Hemmungslose Gewalt Trend-Droge lässt Jugendliche durchdrehen

Das Medikament macht schmerzfrei, verdrängt Angst: Jugendliche Gewalttäter bringen sich mit Tilidin in Stimmung, bevor sie Läden ausrauben oder Leute verprügeln. Bei Festnahmen wehren sich Verdächtige "wie die Berserker", sagt die Polizei.

Von Stephan Orth


Berlin - Mit mehr als 120 Kilometern pro Stunde rast der Wagen durch die Eisenacher Straße in Berlin-Schöneberg. Im Affenzahn passiert der Fahrer die St. Annen-Apotheke und das California-Sonnenstudio. Ein Streifenwagen hinterher, doch die Polizisten müssen die Verfolgung abbrechen, um sich selbst und andere nicht in Lebensgefahr zu bringen. Der angstfreie Fahrer ist der Polizei als Tilidin-Konsument bekannt - das ist ein Schmerzmittel aus der Krebstherapie, das euphorisch macht und Hemmungen fallen lässt.

Polizeiliche Drogenkontrolle in Berlin: Angstfrei dank Schmerzmittel
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Polizeiliche Drogenkontrolle in Berlin: Angstfrei dank Schmerzmittel

Tilidin hat sich laut Polizeiangaben seit einigen Jahren in den Berliner Stadtteilen Neukölln und Wedding zu einer Trenddroge unter jugendlichen Kriminellen entwickelt. Die Konsumenten in der Szene, sagt die Polizei, seien vor allem junge Araber, da Medikamente für gläubige Muslime im Gegensatz zu Heroin, Cannabis oder Alkohol nicht grundsätzlich verboten seien. Tilidin-Präparate wie Valoron N sind zwar verschreibungspflichtig, verstoßen aber nicht gegen das Betäubungsmittelgesetz. So ist lediglich der illegale Verkauf strafbar, nicht jedoch der Besitz.

Pfefferspray ist wirkungslos

Wer sich mit Tilidin Mut antrinkt, ist kaltblütig und schmerzfrei genug, um andere Jugendliche abzuziehen, eine Schlägerei zu gewinnen oder eine Tankstelle auszurauben. Wer eine hohe Dosis des Medikaments genommen hat, wehrt sich bei der Festnahme durch die Polizei "wie ein Berserker - er tritt, beißt, spuckt und reagiert nicht mal auf Pfefferspray", sagt Hauptkommissar Andreas Wolter, der Leiter der Direktion Fünf des Berliner Intensivtäterprogramms. Er ist für insgesamt 176 Intensivtäter in den Bezirken Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg zuständig.

Für die Beamten ist die Festnahme eines Konsumenten der "Amokdroge" (Berliner Kurier) eine unangenehme Pflicht, da die gelernten schmerzauslösenden Hebel wenig Wirkung zeigen - so müssen sie brutaler zugreifen und dem Täter schlimmstenfalls den Arm auskugeln oder brechen. "Die Konsumenten entwickeln eine Art Größenwahnsinn, fühlen sich vollkommen überlegen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Drogenkommissariats. In der Mehrzahl der Fälle handle es sich um Jugendliche aus muslimischen Familien.

Mike P., der 16-jährige Messerstecher, der bei der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofes wahllos Menschen niederstach, hatte vor der Tat Tilidin genommen. Auch Robert Steinhäuser, der 19-jährige Amokläufer von Erfurt, soll gelegentlich Tilidin konsumiert haben. In der Türsteherszene in Großstädten wurden ebenfalls bereits Fälle von Tilidin-Missbrauch gemeldet.

Schon in den achtziger Jahren wurde Valoron in den Pariser Banlieues und in der Drogenszene um die "Kinder vom Bahnhof Zoo" in Berlin konsumiert, weil es verhältnismäßig billig war und die Entzugserscheinungen von Heroin linderte. Deshalb nahmen die Pharmakonzerne das ursprüngliche Mittel vom Markt und fügten den suchtbremsenden Wirkstoff Naloxon hinzu. Das neue Präparat Valoron N war damit als Heroinersatz nicht mehr brauchbar und verschwand für einige Jahre aus der Drogenszene. Die derzeit im Handel erhältlichen Präparate werden nach Operationen oder bei Rheuma- und Krebspatienten als Schmerzmittel eingesetzt. Sie sind deutlich stärker als Aspirin oder Paracetamol, haben aber nur ein Fünftel der Wirkung von Morphin.

In Einzelfällen erhöhte Aggressivität

Nicht bei jedem Konsumenten wirkt das Medikament gleich. "Wenn jemand keine Schmerzen hat und Tilidin schluckt, nimmt mit Sicherheit die Verkehrsfähigkeit und Geschicklichkeit ab", sagt Günther Sprotte, Schmerzforscher an der Universität Würzburg. Wer jedoch Schmerzen oder Entzugssymptome habe, werde wacher und konzentrationsfähiger. Bei regelmäßigen Nutzern wirke das Mittel belebend, in Einzelfällen seien auch Aggressivitätssteigerungen durch das Medikament beobachtet worden. Manche Experten vermuten, dass Tilidin ähnlich wie Alkohol eine bereits vorhandene Grundstimmung verstärken kann - ob das nun Müdigkeit oder Wut ist.

Die normale Dosis für Schmerzpatienten sind etwa 20 Tröpfchen, manche Jugendliche dagegen kippen ganze 50-Milliliter-Fläschchen in einem Zug hinunter. Manchmal bleibt jedoch der erhoffte Mega-Kick aus. "Wenn eine höhere Tagesdosis als 600 Milligramm [entspricht etwa neun Millilitern, Anmerkung d. Red.] genommen wird", sagt Sprotte, "dann wirkt das Naloxon als Antagonist" - die Wirkung verstärkt sich nicht weiter. Das sei jedoch ein Durchschnittswert, individuell seien die Wirkungen sehr unterschiedlich. Aus Polen und Holland kommen jedoch auch Tilidin-Fläschchen nach Berlin, die keine Naloxon-Bremse enthalten.

Die Beschaffungskriminalität ist zu einem ernsthaften Problem geworden. "Wir haben festgestellt, dass bei Raubüberfällen oder Einbrüchen in Apotheken in den vergangenen Jahren verstärkt Tilidin mitgenommen wird", sagt Wolter. "Bei Personenkontrollen finden wir sehr häufig entweder Cannabisprodukte oder Tilidin." Die Größenordnung sichergestellter Fläschchen sei inzwischen ähnlich hoch wie bei der Heroin-Ersatzdroge Rohypnol. Nicht alle Abnehmer sind jedoch potentielle Gewalttäter - viele Süchtige konnten nach einer Schmerztherapie nicht mehr mit dem Tilidin aufhören.

"In den Jahren 2006 und 2007 haben wir in Berlin jeweils etwa 2000 Fälle von Rezeptfälschungen erfasst, zu 90 Prozent ging es dabei um Tilidin", sagt Olaf Schremm, Leiter des Berliner LKA-Dezernates für Umweltdelikte, das auch für das Arzneimittelkommissariat zuständig ist. Weil Fälschungsserien mit einem Rezeptblock als einzelner Fall gewertet werden und weil nicht jeder Täter gefasst wird, liegt die tatsächliche Anzahl der gefälschten Rezepte noch deutlich höher.

Apotheker fordern Aufnahme ins Betäubungsmittelgesetz

Da in Berlin inzwischen die Apotheker für das Problem sensibilisiert sind und bereits einige Ärzte aus Prinzip keinen Jugendlichen mehr Tilidin verschreiben, weichen die Täter immer häufiger in andere Bundesländer aus, um die gefälschten Rezepte einzulösen. Auch im Ruhrgebiet und in Hamburg nimmt die Beschaffungskriminalität zu. Die Apothekerkammer Baden-Württemberg warnte auf ihrer Internetseite vor gefälschten Tilidin-Rezepten, die zum Großteil von "Mitbürgern arabischer Herkunft" eingereicht werden, und in Greifswald haben Apotheken das Medikament nach mehreren Einbrüchen aus dem Lager genommen - in Zukunft muss es immer bestellt werden.

Doch einzig in Berlin wird die Zahl der gefälschten Rezepte bereits statistisch erfasst, in anderen Bundesländern fallen die Delikte unter den weniger präzisen Begriff der "Urkundenfälschung". Bei der Erfassung von Straftaten unter Tilidin-Einfluss ist es ähnlich - im Bericht steht in solchen Fällen lediglich, dass der Täter unter Drogeneinfluss gestanden habe.

"Aufgrund der Situation in Berlin befürworten wir eine Aufnahme ins Betäubungsmittelgesetz", sagt Schremm. Auch der Berliner Apotheker-Verein setzt sich für eine solche Maßnahme ein. Dann nämlich bräuchten Käufer ein Spezialrezept in mehrfacher Ausführung für Arzt, Apotheker und Bundesopiumstelle, wodurch Fälschungen kaum noch möglich sind.

Doch bis es so weit ist, können sich Kriminelle weiterhin vor Schlägereien und Überfällen mit dem Schmerzmittel angstfrei machen. Was übrigens auch strafrechtlich ein kluger Schachzug ist: Wer unter Medikamenteneinfluss ein Verbrechen begeht, ist möglicherweise nur vermindert schuldfähig.

Korrektur: Ursprünglich war in diesem Artikel zu lesen, der Erfurt-Attentäter Robert Steinhäuser habe vor seiner Tat Tilidin genommen. Diese Information stammte aus einem Zeitungsartikel sowie einem Buch über den Fall, ist jedoch laut Obduktionsbericht nicht korrekt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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