Reaktionen auf Schmidts Tod "Ein wirklich großer Patriot, ein großer Europäer"

Bundespräsident Gauck würdigt Helmut Schmidt als "leidenschaftlich vernünftigen Denker", Hans-Dietrich Genscher spricht von "einem Weggefährten in schwerer Zeit". Reaktionen auf den Tod des Altkanzlers.

Altkanzler Schmidt: "Europa ist sein Vermächtnis"
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Altkanzler Schmidt: "Europa ist sein Vermächtnis"


"Der Lotse geht von Bord" - so titelte der SPIEGEL im September 1982, kurz nachdem Helmut Schmidts sozialliberale Koalition zerbrochen war. Der Lotse - diese Bezeichnung hatte sich Schmidt als Krisenmanager erarbeitet: in den Tagen der großen Sturmflut als Innensenator in Hamburg, als Kanzler in der Zeit des RAF-Terrors, während der weltweiten Ölkrise. Und bis zuletzt nahmen viele Menschen Schmidt als Lotsen wahr - seine Meinung war auch lange nach seiner politischen Karriere gefragt und geschätzt.

Nun ist Altkanzler Schmidt im Alter von 96 Jahren gestorben. Laut Regierungssprecher Steffen Seibert würdigte Kanzlerin Angela Merkel den Politiker in einer Sitzung der Unionsfraktion.

Nach Teilnehmerangaben erinnerte Merkel an Schmidts Rolle während der Sturmflut 1962. Sie habe damals in der DDR von der Katastrophe im Radio gehört. Die CDU-Vorsitzende hob zudem Schmidts Bedeutung als Vordenker der internationalen Zusammenarbeit hervor.

Bundespräsident Joachim Gauck lobte den Altkanzler in einem Kondolenzschreiben an Tochter Susanne Kennedy-Schmidt für sein "entschlossenes Handeln in schwierigsten Situationen, seine Fähigkeit, das Machbare zu erkennen und zu gestalten, aber auch seine Kompromissfähigkeit, sein Eintreten für die Verteidigungsbereitschaft der freien Staaten Europas in Zeiten der Bedrohung". Schmidt sei "ein leidenschaftlich vernünftiger Denker" gewesen.

Nachricht in der Fraktionssitzung

Die Abgeordneten der SPD, Schmidts politischer Heimat, erfuhren ebenfalls während einer Fraktionssitzung vom Tod des Altkanzlers und gedachten ihm mit einer Schweigeminute. Der Hamburger hatte in der Großen Koalition von 1967 bis 1969 selbst einmal die SPD-Bundestagsfraktion geführt.

Vizekanzler Sigmar Gabriel sagte in Berlin: "Ein wirklich großer Patriot, ein großer Europäer und ein großer Sozialdemokrat ist gestorben." Schmidt bleibe weit über die SPD hinaus als jemand im Gedächtnis, der mit Zuversicht, Realismus und Tatkraft "unser Land gestaltet hat". Schmidts Herzensthema sei der Zusammenhalt Europas gewesen: "Ich glaube, dass sein Vermächtnis Europa ist."

Auch über den Kurznachrichtendienst Twitter äußerte sich Gabriel zu seinem verstorbenen Parteifreund.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann erinnerte an Schmidts Lebensleistung.

Auch SPD-Justizminister Heiko Maas gedachte Schmidt.

"Wir wissen, Deutschland ist ärmer geworden", sagte Hans-Dietrich Genscher. Der frühere FDP-Vorsitzende war einst Schmidts Vizekanzler. Er war es aber auch, der 1982 mit dem Ende der SPD/FDP-Koalition den Sturz Schmidts als Kanzler einleitete. Genscher sagte nun, für ihn persönlich sei der Tod Schmidts "der Abschied von einem Weggefährten in schwerer Zeit".

Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, (SPD) bezeichnete Schmidts Tod als eine "Zäsur für Deutschland und Europa". "Mit Helmut Schmidt starb ein herausragender deutscher Bundeskanzler, ein großer und kämpferischer Europäer und ein Mann, der die Sozialdemokratie in Deutschland und Europa wie kaum ein anderer geprägt hat", erklärte Schulz.

