Trauerakt in Straßburg "Ich habe ihn geliebt"

Abschied in Straßburg: Internationale Staats- und Regierungschefs gedenken Helmut Kohls im Europaparlament. Sehr persönlich und emotional äußerte sich der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton
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Der frühere US-Präsident Bill Clinton


Zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus aller Welt haben in Straßburg Abschied von Helmut Kohl genommen. Zu Beginn des Traueraktes sprach EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani: "Helmut Kohl verdient einen Ehrenplatz im europäischen Pantheon", sagte er.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nannte Kohl einen deutschen und europäischen Patrioten: "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant." Er schloss die Rede mit den Worten: "Vielen Dank Helmut, merci!"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestaltete ihre Rede sehr persönlich. "So manche Geister schieden sich an ihm", sagte sie. "Auch ich kann davon erzählen, doch all das tritt zurück hinter seinem Lebenswerk."

Trauerakt in Straßburg
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Trauerakt in Straßburg

Neben Tajani, Juncker und Merkel sowie EU-Ratspräsident Donald Tusk, Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, Spaniens ehemaligem Premier Felipe González und Russlands Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew sprach bei dem rund zweistündigen europäischen Trauerakt auch Bill Clinton.

Er sagte in seiner sehr persönlichen Rede: "Ich habe ihn geliebt." Kohl habe den nachfolgenden Generationen Freiheit, Frieden und Sicherheit hinterlassen. Der ehemalige US-Präsident sagte über den Altkanzler und dessen Essgewohnheiten: "Er war gerne Deutscher. Er hat mich dazu bewogen, Dinge zu essen, die ich nicht essen wollte."

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Europäischer Trauerakt für Helmut Kohl: "Ein großer Staatsmann, ein politischer Gigant"

Kohl war 16 Jahre lang Bundeskanzler und damit der bislang am längsten amtierende Regierungschef der Bundesrepublik. Er starb am 16. Juni im Alter von 87 Jahren.

Am Samstagmorgen war der Leichnam aus Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim abgeholt worden. Der Sarg war mit einer Europaflagge bedeckt. Anschließend machte sich ein Fahrzeugkonvoi auf den Weg nach Straßburg. Dort wurde der Sarg in einem Protokollraum des Europaparlaments aufgebahrt.

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Vor dem Saal konnten sich die Politiker in ein Kondolenzbuch eintragen. Anschließend wurde der Sarg vom Wachbataillon des Bundesverteidigungsministeriums in den Plenarsaal getragen. Begleitet wurden sie von einer Totenwache des Eurokorps, ehe die Reden gehalten wurden.

Kohl ist der erste Politiker, der mit einem solchen europäischen Trauerakt geehrt wird. Damit sollen seine Verdienste um den Aufbau Europas gewürdigt werden. Der Altkanzler ist einer von nur drei Ehrenbürgern Europas.

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Direkt im Anschluss an den Trauerakt in Straßburg brachte ein Hubschrauber den Sarg zurück in Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen. Nach der Landung wurde dieser durch die Innenstadt gefahren. Die letzten Kilometer bis ins nahe Speyer bringt ein Schiff den Leichnam Kohls.

Im Kaiserdom zu Speyer findet um 18 Uhr das Requiem für Kohl statt. Der vor rund tausend Jahren errichtete Sakralbau ist die größte erhaltene romanische Kirche Europas und steht auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.

Der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann wird die Totenmesse halten. Rund 1500 geladene Gäste werden dazu erwartet. Beim Trauergottesdienst werden nicht nur Werke von Komponisten aus Deutschland, sondern auch anderen Ländern Europas gespielt.

Sie sollen für den europäischen Gedanken stehen, dem sich Kohl stets verpflichtet gesehen hat, wie es im Liedheft für das Requiem heißt. Gespielt werden sollen unter anderem Werke von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Maurice Duruflé, John Rutter und Sergej Rachmaninow.

Nach einem militärischen Ehrenzeremoniell der Bundeswehr um 20.30 Uhr soll Kohl dann auf einem nahen Friedhof im Freundes- und Familienkreis beigesetzt werden. Kohl wird damit nicht im Familiengrab in Ludwigshafen bestattet.

Ein Großaufgebot der Polizei mit mehr als 1000 Beamten sichert die Trauerfeierlichkeiten. Die Beisetzung dürfte zu den größten Beerdigungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählen, Tausende Menschen werden dazu alleine in Speyer erwartet.

dop/AFP/dpa



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