Helmut Schmidt Der Mann, der die RAF besiegte

Beim Kampf gegen die Rote Armee Fraktion gab Helmut Schmidt nicht nach. Im Herbst 1977 brachte er der Terrorgruppe die entscheidende Niederlage bei.

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Am 18. Oktober 1977 um 0.12 Uhr meldete der Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski aus Mogadischu in Somalia per Telefon seinem Chef, Bundeskanzler Helmut Schmidt, in Bonn: "Die Arbeit ist erledigt".

Die Arbeit, das war die bewaffnete Befreiung von 86 Menschen aus dem von vier Palästinensern entführten Lufthansa-Jet "Landshut" in Mogadischu, durch die Bundesgrenzschutz-Spezialeinheit GSG 9.

Wenige Stunden später begingen die drei führenden Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF), Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim Suizid.

Sie sollten mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Entführung des Flugzeugs freigepresst werden. Bundeskanzler Helmut Schmidt aber hatte sich schon 44 Tage früher entschieden, diesen Forderungen unter keinen Umständen nachzugeben.

Schmidts harte Linie hatte eine Vorgeschichte: Anfang 1975 entführte die anarchistische Bewegung 2. Juni den West-Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz und forderte die Freilassung von sechs Inhaftierten, darunter Verena Becker und der heutige Nazi Horst Mahler.

"Das darfst du nie wieder tun"

Doch zur Zeit der entscheidenden Sitzung des Krisenstabs in Bonn lag Helmut Schmidt mit 39 Grad hohem Fieber darnieder. Der West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) und der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl wollten den Entführten unbedingt retten und deshalb nachgeben. Schmidt stimmte zu.

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Helmut Schmidt: Politiker, Publizist und Philosoph
Fünf Terroristen ließen sich nach Aden im Südjemen fliegen, vier von ihnen nahmen den bewaffneten Kampf bei der RAF wieder auf. Helmut Schmidt dachte schon am Morgen nach ihrer Freilassung: "Was haben wir da für einen Fehler gemacht. Das darfst du nie wieder tun."

Drei Monate später stellten sechs RAF-Kader Schmidts Entschlossenheit auf die Probe, als sie in der Botschaft der Bundesrepublik in Stockholm 14 Diplomaten und Angestellte als Geiseln nahmen und die Freilassung von 26 "politischen Gefangenen", vor allem der RAF, forderten.

Der Kanzler blieb hart.

Die RAF-Kidnapper erschossen zwei deutsche Diplomaten, bevor der von ihnen mitgebrachte Sprengstoff explodierte und sie getötet oder verhaftet wurden. Schmidt war am Tag der Entführung mit seiner Frau Loki im Garten des Kanzleramtes in Bonn spazieren gegangen. Nachdem die beiden über ihre Gefährdung gesprochen hatten, beschlossen sie, beim Chef des Kanzleramts schriftlich zu hinterlegen, dass sie beide im Falle einer Entführung nicht ausgetauscht werden wollten.

"Der Staat muss darauf mit aller Härte antworten"

Schmidts naheliegendes Kalkül, dass man Gefangene nicht gegen Geiseln tauschen sollte, weil dann die RAF oder andere Terrorgruppen immer neue Geiseln nehmen würden, ging allerdings nicht so schnell auf.

Am Nachmittag des 5. September 1977 entführte ein vierköpfiges RAF-Kommando den Arbeitgeberpräsidenten und Ex-SS-Offizier Hanns Martin Schleyer. Gut einen Monat zuvor hatte der RAF-Mann Christian Klar bei einem Entführungsversuch den Banker und Schmidt-Freund Jürgen Ponto erschossen. Wenige Stunden nach der Entführung Schleyers erklärte Schmidt in einer Fernsehansprache: "Der Staat muss darauf mit aller Härte antworten."

Schmidts Antwort bestand in dem Versuch, Zeit zu gewinnen, damit die Fahnder Schleyer finden und befreien könnten. Später sagte er: "Wir haben sie glauben gemacht, dass wir möglicherweise austauschen würden. Das war aber niemals unsere Absicht."

Schmidt behielt die Nerven, aber verwehrte sich später dagegen, die 44 Tage der Schleyer-Entführung überzubewerten und sagte: "Es ist ein wichtiger Zeitabschnitt, aber weiß Gott nicht der wichtigste." In einem denkwürdigen Interview mit Giovanni di Lorenzo polterte Schmidt im Jahr 2007: "Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns. Wir hatten alle genug Scheiße hinter uns und waren abgehärtet. Und wir hatten ein erhebliches Maß an Gelassenheit bei gleichzeitiger äußerster Anstrengung der eigenen Nerven und des eigenen Verstandes. Der Krieg war eine große Scheiße, aber in der Gefahr nicht den Verstand zu verlieren, das hat man damals gelernt."

