwans Tonband auch den Satz: "Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste."

Regierungssprecher Seibert sagte zu dem Vorgang der Kohl-Zitate lediglich: "Ich kann nur sagen, dass es nicht die Arbeit der Bundesregierung berührt."

Andere Unionsspitzenpolitiker blieben lieber gleich ganz stumm. Oder ließen sich nur namenlos zitieren. "Auf diese Ebene lasse ich mich nicht herab", sagte etwa ein Christdemokrat, der einst ein enger Weggefährte Kohls war und im Buch ebenfalls erwähnt wird.

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insgesamt 123 Beiträge
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1. Merkel geröngt
cucco 06.10.2014
Das ist die Sprache der Realität - wer etwas anderes behauptet ist ein Heuchler. Kohl gewinnt durch seine Äusserungen an Bedeutung, weil er die ungeschminkte Wahrheit sagt.. Eine Merkel würde gar nicht fähig sein, die Wahrheit zu sagen. Es ist ganz klar, durch Kohls Worte wird Merkel erst erklärt. Sie ist eine unbedarfte Frau ohne bessere Erziehung, die sich durch einen beispiellos zähen Machtwillen und Intrigen ihre Position, aber nicht ihr fachliches Können, zusammen geschmiedet hat. Ihre seriöse Mimik im Verbund mit einer relativen Bescheidenheit (wie sie übrigens in der DDR besser kultiviert wurde als im kapitalistischen Wersten) , zusammen mit dem Fehlen der Gier à la Gauweiler oder den FDP Grössen, die in die Wirtschaft gegangen sind, dieses Fehlen der abstossenden Gier haben ihr viel Zuspruch bei der Bevölkerung gegeben, obwohl Merkel auch heute keine Ahnung der wirtschaftlichen Zusammenhänge hat und sich mehrmals bei Griechenland, Italien und Frankreich, sowie bei Junker hat über den Tisch ziehen lassen und bei Obama eine traurige Pudel Figur abgab.. Eine bauernschlaue, geduldige Frau, die gefährlich ist wegen ihrer Naivität und fachlichen Unwissenheit. Das hat Kohl wunderbar erkannt! Wunderbar treffend auch die Beurteilung von Ex Präsident Wulf. Wo gibt es heute noch Kapazitäten wie Kohl? Schade, dass dieses Buch zu früh erschienen ist. Warum konnte der Autor nicht bis nach Kohl warten?
2. Ja und?
thinkpack 06.10.2014
MUSS uns jetzt nun wirklich interessieren was dieser Mann über andere Politiker mal gesagt hat, damals oder heute (noch) denkt? (Wieder einmal) verschwendeter Platz auch hier. Wir haben wahrlich dringendere Probleme als die Befindlichkeiten alter Machthaber in ihren bequemen Elfenbeintürmen....
3. Jawohl!!
The-Saint 06.10.2014
Hallo Herr Kohl. DANKE! Danke, dass SIE, neben Hr. Genscher, als einer der letzten großen Staatsmänner mal Tabula Rasa machen. Es ist einfach an der Zeit dafür. DAS sollte Respekt finden und nicht der Mist den z.B. Schäuble und Co. produzieren. Danke dafür. Ansonsten: laßt den Alkanzler einfach in Ruhe, alles andere ist schlicht Respektlos. Er hat genug mitgemacht (Fr.Kohl!!). Leben Sie noch lange und in Frieden. Meinen Respekt haben Sie.
4. Traurig
bssh 06.10.2014
Es ist schon traurig, wie ein Mann wie Kohl mit Menschen umgeht. Er hat sicherlich Verdienste erworben, aber auch eine Menge Schaden angerichtet. Ich gebe ihm nur ein einem recht, dass die deutsche Einheit vor allem in Moskau entschieden wurde. Wenn Stalin regiert hätte, dann wäre alles niedergewalzt worden und man hätte sich Einmischungen in innere Angelegenheiten verbeten, wie das immer in Diktaturen so ist. Man denke auch an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Die Demokratiebewegung wurde blutig niedergeschlagen. Die Welt reagierte eine Weile empört, ging dann aber zur Tagesordnung über, denn ein Milliardenmarkt ist nunmal wichtiger als noch so viele ermordete Menschen. Kohl ist einsehr verbitterter, einsamer Mensch, der sich selber alles verzeihen kann, anderen aber nichts. Der Göring-Vergleich ist sehr daneben, und dafür hätte es sich gehört sich dafür zu entschuldigen. Anderen verzeiht er selbst die kleinsten Fehler nicht, und so hat er sich mit allen politischen Freunden von früher überworfen und auch keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern. Ein armer, alter, verbitterter Mensch, der sich das aber selber zuzuschreiben hat.
5. Es ist traurig...
MisterD 06.10.2014
wie es Herrn Dr. Kohl geht, wie er manipuliert wird und sich nun selbst zerlegt... Vielleicht ist es aber auch die gerechte Strafe für seinen durchaus fragwürdigen Charakter und seine nie zur Anklage gebrachten Taten... Es ist schade, dass eine der bedeutendsten Personen des 20. Jahrhunderts hinter den Kulissen so ein furchtbarer Mensch war...
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