Altkanzler Kohl Der Straßenkampf

Ein Platz für Helmut Kohl? Etliche Städte wollen den verstorbenen Altkanzler mit einem eigenen Straßenschild würdigen. Viele Bürger rebellieren. Ein Besuch bei Fans und Gegnern.

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Von Timo Lehmann


"Was habe ich schon mit Helmut Kohl zu tun?" Rudolf Königer, 57, zeigt auf die riesengroße Plane, die er am Zaun vor seinem Grundstück angebracht hat: "Ludwigshafener Str. 73" steht da weiß auf blauem Untergrund, unübersehbar für alle, die hier vorbeikommen. Mehr als 20 Jahre war das die Adresse von Königers Motorboot-Werkstatt in Dessau in Sachsen-Anhalt. Die neue Plane mit der alten Anschrift ist ein Zeichen des Protests. Denn seit ein paar Wochen liegt sein Geschäft offiziell in der Helmut-Kohl-Straße. "Nicht für mich", sagt Königer, "ich ignoriere das einfach."

Helmut Kohl starb im Juni 2017. Seitdem tobt der Kampf um sein Erbe nicht nur in der Familie, vor Gericht und unter Historikern, sondern auch auf den Straßen der Republik. In etlichen Orten Deutschlands wollen Anhänger des Altkanzlers den CDU-Politiker im öffentlichen Raum verewigen, wollen Straßen, Alleen, Plätze nach ihm benennen. Doch dagegen formiert sich zum Teil massiver Widerstand.

In Halle an der Saale, Magdeburg, Spergau, Leuna, Burg, Dessau-Roßlau, Erfurt, Mainz, Ludwigshafen, Idar-Oberstein, Berlin, Hannover, Essen, Hamburg, Mühlheim, Mönchengladbach, Regensburg, Nürnberg - überall in der Republik wurde oder wird um Kohl-Straßen und -Plätze gerungen. Auffällig: Streitereien gibt es besonders im Heimatland des Namensgebers, in Rheinland-Pfalz - und in Sachsen-Anhalt.

"Dessau und Helmut Kohl gehören zusammen", sagt Eiko Adamek, 45, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat von Dessau-Roßlau. Mit seinen Parteikollegen hat Adamek die Idee für eine Straßenumbenennung vor einem halben Jahr in den Stadtrat getragen. Dessau und Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen pflegen seit 1988 eine Städtepartnerschaft, die der Kanzler damals einfädelte. Bis heute stehen viele Vereine der Städte in Kontakt, es gibt Schüleraustausche und Unternehmenskooperationen. In den Neunzigerjahren half Ludwigshafen der Bauhaus-Stadt beim Aufbau der Kommunalverwaltung. "Helmut Kohl hat sich hier verdient gemacht", sagt Adamek.

Eiko Adamek, Fraktionsvorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion in Dessau. Hat Helmut Kohl 1996 persönlich getroffen.
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Eiko Adamek, Fraktionsvorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion in Dessau. Hat Helmut Kohl 1996 persönlich getroffen.

Deshalb habe man sich entschieden, einen Teil der bereits existierenden Ludwigshafener Straßen umzubenennen - eine vierspurige Hauptstraße im Zentrum, die vorbeizieht am stadteigenen Fußballstadion. Nur wenige Menschen wohnen hier.

"Hau ab!"-Gebrüll gegen Kohl hat Tradition

Adamek traf den Bundeskanzler 1996 persönlich, als der sich in Dessau zu einem Gipfel mit den Unionsfraktionsvorsitzenden von Bund und Ländern traf. Drei, vier Sätze wechselte er im Hotel mit dem schwarzen Riesen, das habe ihn nachhaltig beeindruckt. Doch ein Blick in die Archive verrät auch: Schon damals protestierten Dessauer mit "Hau ab!"-Gebrüll gegen den Einheitskanzler. "Warum sich mit Kohl begnügen, wo es edleres Gemüse gibt", stand auf den Transparenten.

Auch Bootsreparateur Königer schmeckt Kohl nicht: "Nach seinem Tod wurde doch wieder über alles Schlechte berichtet." Er nennt die Spendenaffäre, Treuhand-Machenschaften, beklagt die verwelkten Landschaften in Dessau. "Hier ist doch alles brach gegangen", sagt Königer. "Dessau ist nicht mehr lebenswert. Ich bin mit dieser Stadt fertig." Als mache er Kohl persönlich dafür verantwortlich.

Besonders regt Königer auf, dass er als Anlieger nicht frühzeitig über die Pläne informiert worden sei. Er habe einen seit 20 Jahren gewachsenen Kundenstamm, der seine alte Adresse kenne, 1000 gedruckte Visitenkarten und Paletten voll mit Briefbögen. "Peanuts" mögen das sein, aber Königer geht es ums Prinzip: "Der Stadtrat macht, was er will, der Bürger darf nicht mitreden."