Die finale Eskalation im "Deutschen Herbst"

Die finale Eskalation im "Deutschen Herbst" 1977 begann mit der Entführung der "Landshut" durch ein Kommando von mit der RAF verbündeten Palästinensern. Schmidt verglich später die dramatischen Ereignisse mit einer griechischen Tragödie, in der jeder zwangsläufig Schuld auf sich lade. Seine Rolle war es, für die Staatsräson das Leben von Hanns Martin Schleyer zu opfern.

Denn spätestens nach dem Suizid der RAF-Führung in Stammheim war klar, das Schleyer nicht überleben würde. Am Nachmittag des 19. Oktober 1977 rief eine RAF-Frau im Büro der Deutschen Presse Agentur (dpa) in Stuttgart an und verlas eine Erklärung: "Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mulhouse in einem grünen Audi mit Bad Homburger Kennzeichen abholen." So wie beschrieben fanden Polizisten die Leiche Schleyers.

Helmut Schmidt hatte der RAF durch seine Unnachgiebigkeit, mit der er eine militärische Lösung suchte, die zentrale Niederlage beigegebracht. Die Gruppe war moralisch, politisch und militärisch gescheitert. Obwohl sie ihren sinnlosen Privatkrieg noch 21 Jahre weiterführte, erholte sich die RAF nie mehr wirklich. Die Hälfte ihrer Kader stieg nach der Schleyer-Entführung aus und fand in der DDR heimlich Asyl. Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und andere machten orientierungslos weiter, bis sie 1982 verhaftet wurden.

Ein Ex-RAF-Mitglied sagt heute: "Schmidt hat uns 1977 die entscheidende Niederlage zugefügt." Auch wenn es noch Jahre gedauert habe, bis die Gruppe dies verstand.

Schmidt hatte unmittelbar vor der Befreiungsaktion in Mogadischu im Bonner Krisenstab erklärt: "Wenn es schlecht ausgeht, werde ich die Konsequenzen ziehen." Mit anderen Worten: zurücktreten.

Mogadischu ging gut aus, und Helmut Schmidt, der im Vergleich zu seinem Vorgänger Willy Brandt nicht sonderlich geliebte Kanzler, war Ende 1977 populär wie nie.

Im Video: Altkanzler Schmidt mit 96 Jahren verstorben



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ackergold 11.11.2015
1.
Mythen bleiben ewig, genau wieder Mythos vom Sieg über die RAF. Tatsächlich war es eher ein Pyrrhussieg.
observerbgg 11.11.2015
2. Der
Verlust des Altkanzlers hat auch uns sehr berührt. Er hat viel für Deutschland getan. All das wird und wurde seit gestern umfangreich berechtigt gewürdigt. Das steht außer Frage. Allerdings sollte jeder seine eigene Gefühlslage überprüfen. Ist der jetzt empfundene Verlust nicht auch auf das Versagen der jetzigen Politik und der Tatsache, dass es nun in Deutschland keinen Politiker seines Formates mehr gibt geschuldet? Die Sehnsucht nach Politikern, die wie er eine klare verständliche und pragmatische Politik mit harter Hand pflegten und auch damit dem Bürger als Garant für Zuverlässigkeit und Vertrauen galt, scheint mir im Moment trotz aller berechtigten und selbstverständlich wichtigen Trauer zu überwiegen.
dachristoph 11.11.2015
3. Die Überschrift
ist wohl eine Provokation, um einen 68er Altbomber hinter dem Ofen hervor zu locken? Die meisten sind doch eh mittlerweile Rentner und haben kapiert, daß eine Bombe den Staat nicht stürzt. Die anderen sind in der Regel tot.
chrimirk 11.11.2015
4. Nicht schon wieder!
Zitat von ackergoldMythen bleiben ewig, genau wieder Mythos vom Sieg über die RAF. Tatsächlich war es eher ein Pyrrhussieg.
Der Tote ist noch nicht unter der Erde, schon muss der Spiegel (natürlich!) mit Dreck werfen. Warum eigentlich? Bringt das mehr Auflage?
kai Spaicher 11.11.2015
5. Nein, die RAF wurde nicht besiegt. Der Kampf gegen sie
hat der Demokratie den ersten schweren Schaden zugefügt: Rasterfahnung, Verunglimpfung von Künstlern und Verdächtigungen, Zensur wurden alltagstauglich. Richtig wäre gewesen: Die RAF wurde erschlagen - mit Steinen, die Schmidt und Co aus den Fundamenten der Demokratie herausgebrochen hatte. Aber Schmidt konnte auch lächeln: http://billers.org/Bilder/Schmidt/slides/P1280658.html
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