Berlin Herr T. und der entführte Vietnamese

Die mutmaßliche Entführung eines vietnamesischen Ex-Politikers ist ein politischer Skandal. Nun kommentierte ein Mitarbeiter der Flüchtlingsbehörde Bamf den Fall auf Facebook - ganz im Sinne der Regierung in Hanoi.

Trinh Xuan Thanh
DPA

Trinh Xuan Thanh

Von und


Er wurde als "Rechtsexperte" vorgestellt, der zurzeit im "deutschen Regierungsapparat" arbeite: Ho Ngoc T., ein Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), ist auf der Facebook-Seite des Chefs des staatlichen Rundfunks "Voice of Vietnam" zum Fall des offenbar verschleppten Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh interviewt worden. Er bewertete den Vorgang aber einseitig - und im Sinne der vietnamesischen Regierung.

Trinh war am 23. Juli im Berliner Tiergarten gewaltsam in ein Auto gezogen und nach Hanoi ausgeflogen worden. Ein Vorgang wie aus einem Agentenkrimi.

In seinem Interview auf Facebook macht T. der deutschen Regierung, der Anwältin Trinhs und Trinh selbst schwere Vorwürfe, ohne diese aber belegen zu können: Die Behörden könnten "keinerlei Beweise" für eine Entführung vorlegen. Das Auswärtige Amt stütze sich hauptsächlich auf Angaben der Rechtsanwältin Trinhs. Diese aber würde am meisten von dem Fall profitieren, weil er kostenlose Werbung für sie sei.

Trinh sei ein regionaler Politiker gewesen, der "bekannt für Korruption und Ausschweifungen" gewesen sei. T. behauptet auch, der Asylantrag Trinhss sei nun hinfällig, weil er das Land verlassen habe. Eine Auffassung, die Asylexperten nicht teilen: Eine Entführung beende nicht automatisch das Asylverfahren.

Die mutmaßliche Entführung durch den vietnamesischen Geheimdienst hatte zu erheblichen Verstimmungen zwischen der Bundesregierung und der Sozialistischen Republik geführt: Der vietnamesische Botschafter wurde einbestellt, ein Mitarbeiter des Geheimdienstes ausgewiesen. Derzeit ermittelt die vierte Mordkommission der Berliner Polizei in dem Fall und versucht, das mutmaßliche Entführungskommando zu identifizieren. Die Mordkommission ist auch zuständig, wenn die körperliche Unversehrtheit gefährdet ist.

Trinh, bis 2013 Manager bei einer Tochtergesellschaft des staatlichen Öl- und Gaskonzerns PetroVietnam, soll für deren Verluste von rund 150 Millionen Dollar verantwortlich sein. Gegen ihn liegt in Vietnam ein Haftbefehl vor. Seine deutschen Anwälte vermuten allerdings politische Machtspiele hinter der Strafverfolgung: Denn Trinh war lange Führungskader der Kommunistischen Partei und gehörte dem modernen Flügel an. 2016 kam er nach Deutschland und beantragte Asyl. Seine Anhörung in einer Bamf-Außenstelle sollte am Tag nach der Entführung stattfinden.

Mitarbeit bei der KP-Zeitung

Der interviewte Ho Ngoc T. hat laut seiner Facebook-Einträge auch bei der Parteizeitung der Kommunistischen Partei mitgearbeitet und erhielt dafür eine Auszeichnung. Er studierte nach eigenen Angaben Jura an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und arbeitet nach Informationen aus Behördenkreisen schon seit längerem für das Bamf, zum Beispiel als Anhörer bei Asylbegehren.

Auf seiner eigenen Facebook-Seite präsentiert er ein internes Schreiben der Behörde vom 7. Juni, in dem ihm für seine Arbeit gedankt wird. Als Mitarbeiter des Bamf hat T. Zugriff auch auf sensible Akten von Asylbewerbern und vermutlich auch auf das Ausländerzentralregister. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, öffentlich zu Vorfällen Stellung zu nehmen, in die auch das Bamf involviert ist.

Bereits im Oktober 2016 hatte Bamf-Mitarbeiter T. über das Verschwinden Trinhs ausführlich auf seiner Facebook-Seite geschrieben und gemutmaßt, der ehemalige Manager halte sich in Deutschland auf. Hatte er Informationen, die andere noch nicht hatten?

T. antwortete auf Fragen des SPIEGEL bis Mittwochabend nicht. Das Bamf teilte mit, der Vorgang sei im Amt bekannt und werde nun überprüft. Ob T. ein Mitarbeiter des Bamf ist, wollte die Behörde weder bestätigen noch dementieren. "Zu personenbezogenen Daten geben wir generell keine Auskünfte", sagte eine Pressesprecherin.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.