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Nordrhein-Westfalen: Angriff auf Jesiden - Polizei-Großeinsatz in Herford

Jesiden in Herford: Gegenseitige Attacken Zur Großansicht
DPA

Jesiden in Herford: Gegenseitige Attacken

Die Polizei musste mit Hundertschaften eingreifen: Im westfälischen Herford sind Jesiden und Sympathisanten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" mit Holzlatten, Steinen und Flaschen aufeinander losgegangen. Es gab mehrere Verletzte.

Herford - Im westfälischen Herford ist es zu Auseinandersetzungen zwischen Jesiden und Anhängern des muslimischen Glaubens gekommen. Beide Gruppen standen sich am Mittwochabend gegenüber: auf der einen Seite bis zu 300 Jesiden, auf der anderen mehrere Gruppen von Muslimen, Salafisten und Anhängern der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

Beide Seiten attackierten sich mit Steinen, Flaschen und Holzlatten. Nach Polizeiangaben wurden einzelne Beteiligte verletzt. Zudem kam es zu Sachbeschädigungen in der Innenstadt, an denen Anhänger der verschiedenen Glaubensrichtungen beteiligt waren. Eine größere Gruppe von Vermummten, die mit Schlagwerkzeugen bewaffnet gewesen sei, habe auf Passanten eingeschlagen, meldeten die Beamten. Dieser Angriff habe nur durch den massiven Einsatz von Pfefferspray gestoppt werden können.

Mehrere Verletzte

Begonnen hatten die Auseinandersetzungen nach Polizeiangaben am Nachmittag gegen 16 Uhr vor einem Imbiss in der Nähe des Herforder Bahnhofs. Fünf Männer jesidischen und sechs Männer muslimischen Glaubens seien in eine Schlägerei verwickelt gewesen, berichtet WDR online. Sie sollen mit Flaschen und einem Messer bewaffnet gewesen sein. Zwei Jesiden, ein 16- und ein 31-Jähriger, wurden Medienberichten zufolge durch Messerstiche leicht verletzt.

Bei dem Einsatz wurden nach Polizeiangaben sechs polizeibekannte, überwiegend aus Tschetschenien stammende Islamisten vorübergehend festgenommen.

Anlass des Streits soll ein Plakat gewesen sein. Darauf wurde von Jesiden zu einer Demonstration aufgerufen, um gegen das Vorgehen der Terrorgruppe IS in Irak und Syrien zu protestieren.

Polizisten aus Ostwestfalen und Kräfte der Polizeihundertschaften aus Bochum und Dortmund trennten die Gruppen. Mehrere Menschen erlitten bei den Auseinandersetzungen leichte Verletzungen, nach ambulanter Versorgung wurden sie wieder entlassen.

Schlagstöcke und eine scharfe Schusswaffe

In der Nacht zu Donnerstag griff die Polizei dann eine fast 100-köpfige Jesidengruppe mit Schlagstöcken und einer scharfen Schusswaffe auf. Die Jesiden waren durch die Innenstadt gezogen. Die Polizei nahm einen Großteil der Waffen in Beschlag und die Personalien auf.

Auch am Donnerstag werde die Herforder Polizei von Kräften einer Hundertschaft aus Münster unterstützt und in der Innenstadt präsent sein, sagte ein Sprecher der Polizei in Herford SPIEGEL ONLINE. Der Staatsschutz habe Ermittlungen zu den Attacken aufgenommen.

Im Irak kämpfen Regierungstruppen und kurdische Milizen gegen die Terrorgruppe IS. Zehntausende Jesiden sind vor den Islamisten auf der Flucht. Jesiden sind eine kurdische religiöse Minderheit. Ihre Ursprünge liegen im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei. In vielen Ländern des Nahen Ostens werden sie verfolgt. Die islamistische IS-Milizen wollen in Irak und Syrien einen Gottesstaat errichten und verfolgen dort die überwiegend kurdische religiöse Minderheit der Jesiden.

kes/heb/dpa/AFP

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Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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