Rudolf Königer vor seiner Bootswerkstatt in Dessau
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Rudolf Königer vor seiner Bootswerkstatt in Dessau

Als er in der Zeitung von den Plänen erfuhr, startete Königer mit seinen Nachbarn eine Petition. 672 Unterstützer sammelte er online, weitere Kohl-Straßen-Gegner unterschrieben analog. Mit der Liste ging er in die Bürgerstunde des Stadtrats, trug vor, Kohl brauche in Dessau keine Ehrung. "Die ignorierten mich einfach."

Auch in vielen anderen Städten verpufften die Proteste, einige aber hatten Erfolg. Ausgerechnet in Ludwigshafen verhinderten Anwohner eine Helmut-Kohl-Allee. Auch in Frankenthal begrub die CDU-Fraktion ihre Pläne. Seit November gibt es allerdings in Idar-Oberstein einen Helmut-Kohl-Europaplatz, in Mainz wurde gerade erst einer mit viel Tamtam eröffnet. In Speyer, wo Helmut Kohl begraben liegt, wird am 3. Oktober dieses Jahres eine Straße mit dem Namen des Altkanzlers beschildert.

"Leuna-Affäre" ist bis heute nicht aufgeklärt

Besonders deutlich wird das zwiespältige Geschichtsbild Kohls am Ort Leuna in Sachsen-Anhalt. 1992 wurde die Raffinerie des einstigen DDR-Chemie-Kombinates Leuna an den französischen Erdölkonzern Elf Aquitaine verkauft. Kohl vermittelte, später kam heraus, dass rund 47 Millionen Euro Schmiergeld geflossen sind, auch in die Kassen der CDU. In Frankreich kam es zu Haftstrafen, in Deutschland sind die "Leuna-Akten" bis heute verschwunden - die Rolle des Kanzlers bleibt unklar.

In der Landes-CDU heißt es bis heute, mit dem Verkauf in Leuna habe Kohl die Stadt wirtschaftlich gerettet. Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff würdigte an Kohls Todestag den Verkauf des Chemiewerks, durch den "viele Tausende Arbeitsplätze" entstanden. Auch diese Huldigungsrede, heißt es, brachte viele in der Sachsen-Anhalt-CDU auf die Idee, den Kanzler in ihren Städten zu verewigen. In Leuna allerdings entschied sich der Stadtrat letztlich dagegen.

90 Prozent stimmten gegen den Kohl-Platz - er kommt trotzdem

Der kleine Ort Burg bei Magdeburg wird hingegen einen Dr.-Helmut-Kohl-Platz bekommen. Hier kam es vor rund wenigen Wochen sogar zu einem Bürgerentscheid, dem ersten in der Geschichte von Burg. Initiiert hatten ihn Kerstin Auerbach, 48, Roland Stauf, 65, und Fabian Borghardt, 35. Auerbach sitzt für die Linke im Stadtrat, Borghardt für die SPD. Sie tragen Buttons an ihren Jacken: "Kohl-Platz? Nein, Danke!"

Gegen die Umbenennung des Platzes vor dem Landratsamt stimmten knapp 4600 Bürger, dafür nur rund 500. Das sind rund 90 Prozent Nein-Stimmen. Allerdings: Um den Platz auf jeden Fall zu verhindern, hätten 25 Prozent der Wahlberechtigten dagegen votieren müssen, es fehlten 313 Stimmen.

Kerstin Auerbach, Roland Stauf (l.), und Fabian Borghardt (M.)protestierten in Burg, Sachsen-Anhalt, gegen den Helmut-Kohl-Platz.
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Kerstin Auerbach, Roland Stauf (l.), und Fabian Borghardt (M.)protestierten in Burg, Sachsen-Anhalt, gegen den Helmut-Kohl-Platz.

Nun hat der Stadtrat entscheiden, dass Kohl sein Straßenschild bekommt. Der Platz, um den es geht, wurde für die in diesem Jahr stattfindende Landesgartenschau neu hergerichtet, er bildet praktisch das Eingangstor in die Innenstadt. Die Anti-Kohl-Aktivisten sehen keinen Grund, warum man an dieser Stelle "den problematischen Kanzler" ehren sollte.

An einem Zaun hat die Gruppe Namensschilder angebracht von 40 Persönlichkeiten aus Burg, die man stattdessen verewigen könnte. Darunter sind Schriftsteller, Physiker, Tennisspieler, Unternehmer. "Der letzte Kneipier, der hier gestorben ist, hat mehr mit Burg zu tun als Helmut Kohl", sagt Staufer, ein ehemaliger Journalist. Es gehe hier, sagen sie, nur um eine symbolträchtige Machtdemonstration seitens der CDU.

Und von so etwas hätten die Bürger genug: Der Platz hatte schon viele Namen. Zu Kaiserzeiten war er nach Kaiser Wilhelm benannt, die Nazis ehrten einen Hauptmann, die Kommunisten Lenin, wie Staufer aufzählt. "Da hat Helmut Kohl gerade noch gefehlt."



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