Staatsakt für Altkanzler Was von Helmut Schmidt bleibt

Das politische Deutschland versammelt sich, um Helmut Schmidt zu würdigen. Die Arroganz und die Kompetenz des Altkanzlers konnten anstrengend sein. Doch sie machten ihn für Generationen zum Vorbild.


Altkanzler Schmidt: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit
DPA

Altkanzler Schmidt: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit

Helmut Schmidt begegnete ich zum ersten Mal im Jahr 1983. Ich war ein junger Redakteur im politischen Ressort der "Zeit", und der abgewählte Kanzler kam als Herausgeber ins Haus.

Das war schon ziemlich komisch, denn über uns Journalisten hatte er ja gerade noch höchst abschätzig geredet, wobei "Wegelagerer" noch zu den freundlichen Sottisen gehörte. Und nun gönnte sich der Eigentümer des Wochenblattes einen ehemaligen Bundeskanzler als Leitfigur und der schrieb die Wochenzeitung voll, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Mehr als alles andere war Helmut Schmidt ein anspruchsvoller Mann, anspruchsvoll mit anderen, aber mehr noch mit sich selber. Wenn er sich äußerte, als Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender, vielfältiger Minister oder eben als Schreiber war er über alles informiert, was es zu lesen gab. Wahrscheinlich begriff er das Leben als permanentes Studium und wollte sich eines bestimmt nicht nachsagen lassen: Wissenslücken.

Natürlich wirkte die Darbietung gesammelter Erkenntnisse, im hanseatischen Singsang vorgetragen, oft genug arrogant. Auf ihn selber besaß die Anspruchshaltung aber eine gegenteilige Wirkung, denn seine Arroganz ging mit grundlegender Skepsis über die Begrenzung des Wissens einher. Er zitierte Kant nicht nur gerne, er hat ihn auch beherzigt: Erstens ist der Mensch aus krummem Holz, und zweitens ist jede Erkenntnis vorläufig und sollte revidierbar sein.

Auf ihn hörten die Sozialdemokraten bis zuletzt: Altkanzler Helmut Schmidt im Oktober 2007 im Gespräch mit Gerhard Schröder.

Helmut Schmidt als Baby. Einen Tag vor Heiligabend 1918 erblickte er das Licht der Welt.

Der Soldat: Diese Aufnahme zeigt Schmidt im Jahre 1940. Im Zweiten Weltkrieg kam er zur Flakartillerie, kämpfte an der Ostfront in einer Panzerdivision und später auch an der Westfront - zuletzt als Oberleutnant der Reserve und Batteriechef.

Frühe Jahre in der Politik: Schmidt 1955 in Bonn als SPD-Bundestagsabgeordneter.

Erste große Bewährungsprobe: Helmut Schmidt im Dezember 1962. Der damalige Hamburger Innensenator ehrt Bundeswehrsoldaten für ihren Einsatz während der Flutkatastrophe in der Hansestadt.

Drei Legenden der SPD: Schmidt 1966 im Gespräch mit Herbert Wehner, dem langjährigen späteren Fraktionschef der Sozialdemokraten. Links sitzt Willy Brandt. Sein Verhältnis zu Schmidt war nie ganz spannungsfrei.

Sportlich: Schmidt springt im Mai 1968 auf dem Bundeskongress der Jungsozialisten in Frankfurt am Main von der Rednerbühne.

Der Segler: Schmidt genießt im Juli 1971 einen sonnigen Tag auf dem Schulschiff "Mistral" in der Kieler Bucht.

Die Spionagetätigkeit seines Referenten Günter Guillaume (M.) wurde dem Sozialdemokraten Willy Brandt (r.) zum Verhängnis. Er trat zurück. Helmut Schmidt wurde im Mai 1974 Kanzler.

Auch das Schnupfen von Tabak gefiel Schmidt. Bei einem New-York-Besuch im Dezember 1974 amüsiert er sich über die Bemühungen des amerikanischen NBC-Moderators Lawrence E. Spivak.

Da hatten sie noch Spaß: Helmut Schmidt mit seinem späteren Nachfolger Helmut Kohl beim Presseball 1974 in Bonn.

Konzentrierter Zuhörer: Schmidt im Juli 1975 bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die in Helsinki stattfand.

Schach-Fan: Helmut Schmidt 1975 bei einer Simultanpartie in seinem Büro. Der Kanzler liebte den Denksport, hatte aber während seiner Politikerlaufbahn wenig Zeit dafür.

