Eine Analyse von Franz Walter
Gewiss, Helmut Kohl war längst nicht so klug, auch nicht so gebildet wie Strauß. Aber Kohl verfügte über bessere Menschenkenntnisse, konnte zumindest in den Jahren seines Aufstiegs auch ihm geistig überlegene Figuren im eigenen engeren Umfeld aushalten, was Strauß für sich nie erduldete. Und Kohl war ein wirklicher Mensch der Macht, was Strauß auf barocke Weise gern gewesen wäre und ausgekostet hätte, aber eben nie in letzter Entschlossenheit und praktischer Raffinesse war.
Kohl war ihm da gründlich überlegen. Er durchschaute seinen Kontrahenten, er kannte dessen Schwächen, nutzte sie virtuos.
Kohl war im Spiel geblieben, weil er über einige Eigenschaften verfügte, die vielen oft weitaus begabteren Rivalen um die Macht abgingen.
Kohl hielt sich eben für "normal", im Einklang mit dem ganz alltäglichen Denken einfacher Menschen, die fleißig arbeiteten, aber auch fröhlich feierten, die in ihrer Heimat wurzelten, in ihren Familien geborgen waren, im Glauben Halt fanden. So lebte - dies die unerschütterliche Überzeugung Kohls - das Gros der Menschen in der Mitte der Gesellschaft; so war er selbst auch groß geworden; und so wollte er Politik machen: für die Mehrheit der Menschen in der Mitte - und nicht für Ideologien, Bürokratien oder Strukturen.
Das Staatsgeschäft - von Mensch zu Mensch
Dass Kohl etliche Krisen politisch überlebte, dass er länger Kanzler blieb als jeder andere in den deutschen Demokratien, dies führte Kohl auf seine Erdung zurück. Und die ungewöhnliche Dauer seiner Laufbahn reproduzierte seine Selbstsicherheit, politisch mit dieser Wahrnehmung richtig zu liegen. Auch das Staatsgeschäft, die auswärtigen Angelegenheiten betrieb er so, von Mensch zu Mensch, wenn er mit Mitterand, mit Gorbatschow oder Bush zusammentraf. Nur Maggie Thatcher mochte das partout nicht leiden; und deshalb mochte Kohl sie nicht.
Kohl ging an Politik nicht analytisch heran, wie Helmut Schmidt. Er sah sich nicht als kühler Manager des politischen Prozedere, folgte nicht der Reihe: Problemdiagnose - Lösungsoptionen - Handlungsstrategie. Kohl urteilte nach praktischen Erfahrungsmaßstäben, auch nach Instinkt und Intuition, wie später Gerhard Schröder ebenfalls. Gern versuchte Kohl auch Krisen ganz zu leugnen, gar nicht erst darüber zu sprechen, jedenfalls den verstörenden Begriff zu vermeiden.
Seine häufig kitschige Sprache, seine Sentimentalität, seine menschelnde Kleinbürgerlichkeit sollten den Alarmismus schriller Reaktionen dämpfen, die Erregung mildern. "Es kommt nicht so schlimm, wie man Anfangs denkt" - diese Attitüde war eine mentalitätskonservierende Führungstechnik von Kohl, die gerade in den wahldominierenden älteren Jahrgängen der 1980er Jahre gut ankam, welche in ihrer Kindheit und Jugend genug erschreckende Dramen erlebt hatten und das beruhigende Sicherheitsversprechen Kohls gerne goutierten.
Hass, Ächtung - auch das Bestandteile des Systems Kohl
Das war gewissermaßen die plebiszitäre Seite der Kohl-Herrschaft. Aber allein damit hätte er wohl keine dritte Legislaturperiode als Kanzler der 1990er Jahre erlebt. Denn in der neuen Generation der bundesdeutschen Wahlbürgerschaft kam die nuschelnde Bodenständigkeit des Pfälzers nicht gleichermaßen positiv an. Insgesamt war Kohl bis 1989 der unbeliebteste Kanzler in der bundesdeutschen Geschichte. Seine Popularitätswerte lagen durchweg unter denen seiner eigenen Partei; über einen Kanzlerbonus verfügte Kohl in den ersten sieben Jahren seiner Regierungszeit nicht.
Aber es war gleich, dass er kein brillanter Redner war, kein großer Denker, kein glamouröser Schauspieler der Macht. Kohl hatte seine Partei. Was vielen, wohl klügeren Konkurrenten fehlte, das hatte er sich zielstrebig geschaffen: eine treue Prätorianergarde von Parteileuten, die ihm die Stange hielten, wenn die Gewitter der Medienkritik sich wieder einmal über das Kanzleramt entluden. Auch hier menschelte es, wenngleich es weniger harmlos zuging, als es die gemütliche Pose der Kanzlerrunden mit Riesling aus Wachenheim, Schweinebraten auf Toast und Bergen von Bratkartoffeln nahelegten.
Am Ende, schon nach Ablauf der Kanzlerschaft, wurden während des Parteispendenskandals 1999/2000 all die problematischen Züge grell offenbar, als Kohl unversöhnlich das Band zerschnitt, was ihn lange mit Wolfgang Schäuble und noch länger mit Norbert Blüm verknüpft hatte. Sie waren nun Verräter. Da blieb der Kanzler der Einheit unversöhnlich.
Bis heute, noch im Alter von 80 Jahren.
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