Helmut Schmidt Der deutsche Krisen-Kanzler

Vor 25 Jahren scheiterte der Sozialliberalismus - und mit ihm der Kanzler des politischen Pragmatismus: Helmut Schmidt. Er war Geschöpf und Gewinner zahlloser Krisen, zuletzt aber auch deren Kreateur und Verlierer. Rückblick auf das Ende einer erstaunlichen Kanzlerschaft.

Von Franz Walter


Berlin - Deutschland vor 30 Jahren - das war das Land Helmut Schmidts. Deutschland vor 25 Jahren - das war das Land, in dem der Sozialliberalismus und mit ihm der Kanzler des politischen Pragmatismus scheiterten. Mit Helmut Schmidt begann die große, nunmehr nahezu 33 Jahre anhaltende soziale, ökonomische und politische Krise der deutschen Gesellschaft. Schmidt war Geschöpf, Gewinner, am Ende aber auch - wenngleich er das nie hat wahrhaben wollen - Kreateur und zuletzt Verlierer der Krise. Das Land rief nach ihm, als es den großen Krisenmanager herbeiwünschte; es wandte sich von ihm ab, als die Krisensymptome sich verdoppelten und verdreifachten.

Helmut Schmidt (1998): Größere Palette an politischen Qualifikationen als jeder andere deutsche Kanzler
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Helmut Schmidt (1998): Größere Palette an politischen Qualifikationen als jeder andere deutsche Kanzler

Zunächst waren Krisen ein Motor für den Aufstieg Schmidts. Der SPD-Politiker aus Hamburg war der Politiker des Notfalls. In Zeiten des Ausnahmezustands brillierte er; dann durfte er zeigen, was ihm zu eigen war: Ein scharfer Verstand, hohe Konzentration, Beharrlichkeit, kühle abwägende Entscheidungskraft, Mut und doch auch Besonnenheit. Schmidt glänzte, als in Hamburg 1962 die Flutkatastrophe ausbrach. Er war die entscheidende Figur, die 1968 trotz wütender Studentenproteste die Notstandsgesetze über die parlamentarischen Hürden brachte.

Er war 1974 zur Stelle, als die sozialliberale Regierung durch die Kanzlerkrise während der Guillaume-Affäre taumelte. Und er dirigierte 1977 das verbarrikadierte Bonn im Kampf gegen den Linksterrorismus. In all diesen Situationen konnte Schmidt seine Führungsfähigkeiten voll ausspielen, da in Krisenzeiten die Zahl der Vetomächte zusammenschmolz, weil im Notfall exekutive Instrumente zur Verfügung standen, die es sonst für die Politiker im semi-souveränen bundesdeutschen Zentralstaat nicht gab.

Schmidt schien für Krisen bestens gerüstet. Er verfügte über eine größere Palette an politischen Qualifikationen als jeder andere deutsche Kanzler in der bundesdeutschen Geschichte. Die meisten Regierungschefs waren passionierte Außenpolitiker, verstanden dagegen wenig von Fragen der Wirtschaft und Finanzen. Allein bei Erhard war es umgekehrt; er kannte sich wohl - doch selbst das ist umstritten - in Dingen der Ökonomie aus, war aber auf dem Gebiet der Außenpolitik gänzlich ahnungslos. Schmidt hingegen war Experte für alles, gerierte sich zumindest gerne so: Als Fachmann für Außen- und Sicherheitspolitik, für Währungs- und Finanzfragen, für Probleme der Weltwirtschaftspolitik.

Er verbannt, was sich ihm nicht sofort rational erschließt

Schmidt war ein beinharter Rationalist. Sein Vorgänger im Amt, der strahlungsfähige Charismatiker Willy Brandt, hatte die politischen Strömungen eher intuitiv erfasst, gewittert, herausgespürt. Schmidt dagegen analysierte Konstellationen, kühl, emotionsfrei, mit präzisen Begriffen. Schmidt schaute auf die Gegebenheiten, wie sie existierten. Er machte sich nie Illusionen darüber, dass dem Handlungsraum von Politik innerhalb dieser Gegebenheiten lediglich enge Grenzen gesetzt waren. Schmidts Aufmerksamkeit richtete sich allein auf diesen empirischen Raum, nicht auf ferne Möglichkeiten jenseits davon. Darin bestand sein pragmatischer, diesseitiger Politikansatz, mit dem sich die Sozialdemokratie jener Jahre durchaus schwertat.

Visionen und Utopien jedenfalls waren Schmidt zuwider. Er ängstigte sich geradezu davor, wie auch über große, offen oder gar schrill demonstrierte Gefühle. Er verstand Menschen nicht - erst recht nicht, wenn sie noch dazu als Politiker in der Verantwortung standen -, die zum Pathos, zum gefühlsschweren Bekennertum, zur extrovertierten Emotionalität neigten. Deshalb kam er mit den neuen, jungen Leuten in der SPD, mit der ganzen jungen Alternativgeneration seiner Kanzlerjahre partout nicht zurecht.