Sichtlich angetan von diesen drei Go-go-Girls war Schmidt im Juli 1977 auf seiner jährlichen Sommerparty in Bonn.

Zwei Freunde: Mit Frankreichs Staatschef Valéry Giscard d'Estaing (hier im Sommer 1977 auf dem Flughafen von Straßburg) verband Helmut Schmidt ein außerordentlich gutes Arbeitsverhältnis.

Schwere Entscheidung: In einer Fernsehansprache nimmt Schmidt im September 1977 Stellung zur Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF. Er gab den Forderungen der Terroristen nicht nach.

Schmidt kondoliert im Oktober 1977 bei der Trauerfeier in Stuttgart Waltrude Schleyer, der Witwe des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten.

Im Visier des RAF-Terrors: Schmidt steigt 1978 in Essen unter Polizeischutz in ein Auto.

Ostpolitiker: Schmidt stützt im Mai 1978 in Bonn zusammen mit dem sowjetischen Außenminister Gromyko (l.) Leonid Breschnew. Der damalige Kreml-Chef hatte nach einem Fototermin Mühe aufzustehen.

Kommunikationsprobleme? Schmidt 1979 bei einer Konferenz mit der britischen Premierministerin Maggie Thatcher.

Außenpolitiker: Schmidt lauscht im März 1979 vor Schloss Gymnich einer Erklärung des ägyptischen Staatschefs Anwar al-Sadat.

Internationaler Auftritt: Schmidt im Januar 1979 bei einem inoffiziellen Gipfel auf der Karibik-Insel Guadeloupe. Rechts Frankreichs Staatschef Valéry Giscard d'Estaing, daneben der britische Premier James Callaghan, neben Schmidt der US-Präsident Jimmy Carter.

Zwei Welten: Kanzler Schmidt und das Künstlergenie Andy Warhol im November 1980 beim Presseball in Bonn.

Ein glückliches Paar: Helmut und Loki Schmidt am 26. Dezember 1981 bei einem Spaziergang am Strand der US-Ferieninsel Sanibel Island. Er war seit 1942 mit der Lehrerin verheiratet.

Zweimal Deutschland: Erich Honecker verabschiedet Schmidt im Dezember 1981 nach einem Besuch in Güstrow. Der DDR-Staatsratschef reichte dem Kanzler ein Bonbon.

Hans-Dietrich Genscher war in Schmidts Kabinett Außenminister und Vizekanzler. Nach der "Wende" 1982 behielt der FDP-Mann auch unter Helmut Kohl beide Ämter.

Die "Wende": Schmidt beglückwünscht am 1.10.1982 Helmut Kohl als seinen Nachfolger. Durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag wurde der Hamburger als Kanzler gestürzt.

Publizisten: Mit einem Handkuss begrüßte Schmidt im Dezember 1988 Marion Gräfin Dönhoff, die Herausgeberin der "Zeit". Er war seit 1983 Mitherausgeber der Wochenzeitung.

Nichts ohne Loki: Das Ehepaar Schmidt im August 2003 bei einem kurzen Spaziergang im schweizerischen Graubünden.

Ratgeber: Schmidt im September 2008 im Gespräch mit dem damaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Der Raucher in seinem Büro bei der "Zeit": Schmidt mochte zeitlebens nicht auf seine Zigaretten verzichten.

Das Ehepaar Schmidt mit Tochter Susanne bei einer Feier 2009 in Hamburg. Loki Schmidt starb am 21.10.2010 im Alter von 91 Jahren. Der Altkanzler zog sich nach ihrem Tod zunächst zurück und mied die Öffentlichkeit. Er trauerte still um seine große Liebe.

In vielem war Helmut Schmidt ein Autodidakt. Er gehörte zu den ungemein wenigen Politikern, die auf ständiger Fortbildung waren. Als es wichtig war, über die Zahl und die Reichweite von Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen Bescheid zu wissen und auch über die (heute seltsam anmutende) Philosophie des Nuklearzeitalters (flexible response gegen mutually assured destruction hieß das), da fraß er alles Geschriebene in sich hinein. So hielt er es als Finanzminister und Verteidigungsminister. Als Kanzler war er der idealtypische Gesamtminister, bei dem jeder Fachminister befürchten musste, an die Wand gespielt zu werden. Am Ende war er eine wandelnde Enzyklopädie der deutschen Nachkriegsgeschichte samt ihrer Vorgeschichte, dazu der amerikanischen, chinesischen oder indischen Geschichte.