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Helmut Schmidt: Politiker, Publizist und Philosoph
CSU-Chef Horst Seehofer nannte Schmidt einen "herausragenden Nachkriegspolitiker und Staatsmann". "Strategisches Geschick und politische Weitsicht - so hat Helmut Schmidt als Bundeskanzler die Bundesrepublik Deutschland sicher durch die schwierige Zeit des RAF- Terrorismus und des Kalten Krieges geführt", erinnerte der bayerische Ministerpräsident. "Ich verneige mich vor der Lebensleistung von Helmut Schmidt, einem Hanseaten, der Bayern in Sympathie verbunden war."

Die Grünen-Vorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir nannten Schmidt "einen hochgeachteten Politiker und Staatsmann". Er sei bis zuletzt einer der führenden Intellektuellen des Landes gewesen.

Die Fraktionsvorsitzenden der Linken, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, erklärten: "Mit Helmut Schmidt verliert Deutschland einen Staatsmann, der die Politik der Bundesrepublik und die Sozialdemokratie in seinem langen Leben bedeutsam mitgeprägt hat."

Enge Beziehungen zu Frankreich

Auch im Ausland reagierten Spitzenpolitiker auf die Nachricht aus Hamburg. Frankreichs Präsident François Hollande sagte: "Ein großer Europäer ist tot." Hollande erklärte, Schmidt habe als Bundeskanzler Entscheidungen vorbereitet, die anschließend von seinem Nachfolger Helmut Kohl (CDU) und dem französischen Präsidenten François Mitterrand umgesetzt worden seien.

Der Franzose bezeichnete Schmidt als "großen Staatsmann", der dafür plädiert habe, "der Marktwirtschaft eine soziale Dimension" zu geben. Den früheren Bundeskanzler hatte eine enge Freundschaft mit dem einstigen französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing verbunden, mit dem sich Schmidt für die weitere europäische Integration einsetzte.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sagte über Schmidt: "Er war ein Freund, der mir, ebenso wie Europa, fehlen wird. Denn mit ihm verlieren wir einen besonderen Menschen, dessen politischer Mut viele bewegt hat."

kev/AFP/dpa/Reuters

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
AndreHa 10.11.2015
1.
Deutschland hat seine Stimme verloren.
ludwighuber1 10.11.2015
2. Herr Schmidt ein Hurra, Pfuiteufel den Selbstdarstellern
Bleibt zu hoffen, dass Genscher, Merkel, der Bimbeskanzler oder der Schwarzgeldkofferträger Schäuble wenigstens so viel Anstand haben, jetzt die eigene Schnauze zu halten. Es wäre unerträglich, würden diese Selbstdarsteller jetzt verlogene und verkommene Trauer zur Schau stellen. Ich müsste glatt speien und kotzen. Das hätte Schmidt nicht verdient. RIP
jubelyon 10.11.2015
3. Nostalgie
Ein rational denkender, pflichtbewusster Staatsmann mit Format und Weitsicht. Er hätte sich nie zu einer emotionalen, wenig verantwortungsbewussten Politik wie die der jetzigen Amtsinhaberin hinreissen lassen. Das Land hat ihm viel zu verdanken.
otelago 10.11.2015
4. Bitte bitte
keine Gauckeleien an so einem Tag.
ludwighuber1 10.11.2015
5. Herr Schmidt ein Hurra, Pfuiteufel den Selbstdarstellern
Bleibt zu hoffen, dass Genscher, Merkel, der Bimbeskanzler oder der Schwarzgeldkofferträger Schäuble wenigstens so viel Anstand haben, jetzt die eigene Schnauze zu halten. Es wäre unerträglich, würden diese Selbstdarsteller jetzt verlogene und verkommene Trauer zur Schau stellen. Ich müsste glatt speien und kotzen. Das hätte Schmidt nicht verdient. RIP
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