Schmidt war schließlich Teil der sogenannten skeptischen Generation, die nach Kriegsende die Nase gestrichen voll von heilsversprechenden Großerzählungen hatte. Außerdem war Schmidt ein norddeutscher Protestant. Da trug man nicht fröhlich nach außen, was einem im Inneren bewegte. Schmidt mochte überdies keine intellektuellen Paradoxien und dialektischen Konstruktionen. Er reagierte darauf aggressiv. Auch deshalb konnte er Theoretiker partout nicht ausstehen. Er verbannte gern, was sich ihm nicht sofort rational und unmittelbar logisch erschloss.

Wie er denkt unzweifelhaft die Mehrheit der Deutschen

Tatsächlich war das Bild von Politik und Gesellschaft, von dem Schmidt sich leiten ließ, recht prosaisch. Sein Axiom war, dass die Menschen von Regierungen zuallererst erwarten, dass sie die klassischen Staatsfunktionen ordentlich und verlässlich ausfüllen, dass sie also für äußere und innere Sicherheit sorgen, wirtschaftlichen Wohlstand ermöglichen. Nur mit materiell zufriedenen Menschen ließ sich Demokratie machen, darin war sich Schmidt sicher; und das war der zentrale Orientierungspunkt seines Kabinetts. Nun: Schmidt war populär in seiner Amtszeit als Kanzler. So wie er, so dachte unzweifelhaft ebenfalls die Mehrheit der Deutschen.

Und deshalb dauerte die Kanzlerschaft Schmidts auch achteinhalb Jahre. Schmidt hatte damit weit länger im Kanzleramt zugebracht als Erhard, Kiesinger, Brandt oder später auch Schröder. Dabei hatte kaum ein bundesdeutscher Kanzler bis dahin mit derart vielen Problemen zu tun bekommen wie er, vom Einbruch der Konjunktur über den Terrorismus bis zum Ende der außenpolitischen Detente.

Nach 1980 gelingt ihm nicht mehr viel

Aber gerade das Problembündel war anfangs das Elixier für das politische Management von Schmidt. Der Kanzler glänzte als Ingenieur im störungsanfälligen Maschinenraum der Politik, sicherte sich so zunächst das Vertrauen der meisten Bundesbürger, stabilisierte dadurch zwischenzeitlich die Bundesregierung, obwohl gesellschaftlich und in den Länderparlamenten spätestens seit Mitte der siebziger Jahre ein deutlicher Rutsch nach rechts, hin zur Christlichen Union, unübersehbar war.

Doch nach 1980 gelang auch Schmidt, der im Grunde natürlich ebenfalls ein durch und durch konservativer politischer Mensch war, nicht mehr viel. Die Regierung tapste von Panne zu Panne, einigte sich in quälend langen Auseinandersetzungen auf Kompromissformeln, die schon wenige Wochen darauf nichts mehr trugen, betrieb nur noch Stückwerk und Flickschusterei. Große konzeptionelle Diskussionen fanden nicht mehr statt. Entwürfe über den Tag hinaus waren im Umfeld des Kanzlers tabuisiert, galten als intellektueller Hokuspokus, gar fast als Krankheit des Hirns, die einer ärztlichen Therapie bedurfte.

Es waren düstere Jahre zum Ausgang der Ära Schmidt. Weit mehr als 10.000 Firmen gingen in Konkurs. Die Arbeitslosigkeit kletterte bald über die Zweimillionengrenze. Die Staatsverschuldung war bedrohlich angewachsen. Die Investitionsquote der deutschen Volkswirtschaft war ebenso alarmierend zurückgegangen. Aus den Schulen und Universitäten kamen massenhaft die Zugehörigen der Baby-Boom-Jahrgänge und fanden nicht die erwünschte Anstellung, vor allem nicht mehr im öffentlichen Dienst.

Am Ende: Enttäuschungen, Frustrationen, Verbitterungen

Die jungen Menschen zogen nun parlamentskritisch durch die Straßen, fürchteten sich vor Umweltkatastrophen und dem großen atomaren Krieg. Apokalyptische Szenarien vagabundierten in dieser agonalen Phase der sozialliberalen Koalition durch die bundesdeutsche Gesellschaft. Die Republik wirkte paralysiert, wie in einem schwarzen Loch, depressiv. Die sozialliberale Koalition hatte mit einem ungeheuren Optimismus begonnen, mit einer enthusiastischen Glücksverheißung, mit einem dionysischen Aufbruchstaumel.

Am Ende standen Enttäuschungen, Frustrationen und Verbitterungen. Und Schmidt war nicht der rechte Mann dafür, neue Lichter anzuzünden, Hoffnungen zu wecken, Rationalität und Empathie miteinander zu verbinden. Als die Sozialliberalen abtraten, lag das Land in Schwermut; die eigenen Leute und Anhänger waren entmutigt und zermürbt. Kein Zufall auch, dass der Begriff "Politikverdrossenheit" in diesen düsteren Schmidt-Jahren aufkam und der Republik erhalten blieb. Nicht zuletzt deshalb dauerte die Ära Kohl so lange an, darum brauchten die Sozialdemokraten 16 Jahre, bis ihnen die Wahlbürger wieder Regierungsfähigkeit zutrauten.

Mit den Problemen der Schmidt-Ära - Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Unterfinanzierung der Hochschulen, Renten- und Gesundheitsreform - aber quält sich die deutsche Gesellschaft auch noch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Sozialliberalismus gleichermaßen mühevoll herum.



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