Ohne diese umfassende Kompetenz wäre seine späte Popularität nicht möglich gewesen. Er konnte zum Weisen aus Langenhorn werden, weil er für seinen hohen Anspruch an sich selber bekannt war. Ihm wurde höheres Wissen zugebilligt, da er sich nicht so oft grundlegend geirrt hatte wie Franz Josef Strauß, der abendländisch gebildeter war, aber den sein explosives Gemüt zu grotesken Fehleinschätzungen trieb. Er war kein egomanischer Triebtäter wie Helmut Kohl, der seinen Abschied vom Kanzleramt lange nicht so gut hinbekam wie Helmut Schmidt.

Er war ein Pragmatiker, aber was ist das eigentlich: ein Pragmatiker? Pragmatismus kann eine flache Pseudophilosophie sein, und viele unter uns Journalisten haben sich über Schmidt lustig gemacht, als sei ein Pragmatiker bloß ein Macher ohne Tiefgang. Schmidt ohne Tiefgang? So ein Quatsch. Ein Pragmatiker wie er war einer, der die Grenzen seines Handelns kannte und wusste, dass Handeln Schuld einschließen kann: wie bei der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers. Als Pragmatiker war Schmidt ein Grübler. Ein Nachdenker. Einer, der Konsequenzen auf sich nahm, wie den Verzicht darauf, im Fall seiner eigenen Entführung - oder der seiner Frau - ausgetauscht zu werden.

Schmidt und seine Frau Loki (1968)
DPA

Schmidt und seine Frau Loki (1968)

Als Kanzler kümmerte sich Helmut Schmidt um die Krisen, die anfielen: Erdölkrise, Inflationskrise, Arbeitslosigkeitskrise, Entspannungspolitikkrise, Irankrise (Khomeinis Einzug in Teheran 1979), Afghanistankrise (wegen des Einmarsches der Russen 1979).

Er schlug sich genauso durch, wie sich die Deutschen durch ihr Leben schlugen, pragmatisch und illusionslos: autofreie Sonntage, teures Benzin, die Kinder bei den Anti-Atomdemonstrationen in Brokdorf und Mutlangen, Ende der gesicherten Rente und der jährlichen Gehaltserhöhungen.

Schmidt war auf hohem Niveau nicht viel anders als diejenigen, die er regierte. Er sagte ihnen, lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Bald hatte Deutschland beides, aber jeder kann sich mal irren.

Als Kanzler war Schmidt auch anstrengend mit seinen ständigen Exkursen über die Bürde des Amtes und die Schwere der Weltwirtschafts-/Weltfinanz-/Weltkrisenherdprobleme. Als Ex-Kanzler schrieb er dann Bücher, wie er zuvor Reden gehalten hatte, und sie wurden zu Bestsellern. Warum?

Bei ihm wirkte sich aus, dass er vorher schon glaubwürdig gewesen war. Dazu gehörte seine seltsame Bescheidenheit trotz dicken Bankkontos. Das Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn blieb trotz aller Sicherheitseinrichtungen ein Reihenhaus. Das Haus am Brahmsee war luxusabgewandt. Anzüge von der Stange. Essen rustikal. Zigaretten, das schon, aber was soll's. Einer wie viele andere. Ohne Bohei, ohne Tamtam.

Ohne Glaubwürdigkeit wäre er nicht zu dieser Ikone geworden, zu diesem Popstar, dem sie an den Lippen hingen, wenn er sich auf der Bühne von Giovanni di Lorenzo befragen ließ oder von Sandra Maischberger im Fernsehen. Er wusste, wie man die Leute in den Bann schlägt: mit diesen langen Pausen, durch das Anzünden einer Zigarette tückisch gefüllt; mit den Rügen für die Journalisten ("Ihre Frage verstehe ich nicht"); mit diesen Loriot-haften Einlagen, vorzugsweise im Tandem mit Richard von Weizsäcker, wenn sich die alten Männer in einer TV-Sendung glucksend einfach weiterunterhielten und den Moderator ignorierten, bis der im Boden versunken war.

Ex-Kanzler, "Zeit"-Vollschreiber, Dauerraucher, Welterklärer
DPA

Ex-Kanzler, "Zeit"-Vollschreiber, Dauerraucher, Welterklärer

Dank der Glaubwürdigkeit nahm man ihm so manche Fehleinschätzung nicht übel. "Er kann es" sagte Schmidt über Peer Steinbrück und half ihm dabei, zum Kanzlerkandidaten der SPD aufzusteigen. Wahlkämpfen jedenfalls konnte Steinbrück nicht besonders gut. Oder die Nachsicht mit Wladimir Putin: war wohl doch nicht angebracht.

Wichtiger war, dass Schmidt als Gegenmodell zu den Hochgeschwindigkeitsurteilern à la Sigmar Gabriel verstanden werden konnte. Das ist durchaus bedenkenswert, denn für die vorherrschende SPD-Generation (und die anderer Parteien auch) ist die solide Anhäufung vielerlei Wissens kein Selbstzweck, um es milde zu sagen. Auf ihr Gemüt, das sie ihren Bauch nennen, bilden sie sich etwas ein.

Übrigens ist auch deshalb Angela Merkel derart unangefochten, weil sie wie selbstverständlich den Verstand einsetzt und Erfahrung anhäuft und anwendet, einfach so, natürlich ohne die Schmidt'sche Arroganz.

Das bleibt: Politik ernsthaft begründet mit Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper. Selbstreflexion über die Begrenztheit des Tuns und des Wissens. Und die Wertschätzung der Deutschen für überragende Figuren wie Schmidt. Daraus könnten die Jüngeren lernen, wenn sie es wollten. Das Gejammer über die Schnelllebigkeit der Mediengesellschaft ist nur eine Ausrede, ein fades Alibi.

Das bleibt von Helmut Schmidt: Er war einer wie viele aus seiner Generation, die sich skeptisch und stolz daran machten, die Nachkriegsrepublik zu begründen, nicht nur gegen Hitler oder im Kontrast zur Weimarer Republik, sondern als Einübung in eine Demokratie in westeuropäischer Tradition. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und deshalb fehlt er: als Hanseat, Ex-Kanzler, "Zeit"-Vollschreiber, als Bühnen- und Fernsehereignis, als Dauerraucher, als Welterklärer, als Helmut Schmidt. Als ein Vorbild für das, worauf es ankommt: Vertrauen durch Glaubwürdigkeit.

Zum Autor
  • privat/ Sebastian Hartz
    Gerhard Spörl fing 1980 bei der "Zeit" an und war seit 1990 beim SPIEGEL Ressortleiter, Amerika-Korrespondent und zuletzt zuständig für Meinung. Seit dem 31. Juli ist er im Ruhestand.
Mehr zum Thema auf SPIEGEL ONLINE:



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hinschauen 23.11.2015
1.
"Übrigens ist auch deshalb Angela Merkel derart unangefochten, weil sie wie selbstverständlich den Verstand einsetzt und Erfahrung anhäuft und anwendet, einfach so, natürlich ohne die Schmidtsche Arroganz." An diesem Satz ist einfach alles falsch.
eggie 23.11.2015
2.
"die Kompetenz konnte anstrengend sein". Aha.
Charlie Brown II 23.11.2015
3. Unbestritten...
...er war ein großer zu seiner Zeit. Aber seit den 90ern hat auch er sich geweigert, Deutschlands neue Stellung in der Welt und die damit verbundenen Pflichten anzuerkennen. Man kann von Ihm denken was man will, aber Schröder hat es erkannt. Bei Merkel bin ich mir oft nicht sicher...
cdrenk 23.11.2015
4. Legendenbildung
Die vom SPON betriebene alberne Legendenbildung zur angeblichen ´Kompetenz´ von Herrn Schmidt in Wirtschaftsfragen ist belustigend. Dieser Herr hat - weil er nicht den Mumm zu Reformen hatte - das Defizitspending in Deutschland hoffähig gemacht und damit die Grundlage ausufernder Staatsverschuldung gelegt. Gesagt werden darf, dass er ein ´netter Kerl´ war - kompetent war er nie.
Lignite 23.11.2015
5. Arroganz - wenn ich so was schon höre
Und zwar von dem Angehörigen einer Kaste, die sich durch eine gewaltige Hybris auszeichnet und sich häufig durch die Realität in ihrem Glauben, alles besser zu wissen, nicht beirren lässt. Auch nicht dadurch, dass sie ständig dabei im Irrtum landen. Herr Schmidt war ein selbstbewusster Mann, dem der intellektuelle Abstand zu seinen Gesprächspartnern von den Medien wohl bewusst war. So etwas nennt man Realitätsbewusstsein. :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.