Hessen-Debakel Ypsilanti am Ende - Beck in Erklärungsnot

Was für ein Scheitern: Die einsame Abgeordnete Dagmar Metzger hat Andrea Ypsilantis rot-rot-grüne Regierungsträume beendet. CDU-Ministerpräsident Koch darf in die Nachspielzeit - und SPD-Chef Beck muss dringend erklären, wie er weitermachen will. Interne Kritiker stellen den Linksschwenk in Frage.

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Berlin - Die Frau mit der blonden Turmfrisur ist nervös. Wie eine kaltblütige Königsmörderin sieht sie nicht gerade aus. Doch genau das ist ihre Rolle an diesem Freitagmittag in Wiesbaden. Mit zunächst zittriger Stimme, dann aber immer selbstbewusster beendet Dagmar Metzger, SPD-Abgeordnete aus Darmstadt, sämtliche Regierungsträume von Andrea Ypsilanti.

Aus Gewissensgründen könne sie ihre Parteichefin am 5. April nicht zur Ministerpräsidentin wählen, sagt Metzger. Neben dem Wahlversprechen spiele auch ihre persönliche Prägung eine entscheidende Rolle. Als West-Berlinerin habe sie die Folgen von Mauer und Stasi in der eigenen Familie erlebt.

Nur eine Stunde später gesteht Ypsilanti ihre Niederlage ein: Sie wird nicht kandidieren. Es ist ein Debakel für die zuletzt so selbstsichere SPD-Frau. Sie muss erleben, wie ihr rot-rot-grünes Kartenhaus in sich zusammenbricht. Und die Union triumphiert: "Dagmar Metzger hat den von mir geforderten Aufstand der Anständigen gewagt, das bringt Ypsilantis Lügengebäude zum Einsturz", sagte CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer. Die "Volksfront" sei "zumindest vorerst gescheitert".

Ypsilanti in der Sackgasse

An ihrem Fall trägt Andrea Ypsilanti die alleinige Schuld. Ihre geplante Minderheitsregierung war von Anfang an höchst fragil. Taktisch hat sich Ypsilanti in eine Sackgasse manövriert. Stets betonte sie, die Fraktion stünde geschlossen hinter ihr. Offensichtlich war dies nie der Fall. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Ypsilanti wusste tatsächlich nichts von der Abweichlerin. Oder sie hat jeden Gedanken daran verdrängt und gehofft, jeden Gegner ihres Kurses noch überzeugen zu können.

Beide Alternativen zeugen nicht gerade von souveräner Führung. Dazu kommt: Metzger dürfte kein Einzelfall sein. Ziemlich deutlich bejahte die Darmstädterin die Frage, ob weitere Abgeordnete ihre Linie vertreten würden. "Ich weiß, wer noch dagegen war, werde die Genossen aber namentlich nicht nennen", sagte Metzger. Auf jeden Fall dazugehören dürfte Jürgen Walter. Der stellvertretende Fraktionschef hatte bisher wohl allein aus taktischen Gründen seine Loyalität zu Ypsilanti bekundet.

Denn wäre diese in ein paar Wochen tatsächlich angetreten und gescheitert, dann hätte unweigerlich Rivale Walter als Königsmörder gegolten - und damit jede Chance auf eine Nachfolge Ypsilantis verspielt. Deshalb fuhr der Angehörige des reformorientierten Netzwerker-Flügels zuletzt eine schizophren anmutende Doppelstrategie: Herbe Kritik am Links-Kurs seiner Chefin, aber zugleich Loyalitätsbekundungen mit dem Grundtenor: "Die Fraktion wird Ypsilanti geschlossen wählen."

Das ist nun passé. Für Walter lief es also ziemlich optimal.

Spekuliert wurde in Wiesbaden darüber, ob er derjenige war, der Metzgers Entscheidung schon am Donnerstag der Presse zuspielte. Persönlich habe sie aus ihrem Urlaub neben Ypsilanti nur Walter und wenige andere Genossen informiert, sagt die Abweichlerin.

Fragen zu einem möglichen Rücktritt vom Parteivorsitz wehrte Ypsilanti bei ihrem kurzen Statement am Mittag energisch ab. Sie werde als "erfolgreiche Wahlkämpferin" von Partei und Fraktion nach wie vor geschätzt, so Ypsilanti.

Wie geht es nun weiter in Hessen? Und wie in der SPD?

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