Schleyer-Entführung: Kohl bot sich als RAF-Geisel an

Helmut Kohl bot sich während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die linksradikale Terrorgruppe RAF als Austauschgeisel an. Das sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt jetzt in einem Interview. Kohls Offerte sei aber eine "Schnapsidee" gewesen.

Helmut Kohl (1975, zur Zeit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz): Angebot zum Schleyer-Austausch Zur Großansicht
AP

Helmut Kohl (1975, zur Zeit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz): Angebot zum Schleyer-Austausch

München - Der damalige CDU-Vorsitzende und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl wollte sich nach Darstellung von Altkanzler Helmut Schmidt während der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 als Geisel zur Verfügung stellen. "Helmut Kohl hat damals angeboten, sich austauschen zu lassen", berichtete Schmidt (SPD) in einem Gespräch, das er gemeinsam mit Schleyers Sohn Hanns-Eberhard dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" gab. "Nicht ehrenhaft, es war verrückt. Die Idee, sich als Geisel gegen Hanns Martin Schleyer austauschen zu lassen, war eine Schnapsidee."

Seine eigene Entscheidung, die Forderungen der RAF abzulehnen und den Austausch Schleyers gegen Häftlinge zu verweigern, sei zu diesem Zeitpunkt längst gefallen gewesen, sagte Schmidt. Auch im Rückblick stehe er dazu: "Ich würde wahrscheinlich genauso handeln", sagte der 94-Jährige. Die Freilassung von Terroristen im Austausch für den entführten CDU-Politiker Peter Lorenz 1975 sei ein Fehler gewesen.

Schmidt fühlt sich mitschuldig an Schleyers Tod

Schmidt sagte, er fühle sich mitschuldig an Schleyers Tod - wie Kohl, Franz Josef Strauß (CSU) oder Hans-Dietrich Genscher (FDP) auch. Aber danach habe es keine Geiselnahme mehr gegeben. In dem Interview sprachen Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer zum ersten Mal öffentlich über die damaligen Ereignisse. Schleyers ältester Sohn hatte damals vergeblich versucht, den Austausch seines Vaters über das Bundesverfassungsgericht zu erzwingen.

Schleyer sagte in dem Gespräch, sein Vater habe ihm nach dem RAF-Mord an dem Bankier Jürgen Ponto gesagt: "Ich bin bereit zu akzeptieren, was die Regierung in einer solchen Situation für richtig hält." Der Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht, mit dem die Familie die Bundesregierung zum Austausch zwingen wollte, sei "ein letzter, verzweifelter Versuch" zur Rettung des Vaters gewesen. "Ich glaube, dass unser Staat nicht schwächer, sondern stärker geworden wäre, wenn er 1977 anders gehandelt und den Forderungen der Terroristen nachgegeben hätte", sagte Hanns-Eberhard Schleyer.

Allerdings habe die Gesellschaft Schmidts Entscheidung mitgetragen, die Deutschen seien zusammengerückt, und die klammheimlichen Sympathisanten seien von den Linksterroristen abgerückt. Die Verleihung des Hanns-Martin-Schleyer-Preises an Helmut Schmidt sei ein Zeichen des Respekts vor seiner Entscheidung und "auch eine Geste der Versöhnung" gewesen.

ade/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Helmut Kohl
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

"Entscheidend ist, was hinten rauskommt"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil