Herbert Wehner Zuchtmeister und Stratege der Macht

Urgestein, Kärrner, Zuchtmeister, Stratege – das sind die üblichen Charakterisierungen und Etikettierungen, die verlässlich die Runde machen, sobald die Rede auf Herbert Wehner kommt. Am 11. Juli wäre der legendäre SPD-Politiker 100 Jahre alt geworden.

Von Franz Walter


Ohne Zweifel: Wehner, der am 11. Juli 1906 als Sohn eines Schuhmachers in Dresden geboren wurde, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der großen Politiker der deutschen Nachkriegsdemokratie. Doch ganz oben, an der Spitze des Bundeskabinetts, konnte, durfte er nie sein. Denn Wehner war über viele Jahre seines Lebens Kommunist.

1930 gehörte er als Mann der KPD mit 24 Jahren schon dem sächsischen Landtag an. Dann reiste er als Organisationskader der kommunistischen Zentrale subversiv und quer durch das Land. 1934 stand er in gemeinsamer illegaler Arbeit mit Erich Honecker. Und immer wieder hielten sich in den Jahrzehnten danach die Gerüchte, dass er in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre im Moskau der stalinistischen Schauprozesse Genossen denunziert und an den Galgen gebracht habe. Einiges davon war nicht nur von üblen kalten Kriegern bösartig erfunden. Und Wehner litt zeit seines Lebens unter seinen Verfehlungen in jenen blutroten Jahren. Seine oft jähen Ausbrüche, seine hemmungslosen Zorntiraden, auch sein oft stundenlanges brütendes Schweigen, erst recht seine spätere tiefe Religiosität – all das hatte offenkundig mit den schweren Belastungen zu tun, die Wehner seit den traumatischen Schrecken im Hotel Lux und der Lubjanka schwer mit sich herumtrug.

Glaubt man Wehner, dann wollte er nach 1945, nun geläutertes Mitglied der Sozialdemokratie, nicht wieder vorn ajf der politischen Bühne stehen. "Sie werden mir die Haut bei lebendigem Leib abziehen", will er dem damaligen SPD-Chef, Kurt Schumacher, furchtsam gesagt haben. "Und Du wirst das schon aushalten", soll dessen ungerührte Replik gelautet haben. So gelangte der Ex-Kommunist 1949 für die Sozialdemokraten in den Deutschen Bundestag, dem er im Folgenden 34 Jahre angehörte.

Wehner peitscht die SPD zur Macht

Im Jahre 1959 wurde er einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion. 1958 wählten ihn die Parteitagsdelegierten überdies zum stellvertretenden Parteivorsitzenden. Im Grunde aber war Herbert Wehner für mehrere Jahre der eigentliche, der faktische Parteivorsitzende der deutschen Sozialdemokraten. Er, nicht Erich Ollenhauer – dessen Selbstbewusstsein Wehner brutal brach - und zunächst auch nicht Willy Brandt befehligte die Partei. Bis 1965 dauerte diese informelle Parteiführung an.

Die Wehnersche Parteiführung trennte sich kühl und unsentimental von allen Programmsätzen und Zielsetzungen der klassischen SPD. Und Wehner schaffte es, mit einer einzigen Parlamentsrede – derjenigen vom 30. Juni 1960, als er für die SPD die Westpolitik der Adenauer-Regierung anerkannte – die Opposition aus einer bis dahin schier hoffnungslosen Abseitsstellung herauszuboxen. Und niemanden, weder seinem Parteivorsitzenden noch seinem Kanzlerkandidaten, hatte Wehner über sein Vorhaben auch nur ein Sterbenswörtchen vorher verraten.

Innerparteiliche Opponenten gegen seinen Kurs wurden vom Wehner-Apparat schon im Vorfeld ausgegrenzt, denunziert, kaltgestellt. Auf den Parteitagen selbst schrie Wehner die wenigen Kritiker, die noch übrig geblieben waren, persönlich nieder. Der Parteitagsredner Wehner tobte und geiferte; er spie Gift und Galle; er verletzte und erniedrigte all diejenigen, die anders dachten als er.

Die Partei fürchtete ihn. Aber sie bewunderte ihn auch. Es hatte in der sozialdemokratischen Geschichte selten einen Mann gegeben, der seine so chronisch zögerliche und regierungsängstliche Partei derart rüde und rücksichtslos zur Macht trieb wie Wehner. Sein klassenkämpferischer Habitus zog auch linke Gewerkschafter und sozialistische Traditionalisten mit, als Wehner die SPD an die Seite der Union in die Bonner Regierung schob und stieß. Herbert Wehner hatte die Große Koalition in der ersten Hälfte der 1960er Jahren zäh, nachgerade konspirativ vorbereitet und eingeleitet. Nächtelang trank der Diabetiker mit den Granden der Union Wein, schickte ihnen zu Weihnachten selbstgebackene Christstollen, spielte ihnen an langen Abenden auf seiner Mundharmonika vor – und gewann sie für sich.

Wehners Mann Brandt: "Der Herr badet gern lau"

Und als ab 1969 alles vorbei war, interessierte sich Wehner keine Sekunde mehr für die über Jahre gehätschelten und mit allerlei Liebenswürdigkeiten und Sentimentalitäten umworbenen Christdemokraten. So war Wehner, taktisch bedenkenlos, ein Meister der Winkelzüge und Undurchsichtigkeiten.

Das machte Wehner bis Mitte der sechziger Jahre zum wirklichen Führer der SPD. Aber offiziell konnte er nicht erster Mann der Partei werden. Wehner war ein Wählerschreck. Wehners Weg war nicht mit Wehner selbst an der Spitze zu gehen. Dafür erkor die Wehner-SPD den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt. Und das setzte er durchaus gegen den Argwohn der meisten Aktivisten in der SPD durch. Denn diese mochten Brandt nicht. Sie hielten ihn für einen Bonvivant, einen Bruder Leichtfuß. Auch Wehner hatte keine hohe Meinung von der politischen Substanz Brandts; auch er hielt den Berliner SPD-Politiker für einen dem Fleiß abgeneigten Dandy. Doch das scherte den kalten Strategen der Macht nicht im geringsten. So hoffte er vielmehr, den Kandidaten leichter steuern und manövrieren zu können.

Mit der sozialliberalen Koalition schwächte sich zuvor nachgerade omnipotente Stellung Wehner zunächst ab. Zwischen 1969 und 1972 war Willy Brandt die unbestrittene Autorität gleichsam von eigenen Gnaden, war er der große friedenspolitische Charismatiker oben an der Spitze seiner Partei. Doch ab 1973 regierte Willy Brandt lustlos, zunehmend ohne Fortune. So wurde Brandt verwundbar. Infolgedessen fiel es dem intrigengestählte Herbert Wehner, nun Fraktionsvorsitzender, schließlich nicht schwer, den angeschlagenen Kanzler – dem er ausgerechnet in Moskau hämisch Schwäche ("Der Herr badet gern lau") nachgesagt hatte - den entscheidenden Stoß zu versetzen und zum Rücktritt zu pressen.

Die Handlungsweise von Wehner war oft abstoßend genug. Aber sie war für die Sozialdemokraten gleichwohl ebenso oft von Nutzen. Wenig jedenfalls spricht dafür, dass die Sozialdemokraten als Regierungspartei mit einem Kanzler Brandt an der Spitze die Kurve noch einmal erfolgreich genommen hätten. So folgte auf Brandt Helmut Schmidt. Und fortan war es die berühmte Troika - aus Brandt, Schmidt und Wehner - die gewissermaßen kollektiv die schwierige, da kulturell und sozial äußerst heterogene Sozialdemokratie nun führte.

Doch im Laufe der 1970er Jahre erodierte das Führungstrio immer mehr. Die drei von der sozialdemokratischen Troika mochten sich gegenseitig nicht, misstrauten einander zutiefst und erzählten ausgesprochen schäbige Dinge übereinander. Auch deshalb scheiterten SPD und Regierung in den frühen achtziger Jahren.

Ein Mythos, der schnell verblasste

Herbert Wehner war in der zweiten Hälfte der sozial-liberalen Regierungsära eine Last für die SPD. In die Breite der Partei sprach sich das seinerzeit kaum herum. An der Basis wurde er weiterhin gefeiert und verehrt, als Kärrner, Zuchtmeister, Anwalt der kleinen Leute, als der Hagen von Tronje der deutschen Sozialdemokratie. In Wirklichkeit bekam er die Bundestagsfraktion immer weniger in den Griff. Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion hatte sich 1976 und 1980 deutlich verjüngt. Die neuen Abgeordneten suchten die Integration durch Diskussion und Einsicht, nicht durch Disziplin und lärmende Machtworte. Wehner kam damit nicht zurecht. Ihm fiel auch jetzt nichts anders ein, als schrecklich zu wüten, zu poltern, zu demütigen. Er kam gar nicht auf den Gedanken, war wohl dazu auch nicht in der Lage, die neuen und manchmal eigenwilligen Fraktionsmitglieder zu politischen Aktivitäten zu ermuntern, sie zu inspirieren, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Wehner instrumentalisierte die Schwächen anderer Menschen, baute nicht auf ihre Stärken.

Am Ende der Ära Schmidt war Wehner ein einsamer Mann in den Führungszirkeln der Partei. Hinzu kam, dass Wehner an einer Zuckerkrankheit litt. Er wurde mit der Zeit immer kontaktärmer, einsamer, auch starrsinniger. Die Fraktion hatte er im letzten Teil des sozial-liberalen Dramas nicht mehr im Griff. Die Abgeordneten waren froh, als er 1983 sein Amt endlich aufgab und nicht mehr in den Bundestag zurückkehrte.

Doch an der Parteibasis lebte der Wehner-Zauber noch eine Zeit lang fort. Überraschend schnell allerdings verblasste auch dieser Mythos. Es war wohl so: Viel zu sagen hatte der sächsische Proletariersohn und subkutane Vorkämpfer für ein sozialistisches Gesamtdeutschland der neumittigen SPD der Jahre 1998ff in der Tat nicht mehr. So lädt der Parteivorstand der SPD für heute Abend zwar zu einer "Gedenkveranstaltung: 100 Jahre Herbert Wehner“ in das Willy-Brandt-Haus ein, aber mehr als einer der üblichen historischen Pflichttermine mit pathetischen Festtagsansprachen ist das nicht. Die Welt der Wehner-SPD ist längst untergegangen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.